Erreger und Impfung. Gegen Pneumokokken hilft unter anderem der Impf­stoff Pneumovax 23.

Schät­zungen zufolge sterben in Deutsch­land etwa 5 000 Menschen pro Jahr an einer Pneumokokken-Infektion. Säuglinge und Klein­kinder sind besonders gefährdet, da ihr Immun­system noch nicht ausgereift ist. Auch wer älter ist oder ein chro­nisches Leiden hat, kann eher erkranken. Nun kommen auch noch Corona-Sorgen hinzu – doch der Pneumokokken-Impf­stoff ist derzeit rar. Hier lesen Sie, wer sich gegen Pneumokokken impfen lassen sollte und was in Zeiten von Covid-19 zu beachten ist.

Impf­stoffe Prevenar und Pneumovax oft knapp

Pneumokokken? Noch vor ein paar Monaten kannte wohl kaum jemand diese Erreger. Das hat sich seit Beginn der Corona-Krise geändert. Im Zuge steigender Infektions­raten hatten Behörden, darunter das Bundes­gesund­heits­ministerium, Senioren aufgerufen, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen. Das biete zusätzlichen Schutz. Viele Menschen folgten dem Rat; schnell über­stieg die Nach­frage das Angebot. Seither waren die Pneumokokken-Impf­stoffe Prevenar und Pneumovax laut Behörden­angaben häufig nur „einge­schränkt verfügbar“.

„Unerwartet stark gestiegene Nach­frage“

Der Pneumovax-Hersteller, das Unternehmen MSD, erklärte die Engpässe gegen­über test mit „unerwartet stark gestiegener Nach­frage“ – welt­weit. Wegen der komplexen biotechnologischen Herstellung lasse sich Impf­stoff nicht kurz­fristig nach­produzieren.

Welche Personen­gruppen sollten vorrangig geimpft werden?

Pneumokokken-Impfung. Unsere Experten empfehlen sie unter anderem kleinen Kindern und gefähr­deten Senioren.

Das sagt die Stiko. Um die Ressourcen best­möglich zu nutzen, hat die Ständige Impfkommission (Stiko) Hinweise veröffent­licht, wer bei Liefer­engpässen entsprechender Pneumokokken-Impf­stoffe vorrangig geimpft werden sollte:

  • Personen mit Immun­schwäche,
  • Menschen mit chro­nischen Erkrankungen des Herzens oder der Atmungs­organe,
  • Senioren ab 70 Jahre,
  • Babys und Klein­kinder bis zwei Jahre.

Das sagen die Impf-Experten der Stiftung Warentest. Zu ähnlichen Einschät­zungen kommen die Impf-Experten der Stiftung Warentest: „In der derzeitigen Situation ist zu erwarten, dass vor allem Senioren mit Krankheiten, etwa Diabetes, chro­nischen Lungen- oder Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen, sowie Menschen mit Immun­schwäche und kleine Kinder von der Pneumokokken-Impfung profitieren“, sagt Dr. Judith Günther, Fach­apothekerin für Arznei­mittel­information und Mitglied unseres Expertenkreises zum Thema Impfen. „Die Impfung schützt Risiko­gruppen zwar nicht vor den Coronaviren selbst, aber möglicher­weise vor zusätzlichen Lungen­entzündungen durch Pneumokokken, die den Krank­heits­verlauf erschweren können.“

Die Impf­empfehlungen der Stiftung Warentest

Kinder. Mehr als ein Dutzend Kinder­impfungen werden derzeit von der Ständigen Impf­kommis­sion (Stiko) empfohlen. Im Special Impfungen für Kinder ordnen unsere Experten sie ein.

Erwachsene. Welche Impfungen für Erwachsene sinn­voll sind und wann Auffrischungen fällig sind, steht in unserem Special Impfungen für Erwachsene.

