Pick-up-Stellen für Medikamente Special

Pillen im Päckchen: In Filialen von dm und Schlecker können Kunden Arzneimittel bestellen und abholen.

Bei dm und Schlecker gibt es Bestell- und Abholstationen für Arzneimittel. Reibungslos klappt das noch nicht.

Sie stehen neben der Fotoecke oder beim Gesundheitsregal: Tresen mit einem Computerbildschirm, einer Art Briefschlitz ins Innere und der Aufschrift „Apotheke, Pharma Punkt“. Hier können Kunden der Drogeriekette dm am Bildschirm oder per Bestellschein Medikamente ordern – verschreibungspflichtige nur mit beigelegtem Rezept. Ein paar Tage später kommt in der Drogerie ein braunes Paket mit der Ware an. Auf Nachfrage holt es ein Mitarbeiter aus dem Lager und überreicht es dem Besteller nach einer Ausweiskontrolle.

„Pick-up-Stellen“ nennen sich Abholstationen außerhalb von Apotheken. Sie entstanden im Gefolge des Arzneimittelversandhandels, der seit 2004 in Deutschland erlaubt ist. Noch im selben Jahr startete dm mit den ersten Abholstationen – mit der holländischen Europa Apotheek. Inzwischen bieten etwa 850 der rund 1 260 deutschen dm-Filialen „Pharma Punkte“.

Pick-up-Stellen für Medikamente Special

Bestellen am Bildschirm: Bei dm lassen sich rezeptfreie Mittel auch am Terminal ordern.

Die Schlecker-Gruppe, zu der auch die Märkte Ihr Platz und drospa gehören, zog im Jahr 2008 nach. Sie wickelt das Pick-up-Geschäft über die hauseigene Versandapotheke Vitalsana ab. Nach deren Angaben sind mittlerweile mehr als 10 000 deutsche Filialen der Gruppe mit Abholstellen ausgestattet. Das Modell ähnelt dem von dm, läuft aber ausschließlich über Bestellschein und Stift. Die übrigen deutschen Drogerieketten betreiben bislang keine Pick-up-Stellen für Arznei.

Viel Umsatz bringe das Geschäftsmodell nicht, ließen Vertreter von dm und Europa Apotheek in Interviews verlauten. Doch gebe es andere Vorteile: für die Versandapotheke mehr Bekanntheit, für die Drogeriekette mehr Nähe zum Pharmamarkt. Das passt ins allgemeine Bild: Drogerien nehmen verstärkt Arzneitees, Nahrungsergänzungsmittel, manchmal auch apothekenübliche Medikamente in ihr Sortiment auf.

Um Kunden werben die Pick-up-Betreiber mit einem doppelten Vorzug: den Preisvorteilen vieler Versandapotheken, kombiniert mit dem Lagerort Drogerie. Für viele Verbraucher, etwa für Berufstätige, sei der Weg zur Drogerie komfortabler, als die Pakete bei der Post oder bei Nachbarn abzuholen.

Stippvisite in sechs Drogerien

Wie reibungslos funktioniert das aber in der Praxis? Das haben wir schlaglichtartig in drei dm- und in drei Schlecker-Filialen geprüft. Pro Drogeriekette bestellten wir zweimal rezeptfreie Medikamente, darunter zwei mit einer riskanten Wechselwirkung, und mehrere Packungen eines Schmerzmittels. Die dritte Order enthielt zwei verschreibungspflichtige Medikamente – eines mit beigelegtem Rezept und eines, das fast denselben Namen trägt wie ein wirkstoffgleiches rezeptfreies Mittel und das wir „versehentlich“ ohne Rezept verlangten.

