„An der Kalkulation liegt es nicht“

Pflege­zusatz­versicherung Special

Aktuarin Wiltrud Pekarek von der DAV.

Was sind die Ursachen der aktuellen Beitrags­erhöhungen bei Pflege­tagegeld­versicherungen? Dazu Wiltrud Pekarek von der Deutschen ­Aktuar­ver­einigung (DAV), die die Tarifkalkulation der Versicherer prüft.

Frau Pekarek, nutzen die Versicherungs­unternehmen die Pflegereform jetzt einfach aus, um die Beiträge für die Kunden zu ­erhöhen?

Nein, und das dürfen sie so gar nicht. Das Gesetz schreibt genau vor, wann eine Über­prüfung der Beiträge und gegebenenfalls eine Erhöhung erfolgen darf oder muss. Das ist der Fall, wenn sich in bestimmtem Maß eine Abweichung der tatsäch­lichen Leistungen von den einkalkulierten nach oben oder unten zeigt. Ein auslösender Faktor sind Änderungen in der ­Lebens­erwartung. Er ist aber weniger bedeutend. Wichtigster Faktor sind veränderte Leistungs­ausgaben. Durch die neue Definition des Pflegebedürftig­keits­begriffs und durch die Umstellung von Pfle­gestufen auf Pfle­gegrade im Rahmen des Pfle­gestärkungs­gesetzes II (PSG II) erhalten ab 2017 mehr Menschen Zugang zu Pflege­leistungen. Das wirkt sich auch auf den Leistungs­umfang der Pflege­zusatz­tarife der privaten Versicherer aus. Vor allem deshalb steigen die Beiträge. Der Gesetz­geber sieht hier ein Sonder­anpassungs­recht für die Versicherer vor.

Aber nicht alle Versicherer leisten im neuen Pfle­gegrad 1.

Das ist eine unter­nehmens­individuelle Entscheidung. Ich gehe ­davon aus, dass viele Pfleg­etagegeld­tarife Leistungen für den Pfle­gegrad 1 vorsehen werden. Die Mehr­leistung findet aber auch in den anderen Graden statt.

Die Reform kommt doch nicht über­raschend. Warum wurde das nicht schon einge­preist?

Das ist nicht erlaubt. Erst jetzt mit Inkraft­treten der Reform dürfen die Versicherer die Beiträge und die Versicherungs­bedingungen an das PSG II anpassen.

Welche Faktoren sind für die Beitrags­erhöhungen sonst noch entscheidend?

Alle anderen Faktoren spielen im Zusammen­hang hier jetzt eine eher unterge­ordnete Rolle. Sie können aber im Einzel­fall einen Beitrags­anstieg mit bewirken. Das kann eine Absenkung des Rechnungs­zinses sein. Bisher kalkulierten viele Versicherer vor allem in den älteren, nach Geschlecht getrennten Bisex-Tarifen mit 3,5 Prozent. Angesichts der Nied­rigzins­phase erwirt­schaften die Versicherer geringere Zins­erträge und müssen den Rechnungs­zins nach unten anpassen. Das erhöht die Beiträge zusätzlich. Auch eine möglicher­weise nötige Anpassung an die steigende Lebens­erwartung oder wenn weniger Kunden als erwartet ­ihren Vertrag kündigen, können sich beitrags­erhöhend auswirken.

Haben sich die Versicherer bei den Pflege­fällen verkalkuliert?

Nein, die bisherige Kalkulation der Pfleg­etagegeld­tarife basiert auf den bekannten Pfle­gehäufig­keiten, das heißt den aktuellen Pflegefällen in den einzelnen Alters­stufen. Die Entwick­lung in den Pflegetarifen und damit die darauf basierende Kalkulation waren in den letzten Jahren sehr stabil. Die aktuellen Erhöhungen resultieren tatsäch­lich in über­wiegendem Maß aus den Leistungs­ausweitungen durch die Reform.

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