Privat Krankenversicherte können die gleiche oder eine ähnliche Leistung oft mehrere Hundert Mark im Jahr billiger bekommen.

Ist eine Prämienerhöhung um 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren noch normal? Das wollte der Rentner Franz Willms* von seiner privaten Krankenversicherung, der Vereinten, wissen. Nachdem diese ihm und seiner Frau Jahr für Jahr eine Prämienerhöhung geschickt hatte, zahlen die beiden inzwischen insgesamt 938,48 Mark Prämie im Monat. Die Vereinte Krankenversicherung antwortete ihrem Kunden in einem langen Schreiben und sprach von "unvermeidbaren" Anpassungen. Was das Unternehmen mit keiner Silbe erwähnte: Franz Willms zum Beispiel müsste nur seinen Selbstbehalt ändern und könnte so mindestens rund 800 Mark im Jahr sparen ­ bei gleichen Leistungen. Er könnte auch in einen anderen Tarif mit etwas abgespeckten Leistungen wechseln und würde dann über 4.000 Mark im Jahr sparen.

Ein "Tarif" ist nichts anderes als ein bestimmtes Versicherungsprodukt mit klar umrissenen Leistungen und einem dazugehörenden Preis. Die Kunden haben in der Krankenversicherung die Wahl zwischen so genannten Bausteintarifen und Kompakttarifen. Bei ersteren können sie ihren Versicherungsschutz individuell zum Beispiel aus den Komponenten "ambulanter Schutz", "stationärer Schutz" und "Zahnbehandlung" zusammenstellen. Bei den Kompakttarifen hingegen ist das Paket bereits geschnürt.

Wenig Informationen

Legt ein Unternehmen einen neuen Tarif auf, bringt das für die Altkunden häufig handfeste Nachteile mit sich. Die neuen gesunden Kunden kaufen dann nämlich Verträge mit den neuen Tarifen und nicht mehr die schon länger bestehenden. Auf diese Weise können ganze Tarife "vergreisen", wie die Fachleute sagen. Weil sich der Risikoausgleich aber in der Regel nur innerhalb eines Tarifs vollzieht ­ und ältere Versicherte im Durchschnitt teurer sind als junge ­ können die Kosten in solchen Tarifen explodieren und die Prämien erreichen dann Schwindel erregende Höhen. Die Unternehmen haben in dieser Situation kein Interesse daran, dass ihre langjährig Versicherten nun auch in die neuen Tarife wechseln. Denn das würde ihnen die guten Preise in den neuen Tarifen kaputtmachen.

Burkhard Vendt, versicherungsmathematischer Sachverständiger aus Niederzier bei Düsseldorf, kennt viele Fälle, in denen Versicherungen ihre Kunden aus diesen Gründen nicht über günstigere Vertragsvarianten aufklären. Der ehemalige Chefmathematiker einer kleinen Versicherung: "Häufig werden günstige Alternativen regel- recht geheim gehalten." Vendt schätzt, dass die privat Versicherten in der Bundesrepublik so insgesamt bis zu 1,5 Milliarden Mark im Jahr zu viel an Prämien zahlen.

Altkunden benachteiligt

Die Versicherungen können mit ihren Altkunden überhaupt nur so umspringen, weil sie nicht fürchten müssen, dass diese ihnen den Rücken kehren. Bereits nach wenigen Jahren lohnt sich für einen Versicherten der Wechsel zu einer anderen Gesellschaft nämlich nicht mehr. Das liegt daran, dass ein Kunde bei einer Versicherung Alterungsrückstellungen bildet, die er bei einem Wechsel nicht mitnehmen darf.

Der Wettbewerb spielt sich nur bei den Neukunden ab. Um hier bestehen zu können, brauchen die Versicherer preisgünstige und leistungsstarke Angebote. Unternehmen, deren alte Tarife nicht mehr wettbewerbsfähig sind, bringen dann gern neue auf den Markt. So kommt es, dass ein Unternehmen zwei, drei oder mehr Tarife im Angebot hat, die ähnliche Leistungen enthalten, aber unterschiedlich viel kosten.

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre saßen viele Versicherte in schlechten Tarifen fest. 1994 zwang der Gesetzgeber die Versicherungen schließlich, ihre neuen Tarife auch für Altkunden zu öffnen. Das Recht, in einen anderen Tarif mit gleichartigen Leistungen zu wechseln, ist seither in Paragraph 178 f Versicherungsvertragsgesetz niedergeschrieben.

Die Juristen sind sich darüber einig, dass die Versicherer ihre neuen Tarife natürlich auch nicht geheim halten dürfen. Das Gesundheitsreformgesetz 2000 verlangt nun sogar, dass sie ihre Kunden bei einer Prämienerhöhung über die Möglichkeit des Tarifwechsels informieren. Außerdem muss eine Gesellschaft Auskunft geben, wenn ein Kunde nachfragt.

Der Rentner Franz Willms, der sich bei seiner Gesellschaft über die ständig steigende Prämie beschwerte, bekam diese Information nicht. Er überlegt nun, beim Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen Beschwerde einzulegen. Die Vereinte Krankenversicherung informierte erst über Alternativen, als Finanztest nachfragte.

