Prozesskostenfonds Meldung

Der größte Anbieter von Prozesskostenfonds, die Juragent AG, legt den fünften Fonds auf. Mit dem Geld der Fondsanleger finanziert die Firma gegen Erfolgsbeteiligung Prozesse. Doch aussichtsreiche Fälle sind rar. Nun zittern die Anleger.

Die Berliner Juragent AG hat viel Geld. Fast 80 Millionen Euro hat sie in vier Fonds von Anlegern eingesammelt. Sie will damit Gerichtsprozesse um Geld von Klägern finanzieren, die das selber nicht können. Gewinnt ein Kläger, gibt er den Anlegern einen Teil vom Gewinn ab.

Doch gibt es wirklich genug aussichtsreiche Fälle, um ein Millionengeschäft zu betreiben? In internen Schreiben räumt Juragent-Vorstand Mirko Heinen ein, dass die beiden ersten Fonds nicht wie geplant Geld einbringen. Das hindert ihn aber nicht daran, weiter Geld zu sammeln. Nun soll es einen fünften Fonds geben und Heinen verkündet bereits öffentlich, dass es bei seinem Modell nur Gewinner gibt. Bislang ist das eine Behauptung ohne Beleg.

Fondslaufzeit

Prozesskostenfonds Meldung

Mirko Heinen, Vorstandsvorsitzender der Juragent AG, im Juli 2006.

Sicher ist, dass die bisherigen Anleger länger als die geplanten fünf Jahre warten müssen, bis vielleicht einmal Erlöse auf ihr Konto fließen. Obwohl sich Juragent nach ­eigenen Angaben vor Finanzierungsanfragen nicht retten kann, sind aussichtsreiche Prozesse offenbar rar. Den dritten Fonds sollte Juragent bis heute mit Fällen versorgen, bei denen um insgesamt 300 Millionen Euro gestritten wird. Nach Anlegerberichten ist man davon meilenweit entfernt.

Juragent selber schweigt dazu – wie auch zu Problemen des ersten Fonds. Er läuft offenbar nicht wie geplant und soll nun mit zusätzlichen Prozessen versorgt werden. Liefe alles glatt, wäre die Notbehandlung nicht nötig.

Erfolgsaussichten

Wer mit Prozessrisiken Geschäfte macht, muss viel davon verstehen. Die Juragent AG prüft vor der Kostenübernahme die Erfolgsaussichten der Fälle gründlich, heißt es. Davon hängt ab, ob die Fondsanleger ihr Geld überhaupt wiedersehen. Doch kennt Juragent das Rechtsgeschäft tatsächlich so gut? Bei der Dauer der finanzierten Verfahren hat sich die Juragent AG bereits schwer verschätzt. Hieß es 2004 noch, dass Prozesse stets nach rund zwei Jahren beendet seien, geht man nun plötzlich von fünf Jahren aus.

Juragent wirbt mit einer Erfolgsquote von 70 Prozent. Für Anleger in den Fonds ergebe sich daraus eine Rendite von jährlich über 14 Prozent. Doch intern rechnet Juragent anders: Bei den finanziellen Rückstellungen für Prozesskosten geht sie laut einem Bericht der AG-Hauptversammlung 2006 davon aus, dass 80 Prozent der Fälle vor Gericht verloren werden.

Das mag vorsichtiges Management sein. Fondsanleger, die Juragent im Vertrauen auf die Erfolgsquote aus der Werbung ihr Geld gaben, muss es aber alarmieren. Bei einer Verlustquote von 80 Prozent sähen sie von ihrem Geld nicht viel wieder.

Sicherheit

So hoffen die Anleger, dass wenigstens die Kontrollen bei Juragent funktionieren. Doch auch hier klemmt es.

Bislang sollte der Naundorfer Anwalt Wolfgang Gierk als Kontrolleur sicher­stellen, dass Juragent mit dem Anlegergeld korrekt umgeht. Doch Finanztest fand heraus, dass gegen Gierk ermittelt wird. Er soll Geld veruntreut haben und saß in U-Haft (siehe Meldung Prozesskostenfonds).

Damit er freikommt, zahlte Juragent eine Million Euro. Die Anleger erfuhren davon nichts, Gierk arbeitete monatelang weiter. Nun ist er nicht mehr im Amt.

Auch das zweite Sicherungssystem – der Aufsichtsrat der Juragent – scheint die Firma nicht wirksam zu kontrollieren. Zwar hat mit Hans-Peter Schwintowski ein namhafter Juraprofessor den Vorsitz im Aufsichtsrat. Doch er hat im Fall Gierk die Millionenzahlung erst bestritten und dann erklärt, den Sachverhalt nicht richtig verstanden zu haben. Einem Juraprofessor kann man das kaum glauben.

Anleger der Fonds wollen Juragent-Vorstand Heinen nun zu mehr Unternehmenstransparenz zwingen. Heinen ist aber auch Geschäftsführer der Fonds. Er müsste darüber mit sich selber verhandeln.

Vielleicht wird Juragent wenigstens nach ihrem Börsengang auskunftsfreudiger. Ab diesem Frühjahr soll die Aktie an der Frankfurter Börse gehandelt werden.

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