Schnell noch einen Vertrag abschließen, bevor Männer höhere Beiträge zahlen müssen? Das ist nicht für jeden sinn­voll.

Männer sind diesen Herbst begehrt – bei den privaten Kranken­versicherern. Die Unternehmen wollen noch vor dem 21. Dezember 2012 männ­liche Kunden gewinnen. Denn danach dürfen sie nur noch geschlechts­neutral kalkulierte Tarife anbieten, sogenannte Unisex-Tarife. Die werden für Männer teurer.

Bislang zahlten sie weniger als Frauen, weil statistisch gesehen ihre Gesund­heits­kosten und Lebens­erwartung geringer sind. Unterschiedliche Beiträge für Männer und Frauen sind nach einem Urteil des Europäischen Gerichts­hofs nun nicht mehr erlaubt. Die Bundes­regierung will zudem fest­legen, dass Kunden, die einen der neuen Unisex-Tarife abschließen, nicht in einen alten geschlechts­abhängig kalkulierten Tarif ihres Versicherers wechseln dürfen. So steht es im Gesetz­entwurf, den das Bundes­kabinett Ende August dem Bundes­rat vorgelegt hat.

Neue Tarife ab 21. Dezember 2012

Andreas Gandert (44) ist seit zehn Jahren privat kranken­versichert und nach wie vor über­zeugt: Die Leistungen sind besser. Für die später steigenden Beiträge spart er schon jetzt, denn er ist sicher: „Am Ende wird es auf jeden Fall teurer.“Normaler­weise haben alle privat Kranken­versicherten das Recht, in gleich­artige Tarife ihres Versicherers zu wechseln. Sie behalten dabei ihre Alterungs­rück­stel­lungen und alle anderen aus dem bisherigen Vertrag erworbenen Rechte. Der Wechsel aus den alten geschlechts­abhängigen Tarifen in die neuen Unisex-Tarife soll weiterhin uneinge­schränkt möglich sein.

Anders­herum soll der Wechsel nicht erlaubt sein: Wenn die Neuregelung wie geplant in Kraft tritt, können Männer aus einem Unisex-Tarif später nicht in einen für sie güns­tigeren alten Tarif wechseln.

Die Männer sollten dennoch nicht in Schluss­verkaufs­timmung verfallen. Nur wenn sie sich ganz sicher sind, dass die private Kranken­versicherung auch lang­fristig das Richtige für sie ist, sollten sie noch in diesem Jahr wechseln.

Den privaten Vertrag müssen sie dann aber schon zum 1. Dezember in der Tasche haben, weil sie sonst nicht mehr in einen alten Tarif hinein­kommen. Ihre gesetzliche Kasse können freiwil­lig Versicherte aber erst zum 31. Dezember 2012 verlassen, falls sie im Oktober schriftlich kündigen. Denn in der gesetzlichen Kranken­versicherung gilt eine Kündigungs­frist von zwei Monaten zum Monats­ende. Sie sind also einen Monat lang doppelt versichert; wenn sie erst im November kündigen, sogar zwei Monate.

Um für die private Police in dieser Zeit weniger Beitrag zu zahlen, können Neukunden nach Auskunft des PKV-Verbandes bei dem Versicherer anfragen, ob der zum 1. Dezember 2012 geschlossene Vertrag zunächst als Anwart­schafts­versicherung ohne Leistungs­anspruch geführt werden kann und erst dann „auflebt“, wenn die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Kasse endet.

Wechselwil­lige können getrost erst einmal bei ihrer Kasse kündigen und dann nach einem privaten Vertrag suchen. Findet ein Kunde kein geeignetes Angebot, bleibt er bei seiner gesetzlichen Kasse. Die Kündigung wird nur wirk­sam, wenn er der Kasse inner­halb der Kündigungs­frist anzeigt, dass ein anderer Versicherungs­schutz besteht.

Entscheidung fürs Leben

In die private Kranken­versicherung einzutreten, ist jedoch immer eine Entscheidung fürs Leben. Einfach ist sie nur für Beamte auf Lebens­zeit: Wegen der Beihilfe ihres Dienst­herrn ist es für sie in aller Regel güns­tiger, sich privat zu versichern. Beamte brauchen auch keine Angst vor Arbeits­losig­keit oder vor einer Insolvenz zu haben.

Bei Arbeitnehmern und haupt­beruflich Selbst­ständigen ist das anders. Sie müssen daran denken, dass ihnen spätestens mit 55 Jahren eine Rück­kehr in die gesetzliche Kranken­versicherung verwehrt ist (siehe Zurück in die gesetzliche Kasse). Selbst wenn sie arbeitslos werden oder einen schlechter bezahlten Job annehmen müssen, bleiben sie trotz des dann geringeren Einkommens privat versichert. Auch als Rentner müssen sie die Beiträge aufbringen. Diese sinken aber nicht, wenn ihr Einkommen sinkt.

