Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus, die Börsen haben einen Sieg Obamas bei den heutigen Präsidenten­wahlen in den USA bereits einge­preist. test.de hat bei Fonds­managern nachgefragt, welcher Kandidat als Wahl­sieger an den Kapitalmärkten wohl stärker zünden würde: Amts­inhaber Barack Obama oder sein Heraus­forderer Mitt Romney?

Die Haus­halts­klippe ist die größte Gefahr

„Historisch gesehen reagieren die Aktienmärkte positiv, wenn der bestehende Präsident wieder gewählt wird, oder wenn ein neuer Republikaner ins Amt kommt“, sagt Sebastian Werner, Aktienportfoliomanager für amerikanische Wachs­tums­werte bei der DWS. So gesehen kann eigentlich gar nichts schief­gehen, gleich wie die Wahl ausgeht. Allerdings droht völlig unabhängig vom Wahl­ausgang eine neue Rezession in den USA, die Auswirkungen auf die ganze Welt haben könnte. „Für die Finanzmärkte ist die Frage, ob die beiden großen US-Parteien sich auf die Weiterführung der Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur einigen können wichtiger als der eigentliche Ausgang der Präsident­schafts­wahlen“, heißt es in einem Kommentar der Schweizer Bank Vontobel. Die britische Fonds­gesell­schaft Threadneedle nennt die Haus­halts­klippe („the fiscal cliff“) sogar eine der größten Bedrohungen für die Welt­wirt­schaft.

Schwierige Willens­bildung in den USA

Bis Ende des Jahres müssen sich der Präsident, der Senat und das Repräsentanten­haus über den weiteren Weg zum Abbau der Schulden einig werden. Ansonsten enden auto­matisch Staats­ausgaben zur Stüt­zung der Konjunktur, zusätzlich laufen Steuer­erleichterungen aus. Dass sich die drei Staats­organe einigen, sei jedoch keineswegs sicher, „denn Demokraten stimmen nicht für Ausgabenkür­zungen, während Republikaner nicht für Steuererhöhungen zu haben sind“, heißt es bei Vontobel weiter. „Experten schätzen, dass die Wirt­schaft im nächsten Jahr um 1 bis 2 Prozent weniger wachsen könnte, wenn es miss­lingt“, sagt Sebastian Werner. „Wenn es keine Lösung gibt, wie man die Klippe umschiffen kann, dann zieht das die amerikanische Wirt­schaft und mit ihr die Welt­wirt­schaft nach unten“, bekräftigt Frank Engels von Union Investment die Einschät­zung. „Dem könnte sich auch die deutsche Wirt­schaft nicht entziehen.“

USA droht Herab­stufung der Bonität

„Wenn Obama Präsident bleibt, was trotz der knappen Umfragen erwartet wird, und die Republikaner die Mehr­heit im Repräsentanten­haus behalten, verlängert sich der Status Quo“ sagt Frank Engels, der bei Union Investment das Rentenfonds­management leitet. Im Moment herrscht in der Politik ein Patt, denn die Demokraten haben nur die Mehr­heit im Senat. Dann müssten der Präsident und die beiden Kammern auch weiterhin um eine gemein­same Lösung ringen. Schaffen sie das nicht, droht den USA nicht nur der Absturz in eine Rezession, auch ihre gute Bonität wäre möglicher­weise dahin. Die Rating­agenturen haben eine Herab­stufung in einem solchen Fall bereits signalisiert. In der Folge könnten sichere Anlagen außer­halb der USA stärker nachgefragt werden, Bundes­anleihen beispiels­weise. Das hieße noch nied­rigere Renditen hier­zulande beziehungs­weise Kurs­gewinne für Anleger, die Bundes­anleihen oder Rentenfonds schon in ihren Depots liegen haben (zum Produktfinder Bundeswertpapiere, Pfandbriefe, Unternehmensanleihen).

