Private Krankenversicherung Meldung

Wir sind schwanger! Die größere Last tragen aber immer noch die Frauen.

Männer müssen seit Beginn des Jahres die Kosten fürs Kinderkriegen mittragen und mehr Beitrag in der Privaten Krankenversicherung zahlen. Viele Frauen sind enttäuscht: Ihre Beiträge sinken nicht wie erhofft, sondern steigen weiter.

Männer zahlen mehr für die private Krankenversicherung und Frauen weniger – so haben viele private Krankenversicherer ihren Kunden die Folgen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) angekündigt.

Das Gesetz ist seit dem 1. Januar in Kraft. Versicherer müssen seither die Ausgaben für Schwangerschaft und Geburt auf Männer und Frauen verteilen.

Das wollten wir genauer wissen und ­baten Privatversicherte, uns zu schreiben, wie sich ihre Beiträge ändern. Das Fazit: Frauen sind enttäuscht. Ihre Beiträge stiegen oft kräftig. Männer sind verärgert. Als Rentner noch fürs Kinderkriegen zu bezahlen, sehen sie nicht ein.

Trotz Beitragssenkung teurer

Im Brief zur jährlichen Beitragsanpassung haben etliche Versicherer ihren weiblichen Versicherten „reduzierte Beiträge“ oder „Beitragssenkungen“ angekündigt. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Aus demselben Schreiben erfuhr beispielsweise Elke Kudo von ihrem Versicherer Barmenia, dass sie jetzt 80 Euro mehr im Monat zahlen muss, das entspricht einer Erhöhung um fast 16 Prozent.

Die Barmenia hat sicher einen Nachlass für Frauen eingerechnet. Der Beitrag steigt aus anderen Gründen. Private Krankenversicherer müssen ihre Tarife zwar so kalkulieren, dass die Summe der Beiträge ­eines Kunden reicht, um bis zum Lebensende alle Kosten zu bestreiten. Steigen aber die Gesundheitsausgaben oder verlängert sich die Lebenserwartung, müssen sie nachkalkulieren. Beitragserhöhend wirken auch geringere Stornogewinne, weil weniger Versicherte kündigen. Viele warten auf die günstigere Wechselmöglichkeit 2009 (siehe „Unser Rat“). Das Unternehmen darf dann die Alterungsrückstellung nicht mehr behalten.

Je länger jemand im Vertrag ist, desto heftiger fällt eine Beitragserhöhung aus. Denn auch die Altersrückstellung, die der Versicherer in der Vergangenheit für ihn gebildet hat, muss aufgestockt werden.

8 000 Euro für die Schwangerschaft

Welcher der möglichen Gründe hinter ­einer Beitragserhöhung steckt, erfährt ein Kunde nicht. Auch die Folgen der Schwangerschaftsumlage bleiben ihm verborgen.

Allzu groß können diese Folgen nicht sein. Die Ausgaben für Schwangerschaft und Mutterschaft spielen für die Beiträge eine untergeordnete Rolle. Die privaten Krankenversicherer geben nach Angaben ihres Verbandes dafür etwa 300 bis 350 Millionen Euro jährlich aus. Zum Vergleich: Die gesamten Leistungsausgaben betrugen 2006 rund 17,3 Milliarden Euro.

Zu den Schwangerschaftskosten rechnen die Versicherer alle Leistungen für eine Frau in dem Zeitraum von acht Monaten vor bis einen Monat nach der Geburt eines Kindes. Wie viel das ist, hängt vom Leistungsumfang des Tarifs ab.

Die Allianz Krankenversicherung nennt für ihren gängigsten Vollversicherungstarif die Summe von 8 000 Euro pro Schwangerschaft, die Debeka rechnet für vollversicherte Frauen mit Kosten von 4 800 Euro.

Wie stark sich die Beiträge verändern, hängt außerdem davon ab, wie viele Frauen und Männer in einem Tarif versichert sind. Manche Versicherer beziehen in die Umverteilung der Schwangerschaftskosten mehr Altersgruppen ein als andere.

Ginge es hierbei strikt nach dem Verursacherprinzip, dürften nur die Jahrgänge von etwa Mitte 20 bis Ende 30 betroffen sein. „Das hätte die Beiträge für Männer um bis zu 12 Prozent in die Höhe treiben können, vor allem in Beamtentarifen“, schätzt Versicherungsmathematiker Peter Schramm. Die Folge wären deutlich höhere Beiträge für die Altersgruppen, die im Neugeschäft besonders wichtig sind.

Wohl deshalb verteilen die Versicherer die Kosten stärker. Die DKV schreibt, Kunden bis etwa 49 Jahre seien in die Umlage einbezogen, bei der Allianz müssen bis zu 64-jährige Männer noch fürs Kinderkriegen mitbezahlen. Die Debeka bezieht alle Altersgruppen ein, stellt jedoch Männern ab 66 Jahren die Erhöhungen nicht in Rechnung.

Nur minimale Änderungen

So bewirkt das neue Gesetz nur geringe Änderungen. Bei der Debeka vollversicherte Männer müssen im Schnitt um 1,5 Prozent höhere Beiträge zahlen, die Beiträge von Frauen sinken im Gegenzug um 1,2 Prozent. Die Allianz Krankenversicherung rechnet für vollversicherte Männer mit einer durchschnittlichen Erhöhung um 1 Prozent, Frauen werden um 2 bis 3 Prozent entlastet.

Für eine Gleichbehandlung reicht das nicht. Die private Versicherung bleibt für Frauen deutlich teurer als für Männer. Uns schrieb zum Beispiel ein Ehepaar aus München, beide 40 Jahre alt und seit 1993 in denselben Tarifen der Huk-Coburg versichert. Der Mann zahlt heute rund 274 Euro Monatsbeitrag, die Frau 421 Euro.

Kunden fühlen sich ausgeliefert

Ob bei ihrer Beitragserhöhung alles mit rechten Dingen zugegangen ist, können Kunden nicht nachvollziehen. Das ärgert viele. So schrieben uns Katharina und Hartmut Hey: „Als privat versicherte ältere Personen fühlen wir uns der privaten Krankenversicherung schutz- und wehrlos ausgeliefert. Man hat weder Kontroll- noch Einwirkmöglichkeit.“

Die Versicherer machen durchaus Fehler beim Berechnen der Beiträge, berichtet Mathematiker Schramm. Er wird oft als Sachverständiger zu Gerichtsverfahren herangezogen. Bei der Fülle von Tarifen, die manche Unternehmen anbieten, kann zum Beispiel einmal eine Ausgabenstatistik verwechselt oder mit einem veralteten Faktor in einer Formel gerechnet werden.

Der Nachweis eines Fehlers ist allerdings schwierig und in aller Regel nur gerichtlich zu führen. Denn die Unternehmen lassen sich kaum freiwillig in die Karten schauen.

Stattdessen soll ein „unabhängiger“ Treuhänder bei Beitragsanpassungen die Interessen der Kunden wahren. Doch der wird vom Versicherer beauftragt und bezahlt.

Auf die zuständige Aufsichtsbehörde, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, können Kunden auch nicht hoffen. Versicherungsexperte Schramm sagt: „Selbst bei offensichtlichen Fehlern greift die Aufsicht oft nicht ein, weil massenweise unwirksame Beitragsanpass­ungen die Finanzlage eines Unternehmens gefährden könnten. Sie sieht ihre Aufgabe nicht in der Vertretung von Interessen einzelner Kunden.“

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