Wer privat auf Kinder aufpasst und seine Aufsichtspflicht ­verletzt, haftet für Schäden, die sie anrichten oder ­erleiden. Doch seine Privathaftpflichtversicherung springt ein.

Für den Sohn soll es einer der schönsten Tage im Jahr werden: Zu seinem siebten Geburtstag haben seine Eltern die halbe Klasse nach Hause eingeladen. Zehn Kinder toben durch den Garten.

Plötzlich streiten zwei der kleinen Besucher. Einer schubst den anderen. Er schlägt mit dem Kopf an die Tischkante.

Der Sturz kann glimpflich ausgehen oder schwere Folgen haben – auch finanzielle, wenn der Junge bleibende Schäden davonträgt. Wer muss dafür zahlen?

Der Junge, der den anderen gestoßen hat, und damit letztlich seine Eltern? Oder müssen die Eltern des Geburtstagskindes für Behandlungskosten, Schmerzensgeld und Reha-Kosten aufkommen, weil sie das Unglück nicht verhindert haben?

Beide Eltern können beruhigt sein, wenn sie eine Privathaftpflichtversicherung haben. Haftet der Junge, springt der Versicherer der Familie ein. Haften die Gastgeber, hilft ihre Police.

Der Schutz der Versicherung gilt nämlich auch für Schäden, die sich aus der Verletzung der Aufsichtspflicht gegenüber Kindern ergeben. Ob jemand eigene oder fremde Kinder betreut, spielt keine Rolle.

Trotzdem ist die Betreuung von Kindern für die Versicherer kein einfaches Thema. Das haben wir auch während unserer jüngsten Untersuchung von Privathaftpflichttarifen (Finanztest 4/06) festgestellt, als wir die Versicherer zu diesem Thema befragt haben. „Eindeutig lässt sich das nicht sagen“ oder „Das wird dann von Fall zu Fall zu überlegen sein“, haben wir immer wieder gehört.

Finanztest hat daher den Versicherungsrechtler Professor Dr. Peter Schimikowski vom Institut für Versicherungswesen der Fachhochschule Köln beauftragt, ein Rechtsgutachten zu erstellen.

Aufsichtspflicht ist entscheidend

Ob Erwachsene für Schäden durch Kinder haften und ob ihr Haftpflichtversicherer infolgedessen zahlt, hängt von zwei Dingen ab: Der Versicherte muss die Aufsichtspflicht über die Kinder gehabt haben und er muss diese Pflicht verletzt haben.

Die Aufsichtspflicht über ein Kind haben zunächst seine Eltern. Doch sie können diese übertragen, zum Beispiel an ein Kindermädchen oder an die Großeltern, die mit den Enkeln in den Urlaub fahren.

„Laden Eltern zum Geburtstag ihres Sohnes ein, übernehmen sie die Aufsichtspflicht über alle Kinder“, erklärt Peter Schimikowski.

Der Umfang der Aufsichtspflicht hängt vor allem vom Alter und von der Einsichtsfähigkeit der zu betreuenden Kinder ab. Bei einem Kindergeburtstag mit Siebenjährigen oder Jüngeren hätte die gastgebende Mutter ihre Aufsichtspflicht verletzt, wenn sie stundenlang telefoniert und die Kinder allein gelassen hätte.

Sie müsste deshalb für die Folgen des Sturzes nach der Rangelei zwischen den zwei kleinen Gästen haften. Mit einer Privathaftpflichtversicherung ist sie finanziell auf der sicheren Seite, denn der Versicherer müsste dann einspringen.

Wäre die Mutter nur mal kurz in die Küche gegangen und sonst die ganze Zeit bei der Feier gewesen, könnte ihr aber kaum der Vorwurf gemacht werden, dass sie nicht genug aufgepasst hätte. Sie kann nicht für den Sturz verantwortlich gemacht werden – ihr Versicherer müsste nicht zahlen.

Ob stattdessen der Versicherer des schubsenden Kindes zahlt, müsste im Einzelfall entschieden werden. Ein Zwölfjähriger könnte durchaus für die Folgen haftbar gemacht werden. Dann zahlt sein Versicherer.

Ein Kind unter sieben Jahren müsste auf keinen Fall Schadenersatz leisten, denn Kinder unter sieben Jahren sind per Gesetz schuldunfähig. Dann muss auch ihre Versicherung nicht einspringen. Es gibt jedoch Anbieter, die auch Schäden durch schuldunfähige Kinder erstatten.

Klare Absprachen treffen

Wer die Aufsichtspflicht hat, ist nicht immer so klar wie beim Kindergeburtstag. Manchmal müssen Eltern ihr Kind auf die Schnelle bei jemandem unterbringen. Übergibt die Mutter der Nachbarin ihren Sohn dann mit den Worten „Kann ich Niklas kurz hier lassen?“, reicht das in der Regel nicht, um ihr die Aufsichtspflicht zu übertragen. „Ändern könnte sie dies durch verbindliche Anweisungen: wenn sie zum Beispiel sagt, wie oft die Nachbarin nach dem Kind schauen soll. Die Nachbarin muss ihrerseits signalisieren, dass sie bereit ist, die Aufsicht zu übernehmen“, sagt Schimikowski.

Wichtig sind Absprachen der Erwachsenen auch, wenn der Sohn unangekündigt einen Freund mitbringt. Ohne Rücksprache mit dessen Eltern hätten die Gastgeber, die vorab nichts von dem Besuch wussten, keine Aufsichtspflicht. Sie müssten nicht für das haften, was ihr Gast anstellt.

Dessen Eltern müssten sich dann vielleicht vorwerfen lassen, sich nicht ausreichend um den Verbleib des Sohnes gekümmert zu haben. Die Versicherung der Familie würde aber nicht für Schäden aufkommen, die das eigene Kind erleidet. Sie ersetzt nur Schäden, die ein Versicherter einem anderen zufügt.

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