Pneumokokken. Die Bakterien können unter anderem schwere Lungen­entzündungen verursachen.

Schät­zungen zufolge sterben in Deutsch­land 5 000 Menschen pro Jahr an einer Pneumokokken-Infektion. Säuglinge und Klein­kinder sind besonders gefährdet, da ihr Immun­system noch nicht ausgereift ist. Auch wer älter ist oder ein chro­nisches Leiden hat, kann eher durch die Bakterien erkranken. Nun kommen auch noch Corona-Sorgen hinzu. Hier lesen Sie, wer sich gegen Pneumokokken impfen lassen sollte und was in Corona-Zeiten zu beachten ist.

Pneumokokken und Corona

Eine Impfung gegen das Coronavirus gibt es noch nicht. Das Bundes­gesund­heits­ministerium hat aber Senioren empfohlen, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen. Die Impfung schützt nicht vor Covid-19, aber davor, dass Pneumokokken-Bakterien die Lunge angreifen, Lungen­entzündungen verursachen und die Betroffenen körperlich stark schwächen.

Aktuell berichten die Ständige Impfkommission (Stiko) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) freilich von Versorgungs­engpässen bei Pneumokokken-Impf­stoffen: Der Impf­stoff Prevenar sei derzeit nur begrenzt verfügbar, der Impf­stoff Pneumovax voraus­sicht­lich erst Anfang Mai 2020 wieder liefer­bar. Daher sollen Pneumokokken- Impf­stoffe jetzt nur an besonders empfindliche Personen­gruppen ausgegeben werden, so die Empfehlung der beiden Fach­institutionen:

An Babys und Klein­kinder bis zum Alter von 2 Jahren,

an Patienten mit Immun­defizienz oder chro­nischen Atemwegs­erkrankungen,

an Senioren ab 70 Jahren.

Auch bei der Wahl der Impf­stoffe gibt es teils Änderungen zum üblichen Vorgehen – um die begrenzten Möglich­keiten best­möglich zu nutzen:

Prevenar 13 soll derzeit ausschließ­lich bei Kindern bis zum Alter von 2 Jahren zum Einsatz kommen. Sollte dieser Impf­stoff nicht verfügbar sein, kann auf einen weiteren namens Synflorix ausgewichen werden, der etwas weniger Erregertypen abdeckt.

Die anderen zuvor aufgeführten Risiko­gruppen sollen den Impf­stoff Pneumovax 23 bekommen, also in der Regel eine Einzel­impfung.

Wichtig: Oberste Priorität für Senioren und chro­nisch Kranke habe im Moment die „Kontakt­reduzierung“, betont das Robert-Koch-Institut auf seiner Webseite – etwa indem man zu Hause bleibe. Das schütze vor Covid-19 ebenso wie vor der Über­tragung anderer Infektions­erkrankungen wie Pneumokokken. Wer dennoch als Risikopatient klären will, ob die Impfung möglich ist, tut das lieber telefo­nisch als dafür in die Praxis zu gehen. Das mindert die Gefahr, sich beispiels­weise im Warte­zimmer mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Und: Da viele Arzt­praxen aktuell über­lastet sind, sollte bei der Termin­ver­einbarung auch geklärt werden, dass der Impf­stoff für die Impfung über­haupt verfügbar ist.

Weitere Informationen zum Thema Pneumokokken finden Sie weiter unten. Laufend aktualisierte Informationen rund um das Coronavirus lesen Sie in den FAQ Corona – Ausbreitung und Gesundheit. Und wenn Sie sich ganz generell über Impfungen informieren wollen, empfehlen wir unsere Tests Impfungen für Erwachsene und Impfungen für Kinder.

Pneumokokken können gefähr­lich werden

Pneumokokken sind bei vielen Menschen im Mund-Nasen-Rachenraum zu finden – meist ohne eine Krankheit zu verursachen. Kann das Immun­system die Bakterien aber nicht in Schach halten und breiten sie sich aus, können sie etwa Lungen-, Mittel­ohr- oder Hirnhaut­entzündung auslösen.

Die Kasse zahlt die Impfung

Für alle, denen die Ständige Impf­kommis­sion die Pneumokokken-Impfung empfiehlt, tragen die Krankenkassen die Kosten: für Kinder bis zwei Jahre und Erwachsene über 60 sowie Immun­schwache und Menschen mit bestimmten chro­nischen Krankheiten. Die Experten der Stiftung Warentest bewerten die Impfung der Kinder gegen Pneumokokken als sinn­voll, die der Älteren und Risikopatienten als voraus­sicht­lich sinn­voll; aus ihrer Sicht sollte der Nutzen noch besser belegt werden.

Der Impf­stoff ist entscheidend

Es gibt zwei Impf­stoff­typen: Poly­saccharid – ein Impf­stoff aus den Zuckern der Bakterienhülle – und Konjugat – bei ihm sind die Poly­saccharide noch an ein Eiweiß­molekül gebunden. Poly­saccharid-Impf­stoffe wirken bei Kindern bis zwei Jahre und Immun­schwachen nicht ausreichend. Für die Kleinen sind deshalb zwei Konjugat-Impf­stoffe zugelassen: Prevenar, der vor 13 Erregertypen schützt, und Synflorix, der nur 10 Typen abdeckt. Wir empfehlen Prevenar. Über-60-Jährige sollten mit Pneumovax geimpft werden. Das ist ein Poly­saccharid-Impf­stoff, der neben den 13 Erregertypen aus Prevenar zusätzlich vor 10 weiteren und somit breiter schützt. Weil die meisten Kleinen gegen Pneumokokken geimpft werden, besteht ein deutlicher „Herden­schutz“ für die 13 Erregertypen, das heißt: Hohe Impf­raten bei Kindern schützen auch Ältere.