Hinzu kommt, dass sich die Beiträge in der privaten Versicherung mit den Jahren vervielfachen. Immer wieder berichten uns Leser, dass sie 600 bis 800 Euro im Monat oder noch mehr für ihre private Kranken­versicherung aufbringen müssen. Vor allem für Rentner ist das eine enorme Belastung.

Von Anfang an Geld ansparen

Die private Kranken­versicherung kommt – abge­sehen von Beamten – daher nur für solche Menschen infrage, die von Anfang an regel­mäßig Geld ansparen können, um sich die später höheren Beiträge auch im Alter noch leisten zu können.

Andreas Gandert aus Berlin macht es richtig. Gleich beim Abschluss seiner privaten Police vor etwa zehn Jahren richtete er ein Spar­konto ein, auf das er jedes Jahr knapp 1 000 Euro über­weist. Der 44-jährige Mitarbeiter einer Versicherungs­gesell­schaft macht sich keine Illusionen: „Am Ende wird es auf jeden Fall teurer.“ Dennoch ist Gandert über­zeugter Kunde der Privatversicherung. Er hat den Eindruck, dass die Ärzte Privatpatienten umfang­reicher und vor allem schneller behandeln: „Meine gesetzlich versicherte Mutter wartet zwei­einhalb Monate auf einen Fach­arzt­termin und muss kämpfen, wenn sie einen MRT-Termin braucht.“

Leistungen sind besser

Ärzte bekommen von privat Versicherten erheblich höhere Honorare als für die Behand­lung von Kassenpatienten. Das kann dazu führen, dass sie sich mehr Zeit nehmen oder schneller einen Termin vergeben.

Auch bei der Kosten­über­nahme für Medikamente, für Sehhilfen und für Zahn­ersatz sind privat Versicherte oft im Vorteil. Die gesetzlichen Kassen bezahlen erwachsenen Versicherten – von wenigen Ausnahmen abge­sehen – keine rezept­freien Arznei­mittel und keine Zuschüsse zu Brillen mehr. Beim Zahn­ersatz beschränkt sich der Kassen­anteil auf einen festen Zuschuss.

Immer wieder hat die Bundes­regierung Leistungen der gesetzlichen Kranken­versicherung gekürzt. In der privaten Kranken­versicherung sind die Kunden vor solchen Eingriffen der Politik geschützt. Die Unternehmen dürfen vertraglich vereinbarte Leistungen nicht kürzen oder streichen.

Im Gegen­zug haben privat Versicherte mit steigenden Beiträgen zu kämpfen. Viele wissen sich später nicht anders zu helfen, als von sich aus auf Leistungen zu verzichten oder ihre Selbst­beteiligung immer wieder zu erhöhen.

Von vorn­herein einen privaten Tarif mit reduzierten Leistungen abzu­schließen, empfiehlt sich nicht. Viele Billig- oder Einsteiger­tarife haben gefähr­liche Leistungs­lücken. Die Versicherer zahlen dann beispiels­weise nichts oder zu wenig für ambulante Psycho­therapie, für Heil­mittel wie Ergo­therapie oder für Hilfs­mittel wie Roll­stühle oder Hörgeräte. Oder sie erstatten Arzt- und Zahn­arzt­honorare nur bis zu einem nied­rigen Satz der privaten Gebühren­ordnung.

Was die Versicherung nicht über­nimmt, müssen Patienten aus eigener Tasche zahlen. Im Krank­heits­fall den privaten Versicherungs­schutz zu erhöhen, ist in der Regel nicht möglich.

Hohe Provisionen für Vermittler

Angebote für weniger als 100 Euro im Monat brauchen sich Interes­senten gar nicht erst anzu­sehen. Wenn schon privat versichern, dann sollten die Leistungen mindestens denen der gesetzlichen Kranken­versicherung entsprechen – im Ideal­fall gehen sie darüber hinaus.

Die Versicherer zahlen ihren Vertretern hohe Provisionen für den Verkauf von Policen: Neun Monats­beiträge sind im Schnitt erlaubt. Kunden können sich daher nicht darauf verlassen, dass ihr Vermittler sie auf alle Fallen hinweist und sie das beste Angebot erhalten.

Deshalb ist es sinn­voll, einen Versicherungs­berater aufzusuchen. Der verlangt zwar ein Honorar vom Kunden, dafür ist er unabhängig von den Versicherern (siehe „Unser Rat“).

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