Mehr Leistungsfähigkeit für Körper und Geist verspricht das Pilatestraining. Auch in der Krankengymnastik und im Gesundheitssport finden sich häufig Pilatesübungen wieder.

Nur noch der Atem der sieben Teilnehmer ist im Übungsraum zu hören. Auf Matten liegend sind sie damit beschäftigt, in eine imaginäre, zu klein geratene Jeans zu schlüpfen. Wie ging das noch? Den Nabel samt Bauchdecke nach innen und hoch zur Wirbelsäule ziehen, schnell Reißverschluss und Knopf zu und die Spannung halten. Solche Visu­alisierungen sind beim Pilatestraining üblich und sollen die Konzentration auf den Körper unterstützen. Bei dieser speziellen Übung dreht sich alles um die Körpermitte, das so genannte „Powerhouse“. Dieses Kraftzentrum aus Unterleibs-, Kreuz­bein-, Bauch- und Gesäßmus­ku­la­tur ist im Pilates die Basis für einen freien Bewegungsfluss der übrigen Körpermusku­la­tur und eine aufrechte Haltung.

Komplexes Ganzkörpertraining

Diese Trainingsform basiert auf dem Le­bens­werk ihres Namensgebers Joseph Pilates, der 1880 in Düsseldorf geboren wurde. In den 20er Jahren wanderte er nach New York aus, wo er 1926 sein erstes Trainingsstudio eröffnete.

Sein Konzept entwickelte sich aus ei­ner Symbiose von asiatischem Kampfsport, Yoga­­elementen und Gymnas­tik, die in einem ganzheitlich men­talen und körperlichen Training zusammenfließen. Für viele sei­ner Übungen ent­wickelte Joseph Pilates spezielle Geräte, mit denen seine charakteristische lang­same und kontrollierte Ausführung der Bewegungen möglich wurde. Die originalen Pilates­übun­gen sind sehr komplexe Ganz­körper­übun­gen, die ein hohes Maß an Fitness und Körperbeherrschung erfordern. Er selbst nannte diese Technik „Contrology“. Dar­aus entwickelte sich das heutige „moderne“ Pilatestraining, das an die neuesten Erkenntnisse der Sportmedizin angepasst wurde und sich für alle Interessierten empfiehlt – unabhängig von Kondition und Fitness. Das Pilatesprogramm umfasst mittlerweile mehr als 500 Übungen.

Einst ein Geheimtipp

In den USA avancierte seine Methode schnell zum Geheimtipp für Tänzer und Schauspieler. Dieser Trend setzte sich bis heute fort: Stars wie Madonna, Jodie Foster, Richard Gere, Brad Pitt und der Weltklasse-Golfer Tiger Woods halten ihre Körper mit Pilates fit und in Form. Längst ist Pilates aber kein Privileg der VIPs mehr und jedem Übungswilligen zugänglich.

In Deutschland hat die Pilatesmethode lange Zeit im Winterschlaf geschlummert, bevor sie schließlich 1997 im Zuge des ungebrochenen Trends in den USA auch hierzulande für ein breites Publikum wiederentdeckt wurde. Kein Wunder: Dem Pilatestraining eilt der Ruf voraus, die Leistungsfähigkeit von Körper und Geist zu steigern. Die natürliche Bewegungsfähigkeit und Elastizität soll dadurch wiederentdeckt und wiedererlernt werden.

Außerdem sollen sich auch Kör­perbe­wusst­sein, Haltung, Vorstellungskraft und Koordinationsfähigkeit verbessern. Ein sehr willkommener Nebeneffekt sind ein flache­rer Bauch und eine schöne Taille. Doch damit nicht genug: Die gestärkten Stabilisierungsmuskeln entlang der Wirbelsäule sorgen auch für eine Aufrichtung des gesamten Körpers und sollen dadurch das gesamte Erscheinungsbild schlanker und größer wirken lassen.

Pilates gilt als ganzheitliche Trainingsmethode, die Körper und Geist ins Gleichgewicht bringen soll. Die meditative und entspannende Wirkung von Pilates entsteht durch die ausschließliche Konzentration auf alle Details der Übungen. Der Übende ist mental so sehr mit der Kontrolle über die eigene Atmung, Muskelanspannung und Haltung beschäftigt, dass keine geistigen Kapazitäten für ablenkende Alltagsgedanken frei sind.

Alle Muskelgruppen gleichzeitig

Im Unterschied zum herkömmlichen Fitnesstraining, bei dem der Fokus auf den einzelnen Muskeln wie zum Beispiel Bizeps oder Trizeps liegt, wer­den bei Pilates alle Muskel­gruppen des Körpers gleich­­zeitig ge­kräftigt und gedehnt. Auch geht es hier nicht um Quan­tität, sprich die Anzahl der Wiederho­lungen, sondern um Qua­lität: Die Präzision bei der Ausführung der Übun­gen, unterstützt von begleitender Atemtechnik, sind das A und O.

Das Training an den typischen Pilatesgeräten wie zum Beispiel „Reformer“ oder „Trapeztisch“ wird selten in herkömmlichen Fitnessstudios angeboten – diese Seilzuggeräte stehen meist nur in ausge­wie­senen Pilateszentren, die in zahlreichen Städten zu finden sind. Es gibt aber auch eine Pilatesvariante ohne Geräte: das Mattentraining. „Für Menschen, die viel am Schreibtisch sitzen und unter Rückenproblemen leiden, ist das Mattentraining ausreichend“, erklärt die Ärztin und Pilateslehrerin Ellen Fischer. Für den Anfang empfiehlt sie Einzelunterricht (ab 45 Euro pro Stunde). Denn bei falscher Ausführung können manche Pilatesübungen den Körper belasten. Vor allem Menschen mit Rückenproblemen sollten nur unter Anleitung und nach ärztlicher Rücksprache trainieren.

Pilates wird inzwischen auch in der Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation eingesetzt. Teilweise empfehlen und verordnen Ärzte ihren Patienten Pilates, da Physiotherapie und Pilates ineinander greifen. Viele Krankenkassen bezuschussen auf Anfrage Gruppen-Pilateskurse („Prä­ventions­kos­ten­­zu­schuss“). Klappt das nicht: Das Gruppentraining kostet pro Person und Stunde ab zehn Euro.

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