Psychische Krisen Special

Zuhören zählt. In Krisen­gesprächen sollten sich Helfende zurück­nehmen.

Kommt ein Mensch in eine seelische Notlage, wissen Freunde und Angehörige oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. In welchen Situationen sollen sie aktiv werden? Ab wann ist professionelle Hilfe angeraten, unter welchen Umständen muss ein Notdienst oder gar die Polizei gerufen werden? Unser test-Special erklärt, wie Sie lernen können, Zeichen richtig zu deuten – und wie Sie sich im Krisenfall verhalten sollten.

Was tun, wenn die Wunde eine seelische ist?

Seit sie in jungen Jahren an Schizophrenie erkrankt ist, erlebt Lisbeth* immer wieder Episoden des Wahns. Dann ruft sie ihre Freundin Sabine Heffner* an. „Lisbeth sieht manchmal Männer, die sie verfolgen. Dabei stehen da nur Bäume“, berichtet Heffner. Seit Jahr­zehnten begleitet sie ihre Freundin, und sagt doch: „Ich weiß viel zu wenig über die Erkrankung. Es wäre hilf­reich, wenigs­tens erste Anzeichen erkennen zu können. Aber auch dann wüsste ich oft nicht, was ich tun soll.“ Wie ihr geht es vielen. Während wir sofort Pflaster zur Hand haben, wenn ein Freund sich das Knie aufgeschlagen hat, wissen die wenigsten, was zu tun ist, wenn die Wunde eine seelische ist.

Umfeld kann in der Krise helfen

Dabei erkrankt jeder Dritte in Deutsch­land mindestens einmal im Leben psychisch. Freunde, Familie oder enge Arbeits­kollegen sehen die Anzeichen meist schnell – und zögern doch oft. Sie befürchten, in ein Wespennest zu treten, alles zu verschlimmern. Experten sind sich aber einig: Das soziale Umfeld kann seelischen Stress abpuffern, in Krisen­zeiten helfen.

Die Veränderungen offen ansprechen

Was können Angehörige für die Betroffenen tun? In welchen Situationen sollen sie aktiv werden? Ab wann ist professionelle Hilfe angeraten, unter welchen Umständen muss ein Notdienst oder gar die Polizei gerufen werden? Die Grenzen sind nicht immer ganz klar. Dennoch gibt es Anzeichen, wann welche Unterstüt­zung ratsam ist.

Lieber unter vier Augen

Psychische Krisen Special

Friedrich Kiesinger ist Psycho­therapeut und leitender Psycho­loge beim Berliner Krisen­dienst.

Verändert sich ein Freund, Familien­mitglied oder Arbeits­kollege plötzlich und deutlich in seinem Verhalten oder im äußeren Erscheinungs­bild, können dies Zeichen einer Krise oder psychischen Erkrankung (siehe Erste Hilfe) sein. Dann gilt: „Ein offenes Gespräch kann sehr entlastend sein“, sagt Friedrich Kiesinger, leitender Psycho­loge beim Berliner Krisen­dienst. Er rät, die beob­achteten Veränderungen direkt anzu­sprechen, vorwurfs­frei. „Ich sollte aber jemandem nur meine Hilfe anbieten, wenn ich das ernst meine und bereit bin, Zeit zu investieren“, sagt Kiesinger. Selten lasse sich ein Problem in zehn Minuten lösen. Auch sollte der Rahmen stimmen. „Sprechen Sie denjenigen nicht vor anderen auf mögliche Probleme an, lieber unter vier Augen“, sagt der Psycho­therapeut.

Ablehnung nicht persönlich nehmen

Doch wie beginnen? „Ein schlichtes ‚Wie geht es dir? ‘ wäre ein guter erster Satz“, sagt Cornel Binder-Kriegl­stein, Psycho­loge aus Österreich. Seit rund zehn Jahren bietet er dort Kurse zur Ersten Hilfe bei psychischen Erkrankungen an. Darin lernen Laien, wie sie anderen in seelischer Not beistehen können, und auch, wie sie ein erstes Gespräch führen können. Es hilft, ein paar Regeln zu befolgen. „Bevor Sie ins Gespräch gehen, sollten Sie sich Ihre Rolle bewusst machen: Sie möchten Mitgefühl zeigen und unterstützen! Dann formulieren und handeln Sie so“, rät Binder-Kriegl­stein.

Geduld mitbringen

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Der österrei­chische Psycho­therapeut Cornel Binder-Kriegl­stein gibt Kurse zur „Ersten Hilfe bei psychischen Erkrankungen“.