Sichere Ersparnis

Die Wahlmöglichkeiten, die Franz Willms hat, sind typisch: Er kann entweder nur seinen Selbstbehalt ändern oder den Selbstbehalt und die Leistungen. Zurzeit ist Willms bei der Vereinten in einem Bausteintarif versichert. Für seinen ambulanten Schutz zahlt er im "Tarif 705" monatlich 300,32 Mark Prämie. Es gilt ein Selbstbehalt von bis zu 3.200 Mark im Jahr. Stattdessen könnte er seine ambulanten Kosten auch im "Tarif 712" absichern. Dieser hat die gleichen Leistungen, aber eine andere Preisstruktur: Er ist mit 168,32 Mark im Monat deutlich preiswerter als Willms? jetziger Tarif (300,32 Mark). Beim Selbstbehalt gilt eine prozentuale Regelung: Willms müsste 40 Prozent der Kosten selbst tragen, höchstens allerdings 4.000 Mark im Jahr. Wenn Willms viel zum Arzt geht, kann der neue Selbstbehalt also höher sein als sein jetziger.

Dennoch lohnt sich der höhere Selbstbehalt für ihn auf jeden Fall: Bisher zahlt er maximal 6.803,84 Mark im Jahr, das sind zwölf mal die Monatsprämie in Höhe von 300,32 Mark plus maximal 3.200 Mark Selbstbehalt. Die neue Variante kostet bis zu 6019,84 Mark im Jahr, das sind zwölf mal 168,32 Mark Monatsprämie plus maximal 4.000 Mark Selbstbehalt. Auch wenn Willms den gesamten höheren Selbstbehalt zahlen muss, spart er also immer noch 784 Mark im Jahr. Wenn er seltener zum Arzt geht, spart er noch mehr.

Willms würde sein Portemonnaie noch stärker entlasten, wenn er seinen Bausteintarif in einen billigeren Kompakttarif tauscht. Nach Angaben des Bundesaufsichtsamts für das Versicherungswesen gilt der Anspruch auf einen Tarifwechsel auch beim Umstieg von einem Bausteintarif zu einem Kompakttarif, sofern der Kunde eine Vollversicherung abgeschlossen hat. Im Moment zahlt Franz Willms für seinen ambulanten Schutz 300,32 Mark im Monat, für seinen stationären Schutz 195,93 Mark und für seine Zahnversorgung 43,99 Mark, also insgesamt 540,24 Mark. Der Kompakttarif "VS 2400" würde Willms nur 262,32 Mark im Monat kosten, also 277,92 Mark weniger. Der neue Selbstbehalt wäre mit höchstens 2.400 Mark im Jahr sogar niedriger als der aktuelle.

Leistungen prüfen

Der Kompakttarif ist für Franz Willms aus zwei Gründen preiswerter. Zum einen muss er auf Leistungen verzichten. Die Chefarztbehandlung im Krankenhaus fällt zum Beispiel weg. Außerdem übernimmt die Versicherung in dem Kompakttarif nur Arztkosten bis zu den Höchstsätzen der Gebührenordnung. Kosten aufgrund privater Absprachen, die darüber hinausgehen, werden nicht erstattet.

Zum anderen werden durch den Wechsel in den Kompakttarif aber auch bisher angesparte Alterungsrückstellungen frei, die zur Prämiensenkung verwendet werden. Die von Franz Willms angesparten Rückstellungen sind nämlich auf der Grundlage seines jetzigen Tarifs kalkuliert. Da dieser mit mehr Leistungen verbunden ist, wurden auch höhere Rückstellungen gebildet. Je länger ein Kunde bei ei-nem Unternehmen versichert ist, desto mehr kann er also durch einen Wech-sel in einen Tarif mit geringeren Leistungen sparen.

Wer Leistungen reduzieren möchte, sollte sich aber sehr genau anschauen, worauf er im Einzelnen verzichtet. Entscheidend sind die Versicherungsbedingungen und die Tarifbeschreibungen. Ansonsten kann es passieren, dass nach einem Wechsel wichtige Leistungen plötzlich fehlen. Zudem können im Alter bestimmte Leistungen sogar wichtiger werden.

Versicherungsberater helfen

Eine neue Risikoprüfung wird in der Regel nicht verlangt, wenn ein Versicherter in einen Tarif mit geringeren Leistungen wechselt. Er muss also keine neuen Risikozuschläge fürchten. Allerdings kann es eine Ausnahme geben: Hat eine Versicherung bisher mit pauschalen Risikozuschlägen gearbeitet, darf sie bei einem Tarifwechsel eine individuelle Risikoprüfung nachholen.

Hilfe beim Wechsel gibt es zum Beispiel von den Verbraucherzentralen. Eine weitere gute, aber auch teure Adresse sind die Versicherungsberater. Sie rechnen nach der Gebührenordnung für Rechtsanwälte ab. Versicherungsberater Rüdiger Falken berichtet, dass eine umfassende Beratung über einen Tarifwechsel bei ihm zwischen 500 und 700 Mark kostet.

Schließlich können auch Versicherungsmakler beim Wechsel beraten. Sie kosten normalerweise nichts. Allerdings dürften die meisten Makler nur Kunden beraten, die bei ihnen auch andere Verträge abschließen. An einem Tarifwechsel verdienen sie in der Regel nämlich nichts. Normalerweise gibt es hierfür keine Provision.

Höchste Vorsicht ist angesagt, wenn ein Makler zu einem Wechsel der Gesellschaft rät. Das lohnt sich fast nie ­ außer für den Makler selbst. Denn dann bekommt er eben doch eine Provision. Der Kunde aber kann meistens nur bei der eigenen Gesellschaft sinnvoll sparen.

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