Hier wird es ärgerlich. Beide Versandapotheken schickten einfach das rezeptfreie Mittel – ohne vorher nachzufragen oder den Austausch wenigstens schriftlich zu erklären. Auch sonst wäre mehr Kommunikation wünschenswert. So fehlte von der Europa Apotheek jeglicher Hinweis auf die Wechselwirkung. Und als wir in einer dm- und einer Schlecker-Filiale etwas zu einem Medikament fragten, ernteten wir ratlose Blicke: „weiß nicht“, „kann keine Auskunft geben“. In der Tat: Mitarbeiter in einer Pick-up-Stelle dürfen pharmazeutische Fragen nicht beantworten. Aber Hinweise auf die Beratungshotlines von Europa Apotheek oder Vitalsana hätten wir schon erwartet.

Am Lieferinhalt gab es bis auf das wortlos ausgetauschte Mittel nichts zu meckern. Mit einer Besonderheit: Im dm-Paket lag nur eine Schmerzmittelpackung, und zwar aus guten Gründen des Patientenschutzes und mit schriftlicher Erklärung. Auch im Schlecker-Paket fand sich der Hinweis, das Mittel ohne fachlichen Rat nicht längere Zeit zu schlucken.

Noch ein Pluspunkt: Die versprochenen Preisnachlässe waren eingehalten. Bei Rezepten zeigt sich die Europa Apotheek großzügiger als Vitalsana: mindestens 2,50 Euro Bonus versus 1-Euro-Einkaufsgutschein pro Medikament. Achtung: Eventuell dürfen ausländische Versender bald keine Rabatte auf Rezepte mehr gewähren, so aktuelle Pläne der Bundesregierung.

Rezeptfreie Mittel gibt es bei beiden Anbietern deutlich unter Listenpreis, den Empfehlungen der Pharmafirmen. Allerdings liefern andere Versandapotheken die Mittel noch billiger (siehe Tabelle). Auch niedergelassene Apotheken können den Listenpreis unterbieten. Rezeptfreie Medikamente lassen sich also auch anderswo günstig beziehen. Und vermutlich schneller.

Lange auf die Päckchen gewartet

Bei unseren Testbestellungen gab es lange und wenig verlässliche Lieferzeiten. Zwischen drei und acht Tagen warteten wir auf die Pakete. Bei Schlecker kommt erschwerend hinzu: Es steht kein Lieferdatum auf dem Abholschein, das Personal gab dazu nur vage Auskunft und wir erfuhren keine Telefonnummer, um nach dem Lieferstand zu fragen. Ein Paket kam übrigens nicht wie bestellt bei Schlecker an, sondern bei der Kundin zuhause, besser gesagt bei ihrem Nachbarn. Dabei stand groß auf dem Päckchen, dass genau das nicht passieren darf.

Tipp: Wer Pick-up-Stellen nutzt, sollte Zeit einplanen, mit erfolglosen Abholversuchen rechnen und keine dringend benötigten Medikamente bestellen. Lesen Sie mitgeschickte Unterlagen gut durch, vielleicht stehen dort wichtige Infos zu Ihrer Arznei. Für Fachfragen nutzen Sie die Hotlines der Versandapotheken. Mitarbeiter in Pick-up-Stellen dürfen solche Auskünfte nicht geben. Bei rezeptfreien Mitteln lohnt ein Preisvergleich (siehe „Vor-Ort-Apotheken“ und „Versandapotheken“).

Pillen neben Blumen und Zapfsäulen

Auch andere Branchen experimentieren mit Pick-up-Stellen für Medikamente. Darunter einige Apotheken, zum Beispiel der Linda-Kooperation. Dort können Kunden Arzneien einer holländischen Versandapotheke bestellen und abholen – angeblich mit deutlichen Preisvorteilen.

Vereinzelt sorgten auch Pick-up-Stellen in Blumenläden, Supermärkten und Tankstellen für Schlagzeilen. 2009 kündigte die Bundesregierung im Koalitionsvertrag an, Pick-up-Stellen zu verbieten. Bislang ist aber nichts passiert. Bleibt abzuwarten, wie sich der Markt entwickelt.

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