Private Renten­versicherung Test

Sichere Zusatz­rente gesucht? Anbieter verkaufen fast nur noch neuartige Produkte. Unser Fazit: Weniger Garantie, mehr Risiko.

Wer heute auf der Suche nach einer „sicheren“ zusätzlichen Alters­vorsorge zum Versicherungs­vertreter geht, wird häufig im Regen stehen gelassen. Die Absicherung, die Sparer von der klassischen Rentenversicherung kennen, bieten Vertreter nur noch selten an.

Seitdem die Zinsen auf Tiefst­ständen verharren, ist den Versicherern selbst der garan­tierte Minizins von 1,25 Prozent zu hoch, den sie aktuell maximal versprechen dürfen.

Viele Anbieter – von Allianz bis Württem­bergische – haben neue Produkte entworfen, die sie als Renten­versicherung verkaufen. Finanztest hat sich zwei Gruppen genauer angesehen: „Neue Klassik“ und Index­policen. Unser Fazit: Weniger Garan­tien, damit weniger Sicherheit als bisher.

Die beiden neuen Varianten bieten Versicherer als Alternativen zu klassischen Verträgen an (Tabelle Rentenversicherung alternativ 10/2016). Das Modell: In beiden Vertrags­typen werden die Beiträge der Kunden – wie bei der „alten“ Klassik – in der gemein­samen Kapital­anlage aller Kunden angelegt. Die Garan­tien sind aber im Vergleich zur Klassik gesenkt. Nicht mehr die Vermehrung des Kapitals wird garan­tiert, sondern nur noch der Erhalt der vom Kunden einge­zahlten Beiträge.

Ein reiner Beitrags­erhalt bedeutet durch die Inflation eine Entwertung der Kauf­kraft. Die Inflation ist aktuell sehr nied­rig, aber das muss nicht so bleiben. Und selbst bei einer historisch nied­rigen Inflation von 1 Prozent sinkt die Kauf­kraft von 1 000 Euro in 30 Jahren auf nur noch 742 Euro.

Als Ausgleich für die gesunkenen Garan­tien stellen die Versicherer höhere Über­schüsse in Aussicht. „Sicher und trotzdem die Chance auf mehr“ soll die Botschaft sein. Klingt toll, doch in Zahlen sind die Extras eher ernüchternd. Bei Index­policen sind die Chancen auf hohe Renditen stark begrenzt. Und bei der „Neuen Klassik“ bleibt es bei Mini-Zuschlägen: 0,3 Prozent­punkte mehr Gesamt­verzinsung aus den Über­schüssen zahlt etwa die Allianz ihren „neuen“ Kunden 2016 im Vergleich zu den Kunden mit der „alten“ klassischen Renten­versicherung.

Die höheren Über­schüsse sind Versprechen der Versicherer. Die können sie in Zukunft jeder­zeit ändern.

Als Spar­produkt okay

Eine Ausnahme bei diesen neuen Produkten ist der neue Tarif der Debeka. Auch Debeka hat die garan­tierte Leistung gesenkt. Die frei werdenden Über­schüsse werden hier jedoch in einen Debeka-eigenen Fonds investiert. Der Fonds ist zu jung für eine Finanztest-Bewertung.

Ob höhere Über­schuss­beteiligung oder Investition der Über­schüsse in Fonds: Für die Anspar­phase steigen bei den neuen Produkten durch die geringeren Garan­tien die Chancen auf eine höhere Rendite. Das nutzt jedoch vor allem Kunden, die im Alter keine Rentenzahlung wünschen, sondern schon planen, die Kapital­abfindung zu wählen – also sich das Geld auf einen Schlag auszahlen zu lassen.

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Renten­versicherungen lohnen sich über­haupt nur, wenn sie bis Vertrags­ende durch­gehalten werden. Das schaffen viele nicht.

Zahlung im Alter zu unsicher

Weiteres Ergebnis unseres Tests: Für die Renten­phase lassen sich die Anbieter mit den neuen Produkten viele Freiheiten.

Wer bei einem Anbieter wie Europa eine klassische Renten­versicherung alter Prägung abschließt, weiß schon heute, wie sein gesamtes Kapital in 30 Jahren in eine Rente umge­rechnet wird, inklusive aller bis dahin aufgelaufenen Über­schüsse. Bei den neuen Produkten gibt es diese Garantie nur für die einge­zahlten Beiträge.

