Pillen für die Schule Test

Kluge Köpfe durch Kapseln und Co. – Idee und Produkte verkaufen sich gut. Nur: Es gibt kaum Belege für die Wirk­samkeit.

Lernen ist ein Kinder­spiel – mit Nach­hilfe per Pille. „So kauen die Schlauen“, ermuntert die Firma Doppel­herz zum Kauf ihrer Gel-Tabs Omega-3 Junior. Die gleichnamigen Kaupastillen von Hübner helfen angeblich, „den Gehirn-Motor zu schmieren“. OM3 junior von Isodisnatura enthält die „spezielle Formel für Ausgeglichenheit und Konzentration“. Auch andere Kapseln, Pastillen und Tabletten sollen dem kindlichen Gehirn gut tun. Manche verkünden das schon im Namen: „Concentrix“, „Omega IQ junior“, „Brain Effect junior“.

Viele Versprechen – wenig dahinter. Zu diesem Ergebnis kommt die Stiftung Warentest. Wir haben zwölf Produkte mit angeblich güns­tigen Effekten auf das Gehirn unter die Lupe genommen. Alle bewerten wir als „wenig geeignet“, da ihr Nutzen nicht ausreichend belegt ist

Dünne Daten­lage

Der Rotbäck­chen-Saft „Lern­stark“ liefert Eisen und B-Vitamine – wovon Kinder meist genug mit der Nahrung aufnehmen, B-Vitamine sogar im Über­schuss. Das zeigt die 2007 veröffent­lichte „Eskimo“-Studie zur Kinder­ernährung in Deutsch­land. Daher finden wir auch Werbung in Apotheken fragwürdig, die Vitamin- und Mineral­stoff­mängel unterstellt .

Die anderen elf Präparate enthalten Omega-3-Fett­säuren aus Seefisch. Manche bieten zusätzlich Omega-6-Fett­säuren aus Pflanzen und weitere Substanzen: Vitamine, Mineralstoffe, Spuren­elemente. Sieben dieser Produkte gelten recht­lich als „Nahrungs­ergän­zungs­mittel“ und richten sich an die gesunde Bevölkerung. Vier sind „ergänzende bilanzierte Diäten“ zum Einsatz bei der kindlichen Aufmerk­samkeits­defizit-Hyper­aktivitäts-Störung (ADHS).

Ergänzende bilanzierte Diäten und Nahrungs­ergän­zungs­mittel sehen aus wie Arznei­mittel. Doch es gibt einen Unterschied: Medikamente müssen, bevor sie auf den deutschen Markt kommen, ihre Wirk­samkeit und Sicherheit durch klinische Studien nach hohen wissenschaftlichen Maßstäben beweisen. Nahrungs­ergän­zungs­mittel benötigen nichts dergleichen. Zu ergänzenden bilanzierten Diäten liegen zwar manchmal Unter­suchungen vor, aber ohne eindeutig fest­gelegte Qualitäts­stan­dards.

Entsprechend dünn ist die Daten­lage zu den Test­produkten. Fest­steht: Das Gehirn braucht Omega-3- und -6-Fett­säuren aus der Nahrung. Es gibt Hinweise, dass Mängel ADHS fördern, und einige Studien mit Kindern, die die Fett­säuren per Pille bekamen. Doch die sind metho­disch oft nicht ausreichend, etwa weil es nur wenig Teilnehmer oder keine ärzt­liche ADHS-Diagnostik gab. Vor allem aber: Die Omega-Fett­säuren zeigten keine oder so geringe Effekte, dass sich die Einnahme nicht empfehlen lässt. Das bestätigen medizi­nische Fachgesell­schaften und eine Über­sichts­arbeit der interna­tionalen unabhängigen Cochrane Collaboration von 2012. Auch für Lernen und Konzentration ist der Nutzen nicht ausreichend belegt.

EU lehnte Werbe­slogans ab

Pillen für die Schule Test

Werbe­versprechen. Die Beispiele zeigen, was die getesteten Präparate für Kinder angeblich so alles bewirken.

Werbe­versprechen. Die Beispiele zeigen, was die getesteten Präparate für Kinder angeblich so alles bewirken.

So sieht das auch die Europäische Behörde für Lebens­mittel­sicherheit (Efsa). Sie prüft, welche gesund­heits­bezogenen Werbe­slogans (Health Claims) für Lebens­mittel, also auch Nahrungs­ergän­zungs­mittel, wissenschaftlich gesichert sind. Im Mai 2012 erließ die EU-Kommis­sion eine Verordnung mit 222 erlaubten Slogans. Was dort nicht steht: Dass Omega-Fett­säuren günstig auf die geistige Entwick­lung oder das Lern- und Konzentrations­vermögen wirken – weder bei Erwachsenen noch bei Kinder­garten- und Schul­kindern. Anbieter dürfen nicht mehr mit solchen Aussagen werben.

Die Verordnung gilt seit dem 14. Dezember 2012. Wird sie umge­setzt? Wir kauf­ten alle getesteten Produkte kurz nach diesem Datum nochmals ein und stellten fest: Die gesund­heits­bezogenen Angaben stehen unver­ändert auf den Packungen und in den Beipack­zetteln. Möglich, dass Händler noch alte Produkte abver­kaufen – oder Hersteller die Verordnung noch nicht befolgen. Ihre Einhaltung in Deutsch­land zu kontrollieren, ist Aufgabe der Über­wachungs­behörden in den einzelnen Bundes­ländern.

Sorgenvolle Eltern

Viele Eltern springen auf die Werbung an – aus Sorge: Bekommt mein Kind für den Schul­stress alle wichtigen Nähr­stoffe? Kommt es im Unter­richt mit? Oder verspielt es Zukunfts­chancen? Manche fürchten, der Nach­wuchs verhalte sich nicht normal, leide vielleicht sogar an ADHS. Dann brauchen Kinder spezielle Hilfen.

Tipp: Enorm wichtig für jedes Köpf­chen ist tägliche Bewegung, etwa Toben im Freien. Das fördert die Durch­blutung und Nerven­vernetzung im Hirn. Ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Kartoffeln, Mager­fleisch, Voll­korn- und Milch­produkten liefert Brenn- und Baustoffe, Vitamine und Mineralien – ganz natürlich. Auch der Bedarf an Omega-3-Fett­säuren – täglich etwa 250 Milligramm bei Kindern ab zwei Jahren – lässt sich mit Essen decken. Dafür reichen pro Woche ein bis zwei Mahl­zeiten mit fettem Seefisch wie Lachs, Hering, Makrele. Kommt diese Kost schlecht an, hilft pflanzlicher Ersatz: Eltern sollten möglichst Lein- oder Rapsöl verwenden. Auch enorm ergiebig: täglich ein paar Walnüsse. Es ist also nicht so schwer, Kinder gut zuernähren, wie es etliche von uns geprüfte Produkte vermitteln. Es geht ohne Pillen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 143 Nutzer finden das hilfreich.