Nicht förderlich ist es, ungefragt Ratschläge zu geben. Beschwichtigende Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Reiß dich zusammen“ verletzen und signalisieren, dass das Leid nicht ernst genommen wird. Der Helfende sollte sich mit seiner Lebens­geschichte zurück­halten, er steht nicht im Mittel­punkt. Als Zuhörer muss er Geduld mitbringen: Der andere braucht meist Zeit zum Erzählen, Weinen, Schweigen. Auch zu viel körperliche Nähe ist nicht ratsam. Eine Hand auf der Schulter kann Trost spenden, eine Umarmung ist – außer bei engen Freunden – lieber zu vermeiden. Es kann auch sein, dass der andere gar nicht mit einem sprechen möchte. Dann sollten Helfer sich nicht aufdrängen. „Nehmen Sie das nicht persönlich. Signalisieren Sie, dass Sie trotzdem da sein werden, wenn der andere Hilfe braucht“, sagt Binder-Kriegl­stein.

Wann professionelle Hilfe wichtig ist

Ab einem bestimmten Punkt ist es sinn­voll, dem Betroffenen professionelle Hilfe anzu­raten. Etwa, wenn er in eigenen Versuchen, das Problem zu lösen, mehr­fach gescheitert ist. Oder wenn sein Leid groß ist oder es ihm schwerfällt, den Alltag mit Arbeit, Frei­zeit und Beziehungen zu leben. Wer zu professioneller Hilfe rät, kann Betroffene besser unterstützen, wenn er sich vorher schlau gemacht hat, welche Angebote es gibt. Ist der Betroffene dafür offen, kann der Angehörige auch Optionen durch­sprechen – Selbst­hilfe­gruppen, Beratungs­stellen, Haus­arzt, Fach­arzt oder Psycho­therapeut – oder bei der oft beschwerlichen Suche nach einem Therapeuten helfen. Dennoch: Jeder hat das Recht, sich in seelischen Krisen keine Hilfe zu suchen.

Akute Krisen meistern

Bei dieser Regel gibt es allerdings Ausnahmen: Freunde und Angehörige können nur wenig tun, wenn ein Mensch akut in einer Krise steckt, in der er droht, sich umzubringen, oder in Wahn versunken Mitmenschen gegen­über sehr aggressiv ist. Dann sollten sie unbe­dingt Profis hinzuziehen – um den Erkrankten und sich selbst zu schützen. Viele stürzt das in ein Dilemma: Sie wollen dem Freund, Familien­mitglied oder Kollegen helfen. Gegen seinen Willen einen Psychiater oder die Polizei zu rufen, kann sie aber das Vertrauen des anderen kosten.

Fachliche Hilfe holen

Sabine Heffner kennt diese Situation. Einmal, als Lisbeth wahn­erfüllt anrief, fuhr Heffner gleich zu ihr. Ihre Freundin öffnete nicht, wütete in ihrer Wohnung. Heffner machte sich große Sorgen. „Da wusste ich, das muss ich abgeben an jemanden vom Fach“, sagt sie. Sie rief eine psychiatrische Ambulanz an. Die Mitarbeiter kamen und sprachen mit Lisbeth durch die geschlossene Tür, bis sie öffnete und Hilfe annahm.

Im Notfall helfen sozial­psychiatrischer Dienst und Polizei

Droht ein Mensch, sich selbst oder andere zu verletzen, schlägt er im Wahn um sich oder ist sehr erregt, ist der sozial­psychiatrische Dienst ein wichtiger Ansprech­partner. In allen Bundes­ländern gibt es ihn, oftmals ans Gesund­heits­amt angegliedert. Im Notfall zieht er die Polizei hinzu. Ist die Situation akut sehr stark aufgeheizt und gefähr­lich, sollten Angehörige direkt den Notruf wählen (So finden Sie professionelle Hilfe). Wichtig: Geht es dem Betroffenen wieder besser, kann ein offenes Gespräch über diese Akutsituation ratsam sein – und für die Zukunft versöhnlich wirken.

Angehörige müssen Kraft tanken

Die Sorge um einen Nahe­stehenden kann auch das eigene Wohl­befinden ins Wanken bringen. „Sorgen Sie gut für sich selbst!“, rät der Bundes­verband für Angehörige psychisch Kranker. Er mahnt Helfer dazu, sorg­sam mit ihren Kräften umzu­gehen, Kontakte zu anderen und Frei­zeit­aktivitäten zu pflegen. Sonst wird das Leid des anderen zum eigenen. „Du bist nicht der Arzt, du bist die Freundin“, hat mal ein Bekannter zu Sabine Heffner gesagt. Sie könne Lisbeth nicht heilen, aber Schönes mit ihr unternehmen und den Kontakt zu ihr halten.

* Name von der Redak­tion geändert.

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