Börsen wären über Romney wahr­scheinlich glück­licher

„Gewinnt Romney, könnte das den Aktienmärkten Auftrieb geben“, meint Engels. Der Republikaner hätte es nach Einschät­zung politischer Beob­achter wohl einfacher, in dieser Lage einen Kompromiss zu erzielen. Hinzu kommt, dass die Märkte einen Sieg Obamas bereits einge­preist hätten. „Den Aktienmärkten ist ja schon seit einiger Zeit die Luft ausgegangen“, sagt Engels. Umso freudiger wäre für Börsianer womöglich die Über­raschung, wenn Romney es doch schaffen würde. Ob die Freude ein lang anhaltendes Kurs­feuer­werk zünden könnte, ist die Frage. „Politische Börsen haben kurze Beine“, lautet eine alte Börsen­weisheit. Auf bestimmte Branchen könnte sich der Wahl­ausgang jedoch länger­fristig auswirken. „Gewinnt Obama, profitiert der Gesund­heits­sektor“, sagt Sebastian Werner. Schließ­lich ermöglicht der Amts­inhaber rund 40 Millionen Amerikanern zusätzlich Zugang zur Kranken­versicherung. Das gäbe sowohl dem Pharmasektor und Betreibern von Krankenhäusern Auftrieb. Von Romney verspricht man sich unter anderem Impulse für die Rüstungs­industrie, den Finanzsektor, die Luxusgüterbranche sowie den stark dividenden­orientierten Tele­komfirmen und Versorgern.

Mit Obama bleibt die Fed auf Kurs

Doch auch ein neuer Präsident Romney würde zumindest mittel­fristig Probleme aufwerfen. Er ist kein Freund der expansiven Geld­politik der amerikanischen Noten­bank Federal Reserve. Deren Chef Ben Bernanke würde bei einem Wahl­sieg Romneys seinen Posten wahr­scheinlich nicht behalten können. „Daher könnte es im Verlauf des nächsten Jahres zu erneuten Unsicherheiten an den Märkten kommen“, mutmaßt Engels. „Bei einer Wieder­wahl Obamas wird die Fed wahr­scheinlich an ihrem aktuellen geld­politischen Kurs fest­halten“, schätzt AXA Investment Managers. Erst wenn sich der Arbeits­markt noch sehr viel stärker erholt habe, könne man mit einer Änderung der Geld­politik rechnen.

Unklares Votum würde keinem gefallen

Am schlimmsten wäre, wenn das Wahl­ergebnis ähnlich wie im Jahr 2000 bei Bush und Al Gore zunächst unklar wäre. „Das bietet wenig Fantasie für die Märkte“, konstatiert Engels. Die Unsicherheit an den Märkten könnte sich wochen­lang hinziehen und sowohl Investitionen von Unternehmen als auch den privaten Konsum lähmen.

Die Situation zum Einstieg in den Markt nutzen?

Die Warte­stellung der Börsen könnten Anleger zum Einstieg nutzen – voraus­gesetzt, sie vertrauen auf eine baldige Lösung des US-Schulden­problems und darauf, dass die Regierung die Haus­halts­klippe in den Griff bekommt. Den breitesten Zugang zum amerikanischen Aktienmarkt bieten der MSCI USA, der rund 600 Aktien listet, sowie der Index S&P 500 mit 500 Werten. Anleger können mit Indexfonds (ETF) in die beiden Indizes investieren (siehe Tabelle: Indexfonds auf den amerikanischen Aktienmarkt). In den vergangenen drei Jahren haben die beiden besten Indexfonds auf den amerikanischen MSCI-Index, der Lyxor ETF MSCI USA und der db x-trackers MSCI USA ETF, jeweils 17,5 Prozent pro Jahr zugelegt (Stichtag 30. September 2012). Der beste Indexfonds auf den S&P-Index, der iShares S&P 500, hat in derselben Zeit 17,3 Prozent pro Jahr erreicht. Mehr – nämlich rund 23 Prozent – konnten Anleger mit ETF auf den Nasdaq-100-Index erreichen, der Technologie­werte listet.

Tipp: Der amerikanische Markt macht einen Groß­teil des Welt­aktienmarktes aus und bestimmt im wesentlichen den Verlauf auch anderer großer Börsen. Wenn Sie als Anleger empfehlens­werte Fonds aus anderen Markt­segmenten sowie interna­tional anlegende Fonds interes­sant finden: Die Bewertungen von Finanztest von über 200 Fonds finden Sie im Produktfinder Investmentfonds.

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