Nutzen bei kleinen Kindern am besten belegt

Grund­sätzlich sei der Nutzen bei kleinen Kindern am besten belegt. Die Pneumokokken-Impfung für sie stufen unsere Experten daher als sinn­voll ein; die Impfung anderer Risiko­gruppen als voraus­sicht­lich sinn­voll (siehe Tabelle unten). Die allgemeine Einschät­zung zur Pneumokokken-Impfung haben wir Ende 2018 veröffent­licht; wegen der aktuellen Situation haben unsere Experten sich nochmals mit dem Thema beschäftigt.

Für wen die Impfung gegen Pneumokokken sinn­voll ist

Die Tabelle zeigt die Einschät­zung der Stiftung Warentest zur Impfung von Personen­gruppen, die durch eine Infektion mit Pneumokokken gefährdet sind.

Für Kinder unter 2 Jahren

Für Ältere ab 60 Jahre1

Für Risiko­gruppen, etwa mit Immun­schwäche

Für Kinder unter 2 Jahren

Für Ältere ab 60 Jahre1

Für Risiko­gruppen, etwa mit Immun­schwäche

Empfohlener Impf­stoff

Prevenar 132

Pneumovax 233

Pneumovax 234

Empfohlener Impf­plan

Drei Impf­stoff­dosen: je eine im Alter von 2, 4 und 11 bis 14 Monaten

Eine einzige Impf­stoff­dosis

Eine einzige Impf­stoff­dosis4

Immunität

Eine Auffrischungs­impfung ist wahr­scheinlich unnötig.

Eine Wieder­holungs­impfung nach sechs Jahren ist wahr­scheinlich sinn­voll.

Eine Wieder­holungs­impfung nach sechs Jahren ist wahr­scheinlich sinn­voll.

Unsere generelle Einschät­zung

Die Impfung ist sinn­voll. Sie kann bei jungen Kindern nach­weislich schwerwiegende Erkrankungen durch Pneumokokken-Infektionen verhindern.

Die Impfung ist voraus­sicht­lich sinn­voll. Es ist nicht ausreichend belegt, dass die Zahl der Lungen­entzündungen durch die Impfung sinkt. Sie kann aber seltene, sehr schwere Erkrankungen wie Blut­vergiftung durch die Erreger nach­weislich verhindern.

Die Impfung ist voraus­sicht­lich sinn­voll. Der Nutzen für Risikopatienten, etwa Immun­geschwächte, sollte noch besser belegt werden. Doch hat diese Gruppe ein erhöhtes Gesund­heits­risiko – das spricht für die Impfung.

Unsere Empfehlung in Zeiten knapper Impf­stoffe

Unsere Empfehlung, kleine Kinder bis zu einem Alter von 2 Jahren zu impfen, gilt unver­ändert (siehe oben).

Wir raten vorrangig Senioren mit Erkrankungen der Atmungs­organe, des Herz­kreis­lauf­systems oder mit Diabetes zur Impfung. Sie können von ihr besonders profitieren.

Wir raten vorrangig Patienten, die eine Immun­schwäche haben oder immun­dämpfende Medikamente einnehmen, zur Impfung. Sie können von ihr besonders profitieren.

    • 1 Die Studien­daten lassen nicht zu, die Alters­grenze eindeutig fest­zulegen.
    • 2 Für Kinder gibt es alternativ den Impf­stoff Synflorix. Er sollte höchs­tens zum Einsatz kommen, wenn Prevenar nicht verfügbar ist, da er weniger Erregertypen abdeckt.
    • 3 Menschen ab 60 Jahren sollten ausschließ­lich den Impf­stoff Pneumovax bekommen. Er deckt die Erregertypen, an denen Ältere häufig erkranken, besonders gut ab.
    • 4 Bestimmte Risiko­gruppen wie Immun­geschwächte bekommen normaler­weise eine Impfung sowohl mit Prevenar als auch mit Pneumovax in einem gewissen zeitlichen Abstand. Zu Zeiten knapper Impf­stoffe wird diese Empfehlung möglicher­weise ausgesetzt.

