Frischer Wind auf dem Gasmarkt. Der Wettbewerb ist eingeläutet. Unser Preisvergleich zeigt: Es geht billiger.

Dass die Mieten in Süddeutschland teurer sind als im Norden, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Weniger bekannt: Das trifft auch für Gas für Heizung und warmes Wasser zu. Eine Stuttgarter Familie zahlt dafür rund 400 Mark mehr im Jahr als eine Familie in Oldenburg. Und in München muss man leicht mit 200 Mark mehr rechnen. Auch die Gasversorger in Ostdeutschland greifen ihren Kunden recht tief in die Tasche: Die Stadtwerke Dresden kassieren schon mal 350 Mark im Jahr mehr als die EWE in Oldenburg. Die Bilanz einer Umfrage von test in 26 großen Städten: Die Gaspreise unterscheiden sich derzeit stark ­ Mehrkosten von 20 bis 30 Prozent sind möglich.

Keiner gibt Gas

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Dabei müssten die Stadtwerke eigentlich Gas geben und zusehen, dass sie billiger werden. Denn der Wettbewerb ist eingeläutet: Bis zum 10. August muss die Gasrichtlinie der Europäischen Union auch in Deutschland umgesetzt sein. Das Ziel: Die Gebietsmonopole sollen aufbrechen, damit Industrie-, Gewerbe- und Haushaltskunden künftig ihren Gasversorger frei wählen können.

Und die Marketingstrategen einiger Unternehmen haben tatsächlich schon reagiert: Die Berliner Gasag schickt einen orangefarbenen Eisbären ins Rennen, der auf Plakaten und im Fernsehen zum Sprung ansetzt. Hein Gas in Hamburg wirbt für "mehr menschliche Wärme" ­ zum Beispiel auf Anzeigen und Plakaten, die Babys im Arm der Mutter zeigen.

Wir wollten wissen, ob diese Imagekampagnen bisher das einzige Zeichen für den Wettbewerb sind oder ob die Liberalisierung auch schon Einfluss auf die Tarife nimmt. Die Antworten fielen eher verhalten aus. Nur fünf Stadtwerke planen, ihr Angebot aufgrund der Liberalisierung überregional, eventuell bundesweit, auszuweiten. Ein Datum dafür nannten aber nur die Stadtwerke Mainz: den 1. Januar 2001. Keiner stellte konkrete Preissenkungen in Aussicht. Wir haben auch große Ferngasgesellschaften wie die Ruhrgas, Thyssengas, die Verbundnetz Gas (VNG) und Wingas und die größte Erdgas-Fördergesellschaft in Deutschland, die BEB, angeschrieben: Sie machen derzeit keine Anstalten, an den Stadtwerken vorbei direkt an Haushalte zu liefern.

Wie beim Strom, aber anders

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Wenn Erdgas verbrennt, entstehen weniger Treibhausgase pro Energieeinheit als bei der Verbrennung von Öl oder Kohle. Deshalb gilt Erdgas als umwelt- und klimaschonender.

Warum halten sich die Gasversorger noch zurück? Erstens: Wie zuvor beim Strom hat die Wirtschaft eine Vereinbarung auf den Weg gebracht, die den Wettbewerb regeln soll, aber leider noch viele Fragen offen lässt. So werden wieder die Haushaltskunden die letzten sein, die vom Wettbewerb profitieren ­ erst nach Industrie und Gewerbe. Auf die Entgelte für die Durchleitung bis zum privaten Verbraucher will man sich erst später einigen. "Bis ein Haushaltskunde seinen Versorger tatsächlich wechseln kann", schätzt Cristof Riegert vom Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft in Bonn, "kann durchaus noch ein Jahr oder mehr vergehen."

Zweitens: Die Gasversorger importieren den größten Teil des Erdgases aus dem Ausland und haben langfristige Verträge, die feste Liefermengen vorschreiben. Ihr Einfluss auf die Bezugspreise ist gering, und es gibt ­ anders als beim Strom ­ kaum Überkapazitäten. In den Verträgen ist außerdem die Bindung an den Ölpreis fixiert. Und weil der Ölpreis in der letzten Zeit gestiegen ist, rechnen manche Versorger sogar mit Preiserhöhungen statt mit einem freien Fall der Preise.

Drittens: Gas müsste im Extremfall über lange Strecken hinweg transportiert werden ­ durch die Netze von anderen, im liberalisierten Markt etwa von den Stadtwerken. Und die wollen dafür bezahlt werden. Wenn sie für die Durchleitung zu viel verlangen, lohnt sich das Geschäft am Ende nicht.

Teure Netze

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Warum aber sind manche Stadtwerke teurer und manche billiger? Die Stadtwerke Dresden, so die Auskunft, mussten viel Geld investieren, um das alte, gusseiserne Leitungsnetz zu modernisieren. Auch sei der Baugrund kompliziert, das Verlegen der Rohre schwer.

Ähnlich argumentieren die Neckarwerke in Stuttgart: Der Boden in der Region sei steinig und felsig. Außerdem wurde die Gasversorgung in Süddeutschland erst in den 60er Jahren ausgebaut, zehn Jahre später als im Norden. Nun hängen weniger Kunden am Netz, das daher nicht so wirtschaftlich betrieben werden könne. Außerdem haben die Neckarwerke keine unterirdischen Speicher. Sie können das Gas nicht in großen Mengen im Sommer kaufen, wenn es billig ist, sondern müssen es auch im Winter beziehen, wenn es teuer ist.

Die EWE, besonders billig in unserem Vergleich, hat unterirdische Speicher, die Schwankungen im Gasverbrauch von Sommer zu Winter ausgleichen können. Außerdem importiert sie selbst Gas aus den Niederlanden oder kauft es direkt bei Fördergesellschaften in Deutschland und beliefert in Oldenburg und in großen Teilen Niedersachsens die Endkunden direkt, ohne Zwischenstufen. Die meisten Stadtwerke kaufen dagegen Gas bei den großen Gasgesellschaften ein, die das Gas importieren oder selbst fördern.

Preisnachlässe möglich

Trotzdem fällt es schwer zu glauben, dass die Stadtwerke auf Gedeih und Verderb den Vorlieferanten ausgeliefert sind und an ihren Betriebskosten nicht drehen können. Zumindest regional, dort wo es zwischen benachbarten Versorgern große Preisunterschiede gibt, könnte sich der Wettbewerb schon bald auswirken. Dass es billiger geht, zeigt das Beispiel der swb Enordia, früher Stadtwerke Bremen. Eingeschlossen im Versorgungsgebiet der EWE, war sie gezwungen, die Preise zu senken. Mit dem Vorlieferanten, der Ruhrgas, handelte sie bessere Verträge aus und machte an den eigenen Gewinnen Abstriche.

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