Interview: Falsche Versprechungen

Versicherungskunden, die vor sechs bis sieben Jahren eine private Rentenversicherung abgeschlossen haben, wurde später oft unberechtigt ihre Überschussbeteiligung gekürzt. Finanztest sprach mit Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen.

Wie ist es zu den Kürzungen gekommen?

Scholl

: Wider besseres Wissen haben Lebensversicherer zwischen Mitte 1994 und Ende 1995 ihren Kunden Überschussbeteiligungen vorgerechnet, die wegen der steigenden Lebenserwartung der Versicherten schon damals nicht haltbar waren. Dagegen können Versicherte allerdings vorgehen. Betroffen sind beinahe alle ansparenden Rentenversicherungen ­ also aufgeschobene sowie fast alle Rentenpolicen aus dieser Zeit, bei denen schon Rente gezahlt wird, zum Teil auch spätere Vertragsabschlüsse. Insgesamt geht es um bis zu einer halben Million Fälle.

Wie können Versicherte erkennen, ob sie so ein Fall sind?

Scholl

: Wer damals abschloss und anschließend einen Brief bekam, in dem stand, dass die Versicherten länger leben und deshalb der Überschussbeteiligungssatz oder die Überschussrente gekürzt werden müsse, kann davon ausgehen, dass er mit falschen Versprechen geködert wurde. Es gibt fast keinen Versicherer, der dabei nicht mitgemacht hätte.

Was können Betroffene tun?

Scholl

: Sie müssen vom Versicherer die Rückgängigmachung der Kürzungen verlangen und ­ für den Fall, dass bereits Rente bezogen wird ­ eine Nachzahlung fordern.

Wie sind die Erfolgschancen?

Scholl

: Vor Gericht sehr gut. Da die Versicherer fast immer versucht haben, sich bei der Mitteilung der Rentenkürzung mit einer quasi schicksalhaften Erkenntnis der längeren Lebenserwartung zu rechtfertigen, liegt deren Schuldeingeständnis im Regelfall schwarz auf weiß vor. Schlimmstenfalls muss man sich durch mehrere Instanzen klagen, weil man in den unteren Instanzen erst einmal trotz glasklarer Rechtslage abgeschmettert wird.

Müsste der Staat Versicherte besser schützen?

Scholl

: Ja. Es muss endlich eine weit reichende Pflicht der Versicherer in das Versicherungsvertragsgesetz hineingeschrieben werden, über alle wesentlichen Umstände aufzuklären, von denen zu erwarten ist, dass diese einen rational handelnden Versicherungsnehmer interessieren würden. Bei Pflichtverstößen müsste es empfindliche Strafen geben. Solange sich hier nichts ändert, empfehle ich: Finger weg von Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen!

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