    Wann die Keime riskant sind

    Pneumokokken sind Bakterien und werden per Tröpf­chen­infektion über­tragen, etwa beim Husten oder Niesen. Sie siedeln sich bei vielen Menschen im Nasen-Rachen-Raum an, meist ohne sie krank zu machen. Ist das Immun­system aber geschwächt, können sie beispiels­weise Blut­vergiftungen, Entzündungen des Mittel­ohrs oder der Hirnhaut verursachen – und vergleichs­weise häufig Lungen­entzündungen. Zur Behand­lung dienen Antibiotika, die aber nicht immer ausreichend wirken.

    Wem die Kasse die Impfung zahlt

    Für alle, denen die Ständige Impf­kommis­sion die Pneumokokken-Impfung empfiehlt, tragen Krankenkassen die Kosten: Kinder bis zwei Jahre, Patienten mit bestimmten chro­nischen Krankheiten, Ältere ab 60. Das gilt auch in der aktuellen Zeit der Liefer­engpässe, für die die Stiko enger gefasste Hinweise zum Impfen gibt.

    Auf den Impf­stoff kommt es an

    Es gibt zwei Impf­stoff­typen: Poly­saccharid aus den Zuckern der Bakterienhülle sowie Konjugat – bei ihm sind die Poly­saccharide an ein Eiweiß­molekül gebunden. Da Poly­saccharid-Impf­stoffe bei Kindern bis zwei Jahre nicht ausreichend wirken, sind für sie zwei Konjugat-Impf­stoffe zugelassen: Prevenar schützt vor 13 verschiedenen Unterformen der Pneumokokken, Synflorix nur vor 10. Wir empfehlen nach Möglich­keit Prevenar. Senioren und Risikopatienten bekommen in der Regel Pneumovax. Das ist ein Poly­saccharid-Impf­stoff, der 23 Erregertypen umfasst.

    Komplikationen sind selten

    Komplikationen durch die Impfung sind sehr selten. Es kann zu Neben­wirkungen kommen, die aber meist inner­halb weniger Tage vergehen: Oft rötet sich die Einstich­stelle, schwillt an oder schmerzt. Auch allgemeine Krank­heits­zeichen wie Fieber treten möglicher­weise auf.

    Der richtige Zeit­punkt für den Pikser

    Piks. In der Regel werden Impf­stoffe gegen Pneumokokken in den Ober­arm gespritzt.

    Pneumokokken-Erkrankungen haben vor allem in den kalten Monaten Saison. Daher werden Erwachsene häufig im Herbst geimpft, etwa parallel mit der Grippeimpfung. Alle sechs Jahre kann eine Auffrischung sinn­voll sein – am besten mit dem Arzt besprechen. Impf­stoffe für kleine Kinder werden dreimalig in bestimmten Lebens­monaten gespritzt, zum ersten Mal möglichst mit zwei Monaten. Auch das kann zeitgleich mit einem anderen Piks wie der Sechs­fach­impfung erfolgen.

    Tipp: Für Risiko­gruppen wie Senioren und chro­nisch Kranke sind allgemeine Maßnahmen wie Abstand halten, Hände waschen, Kontakte reduzieren zu Corona-Zeiten besonders wichtig, schreibt das Robert-Koch-Institut. Das schützt vor Covid-19 ebenso wie vor der Über­tragung anderer Infektionen wie Pneumokokken.

    Wer sich zusätzlich etwa beim Haus­arzt impfen lassen möchte, kann sich vor der Termin­ver­einbarung auf der Website des Paul-Ehrlich-Instituts informieren, ob der Impf­stoff grund­sätzlich verfügbar ist.

    Nutzer­kommentare, die vor dem 26. Juni 2020 gepostet wurden, beziehen sich auf eine frühere Fassung unseres Artikels.

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