Weil sich die Lebenserwartung der Menschen verlängert, zahlen die Versicherer seit Jahren immer kleinere Renten aus.

Eine gute Rentenversicherung ist eine schöne Sache. Sie gibt Sicherheit bis ins hohe Alter. Denn die Versicherer überweisen bis ans Lebensende eine Rente. Die Mindestzahlung, die Kunden in einer klassischen privaten Rentenversicherung mit Garantiezins verbindlich zugesagt wird, ist allerdings spärlich. Unser jüngster Test (siehe Test Private Rentenversicherung) hat das bestätigt.

Gerade mal 164 bis 189 Euro garantierte Rente pro Monat können unsere 37-jährigen Testkundinnen ab dem 67. Geburtstag sicher erwarten. Dafür zahlen sie 30 Jahre lang rund 100 Euro monatlich ein. Trotz der langen Sparzeit beträgt ihre Rente nicht einmal das Doppelte ihres Monatsbeitrags.

Ein Kundin, die ungewöhnlich lange lebt, bekommt vielleicht genug zurück, um mit dieser Geldanlage die Gewinnzone zu erreichen. Stirbt sie früher als der Durchschnitt der Versicherten, macht sie jedoch ein schlechtes Geschäft. Die Renditephase fängt bei privaten Rentenversicherungen frühestens mit 85 Jahren an.

Im November 2000 waren die Aussichten noch deutlich besser: In der damaligen Untersuchung sagten die Anbieter unseren Modellkundinnen nach 30 Sparjahren für einen vergleichbaren Beitrag in D-Mark umgerechnet 223 bis 244 Euro Rente fest zu.

Rund 30 Prozent mehr Rente – das lag am damals höheren Garantiezins von 3,25 Prozent im Vergleich zu 2,25 Prozent bei Verträgen ab 2007. Stark wirkte sich aber auch aus, dass die Versicherer noch von einer viel geringeren Lebenserwartung ausgingen.

Steigende Lebenserwartung drückt

Die gestiegene Lebenserwartung der Menschen ist die Hauptursache der inzwischen schwachen Zusagen. Muss das Geld länger reichen, sinkt die einzelne Rente.

Die Branche ist sich sicher, dass Menschen, die eine private Rentenversicherung haben wollen, besonders alt werden. Kranke schließen keinen Vertrag ab, heißt es. Die überdurchschnittliche Lebenserwartung wird in die Beiträge eingerechnet.

„Wir beobachten die Entwicklung genau“, sagt Johannes Lörper, Vizechef der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Die Versicherungsmathematiker der DAV liefern den Unternehmen Kalkulationsgrundlagen für Rentenversicherungsverträge.

Ihre „Sterbetafeln“ geben an, wie alt Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts im Durchschnitt werden. Lörper: „Wir benutzen Datenpools großer Rückversicherer und greifen für den Trend in der Sterblichkeit zusätzlich auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes zurück.“

Aus solchen Daten ergibt sich auch, dass Frauen länger leben als Männer. Sie bekommen von den privaten Versicherern deshalb weniger Rente ausgezahlt.

Nur in der Riester-Rente dürfen sich die Verträge seit 2006 nicht mehr nach Geschlecht unterscheiden. Die Riester-Rente soll die gesetzliche Rente und die Beamtenpension ergänzen. Dort erhalten Frauen und Männer für gleiches Geld das gleiche Ruhegehalt.

Aktuelle Sterbestatistik von 2004

Wenn deutsche Versicherer einem Kunden eine garantierte Rente ausrechnen, verwenden sie zurzeit die Sterbetafel DAV 2004/R. Unternehmen, die von dieser Tafel abweichen, müssen das der Aufsicht – der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) – begründen. Die Behörde kann die Abweichung verbieten.

Lörper: „Abweichungen gibt es, weil manche Unternehmen eher wohlhabende Kunden haben, andere mehr eine Adresse für den kleinen Mann sind. Menschen mit höherem Einkommen haben im Durchschnitt eine höhere Lebenserwartung.“

Die 2004er Tafel löste die Sterbetafel DAV 1994/R ab. Wird eine neue Sterbetafel veröffentlicht, sind die Versicherer verpflichtet, sich umgehend daran zu halten. Tun sie es nicht, sondern machen sie ihren Kunden zu große Versprechungen, müssen sie das aus eigenen Mitteln ausgleichen.

Das durchzusetzen, ist allerdings nicht leicht. Eine Klägerin musste dafür bis vor den Bundesgerichtshof (BGH) ziehen (Az. IV ZR 102/06, Urteil vom 8. Juli 2009).