Der Clou der neuen Produkte soll sein, dass höhere Über­schüsse über den Beitrags­erhalt hinaus erzielt werden. Wie diese jedoch verrentet werden, das wollen die meisten Anbieter erst entscheiden, wenn es so weit ist und der Kunde in Rente geht.

Ein üblicher Umrechnungs­faktor für einen heute 65-Jährigen liegt bei zirka 33 Euro Rente monatlich pro 10 000 Euro Vertrags­guthaben. Das bedeutet, dass es mehr als 25 Jahre dauert, bis die Summe der Renten das Vertrags­guthaben über­steigt. Mit guter Über­schussentwick­lung kann es schneller gehen.

Allerdings kann dem Kunden keiner garan­tieren, dass der Umrechnungs­faktor in Zukunft nicht schlechter aussieht. Das kann zu dem Effekt führen, dass das angesparte Kapital bei einem neuen Produkt höher ist, als wenn er das Geld in eine klassische Renten­versicherung gesteckt hätte, die Rente jedoch trotzdem geringer ausfällt. Der Umrechnungs­faktor kann aber in Zukunft auch besser sein als heute.

Rente als Glücks­spiel

Noch ungewisser wird die Alters­vorsorge bei den Index­policen. Bei ihnen ist die Verzinsung abhängig von einem komplizierten Finanz­produkt, das eine Beteiligung an einem Index wie dem Dax oder dem Euro Stoxx 50 verspricht. In anderen Fällen gibt es intrans­parente Eigenlösungen, die sowieso nicht als Basis­anlage geeignet sind.

Bei diesen neuen Renten­versicherungen kann es in der Anspar­phase Jahre geben, in denen es gut läuft, und Jahre, in denen gar keine Zinsen fließen (siehe genaue Erklärung in Indexpolicen). Durch die ungewöhnliche Konstruktion ist es kaum absehbar, wie sich die Über­schüsse entwickeln. Zur unsicheren Verrentung hinzu kommt also ein Glücks­spiel mit den Über­schüssen.

Zu viele Hintertürchen

Bei den neuen Produkten ist daher Vorsicht geboten. Von der sicheren und plan­baren Vorsorgeform der klassischen Renten­versicherung bleibt nicht mehr viel übrig.

In der Anspar­phase können Kunden durch die abge­senkten Garan­tien tatsäch­lich auf höhere Renditen hoffen. Für die Renten­phase aber lassen sich die Anbieter zu viele Hintertürchen zum Nachteil der Kunden offen.

Alte Kunden zahlen Extras mit

Was bedeuten die Extras der Neukunden für Bestands­kunden? Die Anbieter argumentieren, dass sie durch die geringeren Garan­tien freier in der Geld­anlage sind. Doch sie legen die Beiträge aller Verträge in der gemein­samen Kapital­anlage aller Kunden an, im sogenannten Sicherungs­vermögen. Das bedeutet: Alte Kunden finanzieren die höheren Über­schüsse der neuen mit.

Bisher galt der Grund­satz der Gleichbe­hand­lung: War Geld im Sicherungs­vermögen angelegt, bekamen alle Kunden die gleiche Gesamt­verzinsung – egal wann der Vertrag abge­schlossen wurde. Damit ist Schluss.

Die Allianz findet das gerecht: Die höhere Über­schuss­beteiligung könne man als „fairen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Garan­tieniveaus von Perspektive- und Klassik-Verträgen“ verstehen. Doch das Argument schwächelt. Schon bisher bekamen Neukunden weniger Zinsen garan­tiert als Bestands­kunden.

Erst 2015 wurde der garan­tierte Zins von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent abge­senkt. Einen Ausgleich in Form höherer Gesamt­verzinsung gab es nicht. Versuche der Versicherer in diese Richtung hatte die Finanz­aufsicht Bafin 2004 mit Bezug auf den Gleichbe­hand­lungs­grund­satz untersagt.

Die neuen Produkte gab es noch nicht. Ob sie auch gegen den Gleichbe­hand­lungs­grund­satz verstoßen, kann die Bafin noch nicht sagen – und verweist darauf, dass die Einschät­zung von 2004 aktuell über­arbeitet würde. Verkauft wird die Allianz Perspektive allerdings schon seit 2013.

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