Prokon Regenerative Energien hat endlich den Abschluss für 2012 veröffent­licht. Anleger mussten demnach schon im Jahr 2012 Verluste mittragen. Die Wirt­schafts­prüferin hat der alten Geschäfts­führung den Bestätigungs­vermerk versagt – was sehr selten vorkommt. Der vorläufige Insolvenz­verwalter rechnet damit, dass die Anleger Verluste hinnehmen müssen. Und der kürzlich entlassene Prokon-Gründer geht nun eigene Wege – er setzt auf eine Genossenschaft. test.de erklärt die neue Lage.

Abschluss trägt Datum kurz vor Insolvenz­antrag

Der lang erwartete Jahres­abschluss für 2012 ist auf den 16. Januar 2014 datiert. Er liest sich wie ein Dokument, das aus der Zeit gefallen ist. Denn nur wenige Tage später, am 22. Januar, stellte die Prokon Regenerative Energien GmbH Insolvenz­antrag. Es war absehbar, dass sie Anleger nicht ausbezahlen konnte, die ihre Genuss­rechte gekündigt hatten. Rund 75 000 Anleger haben 1,4 Milliarden Euro in die Genuss­rechte von Prokon gesteckt.

Genuss­rechte verloren zehn Prozent an Wert

Aufschluss­reich ist es, wenn man den endgültigen Jahres­abschluss für das Jahr 2012 mit einem Entwurf vom 9. Dezember 2013 vergleicht, den Prokon kurz vor Weih­nachten 2013 auf der eigenen Internetseite veröffent­licht hatte. Darin war ein hoher Fehl­betrag ausgewiesen, der weit über Rück­lagen und Stamm­kapital hinaus­ging. Die Stiftung Warentest hatte darauf hingewiesen, dass die Genuss­rechts-Kapital­geber die Verluste in diesem Fall voll mitragen müssten und der Rückzahlungsanspruch der Anleger entsprechend sinken würde. Der nun veröffent­lichte Jahres­abschluss bestätigt dies. Von den 128,8 Millionen Euro Jahres­fehl­betrag mussten die Genuss­rechts­anleger 106,9 Millionen Euro tragen. Der Nenn­wert der Genuss­rechte betrug eine gute Milliarde Euro. Das Genuss­rechts­kapital schmolz somit um ein Zehntel ab. In der Bilanz ist der Buch­wert daher nur noch mit 925,1 Millionen Euro verzeichnet.

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Genuss­rechts­inhaber müssen Verluste hinnehmen

Anleger haben nur Anspruch auf eine Rück­zahlung in Höhe des nied­rigeren Buch­werts. Zudem reichte das Jahres­ergebnis eigentlich nicht aus, um die fälligen Zinsen auszuzahlen. Prokon zahlte bis zur Insolvenz­anmeldung aber nicht nur die Grund­verzinsung von 6 Prozent pro Jahr, sondern packte sogar noch eine Über­schuss­beteiligung oben­drauf. Auch Kündigern über­wies die Gesell­schaft den vollen Nenn­wert. Das war auch möglich, sofern Prokon nach­wies, dass es in entsprechender Höhe „stille Reserven“ gab. Sie errechnen sich aus der Differenz aus Markt­preis und Buch­wert des Sach­anlage­vermögens. Stille Reserven entstehen zum Beispiel, wenn der Markt­wert eines Wind­parks den Betrag über­steigt, mit dem er in der Bilanz angesetzt wird. Der Markt­wert kann von Gutachtern oder dem Unternehmen selbst geschätzt werden.

Wirt­schafts­prüferin versagt das Testat

Das Problem: Prokon muss diesen Ermessens­spielraum in einem Lagebericht offenlegen und diesen von einem Wirt­schafts­prüfer testieren lassen. Der Teil gehört aber gerade zu den Punkten, die die von Prokon beauftragte Wirt­schafts­prüferin in ihrer Begründung für das versagte Testat ausdrück­lich aufzählt: „Der Lagebericht vermittelt insgesamt kein zutreffendes Bild von der Lage der Gesell­schaft“. Die Entwick­lung des Anlage­vermögens „steht nicht mit den übrigen Angaben im Jahres­abschluss in Einklang“, erläutert sie weiter und kritisiert fehlende Angaben.

Hat Prokon Anleger ungleich behandelt?