Die Frau hatte im Februar 1995 umgerechnet 176 000 Euro auf einen Schlag bei einem Versicherer eingezahlt. Nach acht Jahren Aufschubzeit sollte die erste Rente an sie ausgezahlt werden. Zusätzlich zur unumstößlichen Garantierente hatte der Versicherer ihr zugesagt, dass Überschüsse nur dafür benutzt werden, ihre fest zugesagte Rente zu erhöhen.

Überschüsse entstehen, wenn der Versicherer mit dem Kundengeld mehr erwirtschaftet als den zugesagten Garantiezins. Überschüsse gibt es auch, wenn seine tatsächlichen Kosten niedriger sind als kalkuliert. Muss der Versicherer weniger Leistungen zahlen als eingeplant, bleibt ebenfalls Geld übrig. Bei Rentenversicherungen würde das zum Beispiel passieren, wenn die Kunden früher sterben als erwartet.

Die Versicherungskunden müssen von den Überschüssen etwas abbekommen: mindestens 90 Prozent vom „Überzins“, mindestens 50 Prozent vom Kostenplus, mindestens 75 Prozent vom Risikogewinn.

Der vom BGH verhandelte Vertrag der Frau basierte auf der damals schon überholten Sterbetafel 1987/R. Die garantierte Rente war höher als sie nach den beiden Statistiken gewesen wäre, die auf diese Tafel folgten. Die neuen Statistiken gingen von einer längeren Lebenserwartung aus.

Der Versicherer musste damit rechnen, dass das Kapital für die Garantierente nicht reichen würde. Um die sogenannte Rückstellung für die Garantie aufzufüllen, nutzte er nun Überschussanteile. Dabei hatte er zugesagt, Überschüsse „nur“ zur Erhöhung der Rente zu verwenden.

Wenige Monate vor Beginn der Auszahlung war der Kundin noch eine Rente von knapp 2 270 Euro angekündigt worden – Garantierente plus Überschüsse. Ausgezahlt bekam sie aber nur 1 760 Euro Rente, kurz darauf sogar nur noch 1 697 Euro. Gegen die Kürzung ging sie erfolgreich vor.

Kunden tragen das Risiko allein

Der Versicherer unterlag vor dem BGH, weil er klar gegen seine eigene Klausel verstieß. Unternehmen, die eine solche Klausel nicht haben und die richtige Sterbetafel verwenden, dürfen aber Geld aus Überschüssen für garantierte Leistungen „nachreservieren“, wenn sich die Lebenserwartung verlängert. Johannes Lörper: „Sie müssen das sogar.“

Darüber ärgert sich ein Finanztest-Leser, der uns schrieb, sein Versicherer könne die Rentenzusage bei Problemen einfach aus einem anderen Topf bedienen. „Er missbraucht meine Überschussbeteiligung, denn er benutzt sie weitgehend zur Aufrechterhaltung meiner Garantierente.“

Der Mann schloss 1995 eine Rentenversicherung ab. Die erste Rentenzahlung steht in Kürze an. Seit 2006 reserviert sein Anbieter Überschüsse für die Garantie. „Zu meinen Lasten“, empört sich der Leser .

Rentenversicherung spät abschließen

Der Mann hat recht und doch nicht recht. Steigt die Lebenserwartung insgesamt, wird vielleicht auch er selbst viel älter als zum Beispiel sein Vater. Dann muss auch sein Erspartes länger reichen.

„Dieses Risiko hat jeder“, sagt Rüdiger Falken, langjähriger Versicherungsberater aus Hamburg. Falken empfiehlt, die Altersvorsorge dennoch nicht Versicherern zu überlassen: „Die Anbieter haben so viele Freiheiten mit dem Kundengeld. Sie können sich im Konzern gegenseitig schlecht laufende Wertpapiere abkaufen, müssen niemanden informieren. In die Röhre guckt der Kunde. Lieber nimmt man das selbst in die Hand.“

Jeder könne mit 65 oder 67 Jahren immer noch einmalig eine Summe einzahlen und anschließend Monat für Monat eine Rente erhalten. Die gestiegene Lebenserwartung trifft den Kunden mit einer solchen Sofortrente nicht mehr als den, der schon seit langem in eine Rentenversicherung einzahlt, sagt auch DAV-Vize Johannes Lörper.

Falken meint außerdem: „Im Ruhestand weiß der Kunde besser, ob er sich noch gut fühlt oder nicht und ob er ab morgen gern eine bequeme Einkommensquelle haben will oder sie nicht braucht. “

Wünsche ein Klient in jungen Jahren aber ausdrücklich eine Rentenversicherung, suche er ihm einen günstigen Anbieter. Wie viel Rente garantiert wird, hängt nämlich nicht nur von der Lebenserwartung und vom Garantiezins ab, sondern auch von den Kosten. Ein schlechtes Angebot brachte im jüngsten Test Monat für Monat 25 Euro weniger Garantierente als ein gutes.

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