Gesetzlich oder privat?

Private Kranken­versicherung im Test Test

Leicht ist die Entscheidung nur für Beamte. Sie können sich problemlos privat kranken­versichern. Alle anderen müssen sich das gut über­legen.

Seit der jüngsten Gehalts­erhöhung ist Sven Hansen* nicht mehr pflicht­versichert in seiner AOK. Sein Brutto­einkommen liegt nun über 53 550 Euro im Jahr. Jetzt hat der 37-jährige Bank­angestellte die Wahl zwischen der gesetzlichen und der privaten Kranken­versicherung.

Rund 2,6 Millionen Arbeitnehmer und 1,2 Millionen haupt­beruflich Selbst­ständige waren Anfang 2014 freiwil­lig gesetzlich versichert. Sie haben das Recht, zu einer privaten Kranken­versicherung zu wechseln.

„Für mich heißt das, mir lang­fristig bessere Leistungen zu sichern. Die Kürzungen in der gesetzlichen Versicherung werden in Zukunft wahr­scheinlich weitergehen“, befürchtet Hansen. Privatversicherte bekommen dagegen Kosten­erstattung auch für rezept­freie Medikamente ohne Begrenzung auf Höchst­beträge und erhalten bei Fach­ärzten oft schneller einen Termin. Sie können sich im Kranken­haus vom Chef­arzt behandeln lassen und erhalten deutlich mehr für teuren Zahn­ersatz.

Versicherer haben nachgebessert

Für hohe Leistungen müssen die Kunden der privaten Kranken­versicherung allerdings selbst sorgen, indem sie aus den vielen möglichen Tarif­kombinationen einen umfang­reichen Schutz zusammen­stellen. Denn nicht alle privaten Tarife bieten höhere Leistungen als die gesetzliche Versicherung, wie der Leistungs­vergleich zeigt. Tabelle: Private Krankenversicherung oder gesetzliche Kasse. Eine ausführ­liche Fassung dieser Tabelle und eine Check­liste für die Frage „Gesetzlich oder privat versichern?“ finden Sie in unserer Checkliste Krankenversicherung.

Unser Test von privaten Kranken­versicherungen ergab aber: Viele Unternehmen haben ihre Angebote deutlich verbessert. Anfang 2013 mussten sie ihre Versicherungen ohnehin umstellen, weil seither Unisextarife mit gleichen Beiträgen für Männer und Frauen gesetzlich vorgeschrieben sind.

Die neuen Unisextarife bieten nun zum Beispiel umfassendere Leistungen für Psycho­therapie oder für Hilfs­mittel wie teure Hörgeräte. Etliche enthalten sogar Leistungen, die bisher fast ausschließ­lich den gesetzlich Versicherten vorbehalten waren. Neu in vielen privaten Verträgen sind zum Beispiel Leistungen für häusliche Kranken­pflege, ambulante Kuren, stationäre Rehamaß­nahmen und Sterbe­begleitung für unheil­bar Kranke – ambulant oder in einem Hospiz. Selbst Gesund­heits­kurse bieten einzelne Versicherer nun an.

Gesetzlich Versicherte mussten hingegen in den vergangenen Jahren etliche Kürzungen hinnehmen, zum Beispiel bei Zahn­ersatz, bei rezept­freien Medikamenten und Brillen. In einem privaten Vertrag kann es nicht passieren, dass Leistungen durch politische Entscheidungen gestrichen werden.

Sven Hansen hat sich alle Leistungen, auf die er besonderen Wert legt, in eine Tabelle geschrieben und vergleicht die Vertrags­texte der Angebote, die er von verschiedenen Versicherungs­gesell­schaften einge­holt hat.

Er will künftig nicht schlechter gestellt sein, als er heute mit seiner gesetzlichen Krankenkasse plus einer privaten Zusatz­police ist. Die Zusatz­police müsste er aufgeben, wenn er in die private Kranken­versicherung umsteigt.

Wer sich nicht so viel Mühe machen will wie Hansen, kann mithilfe unseres Tests die passende Versicherung finden Private Krankenversicherung im Test.