Das lässt zum einen Zweifel daran, dass die Genuss­rechte „zu 100 % abge­sichert“ sind, wie Prokon noch kurz vor Weih­nachten 2013 behauptet hatte, zumal der Buch­wert nach den jüngsten Bilanz­entwürfen für verschiedene Stichtage im Jahr 2013 weiter zurück­gegangen sein dürfte. Zum anderen stellt sich die Frage, ob und bis wann Prokon nach 2012 Kündigern über­haupt den vollen Nenn­wert und den verbleibenden Anlegern so hohe Zinsen zahlen durfte. Werden ausscheidende Anleger an stillen Reserven beteiligt und lassen sich diese nicht in entsprechender Höhe nach­weisen, werden ausscheidende Anleger gegen­über den verbleibenden Anlegern bevor­zugt. Die Geschäfts­führung darf sie jedoch nicht ungleich behandeln. Das muss ausgeschiedene Anleger aber nicht beunruhigen. Wer sein Geld von Prokon schon bekommen hat, darf es in der Regel behalten. Ausnahme: Zahlungen, die bis zu drei Monate vor einer Insolvenz­anmeldung getätigt wurden, kann ein Insolvenz­verwalter anfechten. Das gilt unabhängig davon, ob die Zahlung zu hoch war oder nicht.

Nicht realisier­bare Projekte in Millionenhöhe

Insgesamt ergibt sich kein positives Bild der wirt­schaftlichen Lage. So musste Prokon in dem Jahr 31,1 Millionen Euro abschreiben, weil sich Wind­park­projekte als nicht realisier­bar erwiesen. Mit Millionen­beträgen schlugen die vielen Post­wurfsendungen und die omni­präsente Werbung zu Buche: Allein für Porto gab Prokon 6,6 Millionen Euro aus, die Werbe­kosten machten 10,2 Millionen Euro aus.

Total­verlust nicht zu befürchten

Mit Verlusten für die Anleger rechnet auch der vorläufige Insolvenz­verwalter Dietmar Penzlin in einem Zwischen­stand. Voraus­sicht­lich Anfang Mai werde das Insolvenzge­richt in Itzehoe entscheiden, ob es das Insolvenz­verfahren eröffnet. Falls dies der Fall sein sollte, sei bereits gesichert, dass Wind­parks in Deutsch­land und Polen weiterbetrieben und in Deutsch­land, Polen und Finn­land weiter projektiert werden könnten. Bei weiteren Geschäfts­bereichen werde ein Weiterbetrieb „intensiv geprüft“. Ein Insolvenz­plan werde vorbereitet. „Mutmaßungen, die Genuss­rechts­inhaber müssten mit einem ’Total­ausfall’ rechnen, sind falsch. Richtig ist jedoch, dass die Genuss­rechts­inhaber durch­aus Verluste werden hinnehmen müssen“, teilt Penzlin in seiner Stellung­nahme mit.

Genuss­rechte über 400 Millionen Euro gekündigt

Er beziffert das Volumen gekündigter Genuss­rechte auf rund 400 Millionen Euro, das ist weit mehr als die Zahlen, die sich aus den Angaben der alten Geschäfts­leitung um Carsten Rodbertus ableiten ließen. Nach der Insolvenz­anmeldung durfte sie zunächst noch für die Gesell­schaft handeln, wenn der vorläufige Insolvenz­verwalter zustimmte. Ende März 2014 hat das Insolvenzge­richt Itzehoe indes ein Verfügungs­verbot für die alte Geschäfts­führung ange­ordnet. Dietmar Penzlin hat nun die volle Verfügungs­macht bei Prokon Regenerative Energien. „Klage­verfahren von Genuss­rechts­inhabern werden nicht fortgeführt; neue Klag­erhebungen sind unzu­lässig“, erläutert der vorläufige Insolvenz­verwalter.

Prokon-Gründer setzt auf neue Genossenschaft

Penzlin stellt klar, dass es keinerlei Verbindung zur neuen Prokon Genossenschaft für eine lebens­werte Zukunft eG i.G. in Hohen­aspe gebe, die unter anderem vom Prokon-Gründer Carsten Rodbertus gegründet wurde: „Die Genuss­rechts­inhaber von PROKON sind von der Gründung der Genossenschaft folg­lich nicht betroffen.“

„Freunde von Prokon“ distanzieren sich von Rodbertus

Die Genossenschaft hatte zeit­weise Entwürfe veröffent­licht, mit denen sie offen­bar an Anleger heran­treten wollte. Unter anderem wollte sie sich den Entwürfen zufolge Genuss­rechte abtreten lassen und bot 70 Prozent des Nenn­werts mit einer Chance auf mehr dafür. Selbst die Prokon-Unterstützergruppe „Freunde von Prokon“ riet jedoch allen Anlegern dringend, dies nicht zu tun. Sie hat sich öffent­lich von Prokon-Gründer Carsten Rodbertus distanziert.

Anleger bekommen Formulare zuge­schickt

Vieles spricht derzeit dafür, dass im Mai das Insolvenz­verfahren eröffnet und Penzlin vom Gericht zum Insolvenz­verwalter bestimmt wird. Er strebt in diesem Fall an, den Gläubigern bis Mitte Juni Formulare zu schi­cken, mit denen sie ihre Forderungen anmelden können. Bis dahin können Anleger nichts tun. Die Stiftung Warentest rät auf Basis der bislang vorliegenden Informationen und Entwürfe davon ab, in irgend­einer Form in die neue Genossenschaft alter Prokon-Verantwort­licher zu investieren.

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