Für wen Impfen gegen Pneumokokken sinn­voll ist

Die Tabelle zeigt unsere Einschät­zung zu Personen­gruppen, für die die Impfung infrage kommt. Derzeit gelten bedingt durch Liefer­engpässe einge­schränkte Empfehlungen (siehe graue Box oben).

Für Kinder unter 2 Jahren

Für alle 60 plus 1

Für Risikopatienten, etwa Immun­geschwächte

Für Kinder unter 2 Jahren

Für alle 60 plus 1

Für Risikopatienten, etwa Immun­geschwächte

Empfohlener Impf­stoff

Prevenar 13 2

Pneumovax 23 3

Prevenar 13 und Pneumovax 23

Empfohlener Impf­plan

Drei Impf­stoff­dosen: je eine im Alter von 2, 4 und 11 bis 14 Monaten

Eine einzige Impf­stoff­dosis

Eine Impf­dosis Prevenar und nach sechs bis zwölf Monaten eine Dosis Pneumovax

Immunität

Auffrischungs­impfung wahr­scheinlich unnötig

Wieder­holungs­impfung nach sechs Jahren wahr­scheinlich sinn­voll

Wieder­holungs­impfung mit Pneumovax nach sechs Jahren wahr­scheinlich sinn­voll

Die Einschät­zung der Stiftung Warentest

Die Impfung ist sinn­voll. Sie kann nach­weislich schwerwiegende Erkrankungen durch eine Pneumokokken-Infektion verhindern.

Die Impfung ist voraus­sicht­lich sinn­voll. Sie kann zwar schwerwiegende Erkrankungen durch die Erreger verhindern, es ist jedoch nicht ausreichend belegt, dass durch die Impfung auch die Zahl der Lungen­entzündungen sinkt.

Die Impfung ist voraus­sicht­lich sinn­voll. Der Nutzen für Risikopatienten, etwa Immun­geschwächte oder chro­nisch Kranke mit Stoff­wechsel­erkrankungen, sollte noch besser belegt werden. Doch diese Gruppe hat ein besonders hohes Gesund­heits­risiko – das spricht für die Impfung.

    • 1 Die Studien­daten lassen nicht zu, die Alters­grenze eindeutig fest­zulegen. Ältere könnten sich auch erst ab 65 Jahren impfen lassen.
    • 2 Für Kinder gibt es alternativ den Impf­stoff Synflorix. Wir empfehlen ihn nicht, da er weniger Erregertypen abdeckt als Prevenar.
    • 3 Für gesunde Erwachsene gibt es auch den Impf­stoff Prevenar. Wir empfehlen ihn nicht, da Infektionen bei Älteren durch die in Prevenar enthaltenen Erregertypen weniger häufig vorkommen. Pneumovax deckt die Erregertypen, an denen diese Alters­gruppe erkrankt, besser ab (siehe „Der Impf­stoff ist entscheidend“).

    Die Spritze ist meist gut verträglich

    Komplikationen durch die Impfung sind sehr selten. Es kann zu Neben­wirkungen kommen, die aber meist inner­halb weniger Tage vorbei sind: Oft rötet sich die Einstich­stelle, schwillt an oder schmerzt. Auch allgemeine Krank­heits­zeichen wie Fieber und Kopf­schmerzen können auftreten. Kinder sind nach der Impfung mitunter schläf­rig, reiz­bar, weinen mehr.

    Wann ein guter Zeit­punkt für den Pikser ist

    Pneumokokken-Erkrankungen haben vor allem in den kalten Monaten Saison. Die Bakterien werden durch Tröpf­chen­infektion wie Husten und Niesen über­tragen. Die Pneumokokken-Impfung erfolgt mit Totimpf­stoff, der parallel mit anderen gespritzt werden kann, etwa mit der Grippeimpfung – aber nicht in denselben Arm oder Oberschenkel. Kinder bis zwei Jahre werden dreimal in bestimmten Lebens­monaten gegen Pneumokokken geimpft. Auch das ist zeitgleich mit einem anderen Pikser wie der Sechs­fach­impfung möglich.

    So sind wir vorgegangen

    Methodik. Ein Experten­kreis hat in unserem Auftrag die aktuelle Studien­lage zu den Pneumokokken-Impfungen und verfügbaren Impf­stoffen ausgewertet. Die Experten orientierten sich an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin und brachten auch ihre klinische Erfahrung ein. Sie bewerteten das Nutzen-Risiko-Verhältnis für den Einzelnen, aber auch, wie sich die Krankheit inner­halb der Gesell­schaft entwickelt, wenn größere Bevölkerungs­gruppen geimpft werden. Wie die Stiftung Warentest zu ihren Impf­einschät­zungen kommt, erklären wir in unserem Methodenpapier.

    Experten. Prof. Gerd Glaeske, Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alters­sicherung an der Universität Bremen und des Forschungs­instituts für Arznei­mittel­versorgung Pharmafacts; Dr. Judith Günther, Pharmafacts; Prof. Winfried V. Kern, Leiter der Infektiologie am Universitäts­klinikum Freiburg; Prof. Michael M. Kochen, 1989 bis 2011 Direktor der Allgemeinmedizin an der Universität Göttingen und Lehr­beauftragter an der Universität Freiburg.

    Dieser Artikel ist erst­mals am 6. November 2018 auf test.de erschienen. Er wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 31. März 2020.

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