Schon lange ist klar, dass manche private Rente niedriger ausfallen wird als versprochen. Doch die Versicherungsgesellschaften verschweigen das gern.

30.000 Mark hatte sich Herbert Mehlers* vor zehn Jahren zusammengespart. Ausgeben wollte der damals 52-Jährige diese Summe nicht, sondern aufbewahren ­ für seinen Ruhestand. Lange überlegte der gelernte Buchhalter, wie er sein Geld am besten anlegen könnte. Ende 1991 entschied er sich schließlich für eine "aufgeschobene" private Rentenversicherung bei der Versicherungsgesellschaft Victoria. Ab dem 1. Dezember 2003 sollte Mehlers für seine 30.000 Mark von der Victoria eine monatliche Rente von 593 Mark erhalten. Sie sollte jährlich steigen.

Bei einer aufgeschobenen privaten Rentenversicherung gibt es eine Einzahlungs- und eine Verrentungsphase. Mehlers übergab der Victoria seine 30.000 Mark jedoch auf einen Schlag. Damit der Steuervorteil von Lebensversicherungen, zu denen auch eine private Rentenversicherung gehört, nicht verloren geht, muss die Zeitspanne bis zur Auszahlung mindestens zwölf Jahre umfassen. Das war vorgesehen.

Zusätzlich muss ein Kunde mindestens fünf Jahre lang Beiträge leisten. Um dieses Kriterium zu erfüllen, zwackte die Victoria von Mehlers überwiesener Summe zunächst nur einen ersten Jahresbeitrag in Höhe von 6.867,90 Mark ab. Den Rest legte die Gesellschaft in ein Depot. Aus diesem sollten dann nach und nach die vier weiteren Jahresbeiträge gespeist werden.

Natürlich sollte das Geld im Depot verzinst werden. 7,25 Prozent prognostizierte der Victoria-Vertreter Mehlers ­ auch für damalige Verhältnisse ein ordentlicher Wert. Doch Mehlers hatte nichts von den schönen Versprechungen, denn die Gesellschaft konnte diesen stolzen Zinssatz für das Depot nicht halten. Am 25. November 1995 wurde er aufgefordert, 654,16 Mark nachzuzahlen. Zähneknirschend überwies er.

Unverständliches Schreiben

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Victoria längst, dass die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland so stark gestiegen war, dass die so genannten Sterbewahrscheinlichkeiten, die Mehlers Vertrag 1991 zugrunde gelegt waren, nicht mehr zutrafen. Im Klartext: Sie wusste, dass die versprochene Rente trotz Nachzahlung ihres Kunden geringer ausfallen würde, als bei Vertragsabschluss vorgerechnet. Doch erst im September 1997 sprach sie in einem Schreiben an Mehlers erstmals über die gestiegene Lebenserwartung. Dass er effektiv weniger Rente bekommen würde, konnte Mehlers aus diesem nicht persönlich unterzeichneten Serienbrief noch nicht herauslesen.

In einem unverständlichen Versicherungskauderwelsch beschrieb das Unternehmen darin nur, dass es "bereits heute geeignete Maßnahmen" treffe, um die erwartete Verlängerung der Rentenzahlung um durchschnittlich vier bis fünf Jahre zu berücksichtigen. Die längere Lebenserwartung werde nicht über den Preis, sondern den Anteil der einzelnen Versicherung am Überschuss ausgeglichen. Die versicherte Rente koste keinen Pfennig mehr. Mehlers ahnte nichts von seiner neuen Rentenlücke.

Erst drei Jahre später ließ die Victoria die Katze aus dem Sack: Statt prognostizierten 593 Mark soll Mehlers ab dem 1. Dezember 2003 nun nur noch 469 Mark Rente bekommen. 22 Prozent weniger als angekündigt! Mehlers ist wütend und fühlt sich betrogen. Von Versicherungen hat er die Nase voll. Gegen seine Wut hilft ihm auch nicht, dass er inzwischen weiß, dass die Victoria mit der Umschreibung, die längere Rentenzahlung werde über die Überschüsse ausgeglichen, die Wahrheit sagte.

Überschüsse sind das Kernstück von Lebensversicherungen, zu denen auch eine private Rentenversicherung zählt. Ihre Leistung besteht immer aus einem garantierten Teil, den der Kunde auf jeden Fall erhält, und einem variablen, den Überschüssen. Überschüsse entstehen zum größten Teil aus Zinsgewinnen, zu einem kleineren aus Kostengewinnen. Sie fallen an, weil Versicherungsgesellschaften ihre Verwaltungskosten meistens erst einmal zu hoch ansetzen. Sind die Kosten später niedriger, werden die Überschüsse den einzelnen Kunden gutgeschrieben. Teil drei der Überschussbeteiligung sind Risikogewinne. Bei der privaten Rentenversicherung kommen sie zustande, wenn die Lebenserwartung niedriger als kalkuliert ist. Denn dann müssen die Unternehmen insgesamt weniger Renten auszahlen.

Doch die Menschen werden immer älter. Deshalb fallen bei den laufenden privaten Rentenversicherungen zurzeit kaum Risikogewinne, sondern häufig Risikoverluste an. Mehlers bekommt das mit seiner Rentenlücke zu spüren.

Ausweg für manche

Die Lage des Buchhalters ist miserabel, denn die Victoria muss die längere Lebenserwartung nachträglich berücksichtigen. Rückgängig machen kann Mehlers seine Investition nicht. Eine Kündigung des Versicherungsvertrags brächte ihm noch höhere Verluste. Um die entstandene Rentenlücke zu füllen, hat er gleichzeitig keine Zeit mehr.

Einen Schadenersatzanspruch aus der verschleppten Information kann Mehlers nach Ansicht von Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen, gegen die Victoria dennoch nicht durchsetzen. Denn einerseits sei sein Schaden kaum zu beziffern, andererseits müsse er mit seinem Vorteil, weniger Geld festgelegt zu haben, gegengerechnet werden. Scholl: "Dann kommt nichts heraus oder nur ein Minibetrag."

Bei Verträgen, die zwischen Mitte 1994 und Ende 1995 abgeschlossen wurden, haben privat Rentenversicherte nach Scholls Meinung dagegen sehr gute Karten, eine Rücknahme von Kürzungen zu verlangen, wenn die Unternehmen nach Vertragsbeginn die Überschussbeteiligung gesenkt haben. Denn diese Verträge hätten bereits auf Basis einer längeren Lebenserwartung gerechnet werden müssen. Eine Kürzung wäre dann nicht notwendig gewesen. Doch viele Gesellschaften verschleierten in dieser Phase die verschlechterte Situation.

* Name von der Redaktion geändert.

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