Nicht für jeden sinn­voll

Der Schritt in die private Versicherung ist jedoch nicht für jeden sinn­voll. „99 Prozent meiner Kunden entscheiden sich nach einer ausführ­lichen Beratung, in der gesetzlichen Krankenkasse zu bleiben“, sagt Rüdiger Falken. Der Hamburger Versicherungs­berater rät neben Beamten nur Wohl­habenden und Menschen, die immer wieder für einige Zeit im Ausland leben, zur privaten Versicherung.

Der wichtigste Grund für die Vorsicht: Eine private Kranken­versicherung ist eine Entscheidung fürs Leben. Und die muss man sich dauer­haft leisten können. In die gesetzliche Kasse zurück­zukehren, ist vor allem für Selbst­ständige schwierig, denn sie müssten dafür eine versicherungs­pflichtige Beschäftigung als Arbeitnehmer finden. Ab dem 55. Lebens­jahr ist der Rückweg für alle, also auch für Angestellte und selbst für Arbeits­lose so gut wie ausgeschlossen.

Beamte gehen kein Risiko ein

Für Beamte hingegen ist die private Versicherung nicht riskant, sondern in aller Regel güns­tiger als die gesetzliche – auch im Ruhe­stand. Denn ihr Dienst­herr trägt mit der Beihilfe einen Teil der Gesund­heits­kosten – nicht nur für die Beamten selbst, sondern auch für ihre Kinder und für den nicht erwerbs­tätigen Ehepartner.

Bundes­beamte mit 50 Prozent Beihilfe brauchen nur eine Versicherung für die verbleibenden 50 Prozent der Gesund­heits­kosten. Kinder erhalten 80 Prozent Beihilfe, Ehepartner 70 Prozent. Haben Bundes­beamte zwei oder mehr Kinder, steigt ihre eigene Beihilfe von 50 auf 70 Prozent.

In der gesetzlichen Kranken­versicherung hingegen müssten Beamte den vollen Beitrag selbst zahlen. Anders als bei Arbeitnehmern beteiligt sich bei ihnen der Arbeit­geber nicht an den Beiträgen.

Angst vor dem Verlust ihres Jobs brauchen Beamte auf Lebens­zeit nicht zu haben. Auch die Finanzierung der Beiträge im Alter ist für sie ein viel geringeres Problem als für Arbeitnehmer und Selbst­ständige. Denn im Pensions­alter erhöht sich die Beihilfe zum Beispiel bei Bundes­beamten von 50 auf 70 Prozent, sodass sie ihren privaten Versicherungs­schutz und damit auch den Beitrag entsprechend verringern können.

Angestellte und Selbst­ständige müssen dagegen selbst sicher­stellen, dass sie sich die besseren Leistungen in der privaten Kranken­versicherung auch dauer­haft leisten können. Finanztest-Faustformel: Sparen für hohe Beiträge im Alter.

Patienten zahlen erst­mal selbst

Privatversicherte bekommen die Rechnung nach dem Arzt­besuch meist gleich mit und müssen sie zunächst selbst begleichen. Erst danach reichen sie die Rechnung zur Erstattung bei der Kranken­versicherung ein, Beamte zusätzlich bei der Beihilfe­stelle.

Das kann zu Problemen führen, wenn der Arzt Leistungen abrechnet, die im Versicherungs­vertrag nicht enthalten sind, oder wenn es Streit über die Höhe der abge­rechneten Gebühren gibt.

Auf der anderen Seite sind Ärzte weder bei ihrem Honorar noch bei den Medikamenten, die sie verschreiben, an Budgets und andere Ober­grenzen gebunden. Und sie erhalten für ihre Leistungen nach der privatärztlichen Gebühren­ordnung mehr Geld, als wenn sie über das gesetzliche System abrechnen. Das führt dazu, dass Privatpatienten in manchen Praxen schneller einen Termin bekommen und dass Ärzte sich ausführ­licher mit ihnen befassen und auch kleinsten Hinweisen auf eine mögliche Erkrankung nachgehen. Unter Umständen wird eine Krankheit so schneller diagnostiziert und dadurch besser behandelt.

„Genauso gut kann es aber sein, dass unnötiger Aufwand betrieben wird, der Zeit und Geld kostet und den Patienten sogar gesundheitlichen Risiken aussetzt, zum Beispiel durch die Strahlenbelastung beim Röntgen“, meint Rechts­anwältin Silke Möhring, die für die Verbraucherzentrale Hessen häufig Privatversicherte berät.

Warum die Beiträge steigen

Selbst­ständige zahlen den Beitrag für ihre Kranken­versicherung allein. Bei Angestellten trägt der Arbeit­geber die Hälfte, jedoch höchs­tens so viel wie für einen gesetzlich Versicherten, zurzeit maximal 295,65 Euro im Monat.

Der Beitrag in der privaten Versicherung richtet sich – anders als in der gesetzlichen – nicht nach dem Einkommen, sondern unter anderem nach dem Umfang der vertraglich vereinbarten Leistungen und nach dem Alter des Kunden beim Eintritt.

Auch der Gesund­heits­zustand beim Vertrags­schluss spielt eine Rolle: Sven Hansen hat beispiels­weise eine Kalk­einlagerung in der Schulter. Ein Unternehmen will ihn mit dieser Vorerkrankung erst gar nicht versichern, ein anderes verlangt dafür einen 20-prozentigen Risiko­zuschlag.

Die Beiträge für eine private Kranken­versicherung dürfen nicht deshalb steigen, weil jemand mit den Jahren häufiger krank wird. Für die im Alter steigenden Krank­heits­kosten muss der Versicherer Rück­stel­lungen bilden.

Doch wenn zum Beispiel der medizi­nische Fort­schritt dazu führt, dass der Versicherer dauer­haft mehr für Leistungen ausgeben muss als angenommen, oder wenn das in den Rück­stel­lungen angelegte Geld lang­fristig weniger Zinsen abwirft, als ursprüng­lich kalkuliert, müssen die Beiträge erhöht werden. Und das war in der Vergangenheit regel­mäßig alle ein bis drei Jahre der Fall.

Nicht nur der medizi­nische Fort­schritt kostet Geld. Auch zwei gesetzliche Änderungen haben die private Kranken­versicherung teurer gemacht: die neue geschlechts­neutrale Beitrags­kalkulation sowie das 2009 einge­führte Recht, dass Kunden bei einem Versicherer­wechsel einen Teil der für sie gebildeten Alterungs­rück­stellung mitnehmen dürfen.

Sparen gegen­über der gesetzlichen Kranken­versicherung können Angestellte und Selbst­ständige allenfalls in den Anfangs­jahren, wenn sie noch jung und gesund sind und auch von Beitrags­rück­erstattungen für leistungs­freie Jahre profitieren können.

Dilemma für junge Leute

Private Kranken­versicherung im Test Test

Wer erst mit Ende 40 eine private Kranken­versicherung abschließt, muss einen erheblich höheren Beitrag zahlen als ein 35-Jähriger, da der Versicherer für ihn in kürzerer Zeit die erforderlichen Alterungs­rück­stel­lungen aufbauen muss. Außerdem können noch Zuschläge hinzukommen, falls jemand inzwischen erkrankt ist. Deshalb empfiehlt Finanztest einen Eintritt in die private Versicherung für Angestellte und Selbst­ständige mit Ende 40 nicht mehr.

Anderer­seits wissen viele Menschen mit Mitte 30 noch nicht, ob sie lang­fristig über ein gesichertes und hohes Einkommen verfügen werden. Auch die Familien­planung steht in diesem Alter oft noch nicht fest. Das ist ein weiterer Punkt, der aus finanzieller Sicht gegen die private Versicherung spricht. Denn nur in der gesetzlichen Krankenkasse sind Kinder und nicht erwerbs­tätige Ehepartner beitrags­frei mitversichert.

In der privaten Kranken­versicherung zahlt jedes Familien­mitglied eigene Beiträge. Für eine Familie mit mehreren Kindern können dadurch mehrere hundert Euro im Monat zusätzlich anfallen.

Wie er sich letzt­lich entscheidet, weiß Sven Hansen noch nicht. Klar ist ihm jedoch: Wenn er sich privat versichert, muss er zügig anfangen, für die zu erwartenden höheren Beiträge in 30 Jahren Geld zurück­zulegen. Unsere Faustformel kann ihm und anderen Interes­senten dabei helfen, sich ein grobes Bild davon zu machen, welche finanzielle Belastung auf sie zukommt.

* Name von der Redak­tion geändert.

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