Pflegeversicherung Meldung

Waltraud Lück, rechtsseitig gelähmt, erhielt jahrelang kein Pflegegeld.

In einem jahrelangen Rechtsstreit erkämpfte sich eine ältere Dame ihr Pflegegeld.

Waltraud Lück (62) sitzt in ihrem kleinen Badezimmer auf der geschlossenen Kloschüssel. Das ist der Platz, an dem sie sich an- und auszieht und von dem aus sie auch direkt an das Waschbecken herankommt. Frau Lück hatte vor viereinhalb Jahren einen Schlaganfall und kann ihre rechte Körperhälfte seither kaum noch bewegen. Vor ihr steht eine junge Frau und hilft ihr beim Ausziehen.

"Und jetzt hoch!", kommandiert die junge Dame ungeduldig. Frau Lück stützt sich mit ihrer gesunden linken Hand auf das Waschbecken und richtet sich unter großer Kraftanstrengung auf. Die junge Frau, eine Freundin ihrer Tochter, greift zu und zieht alle vorhandenen Hosen ­ Überhose, lange Unterhose, Schlüpfer ­ in einem Zug runter. Frau Lück hat sich noch nicht ganz gesetzt, da soll sie sich auch schon den Pullover ausziehen. Während ihr die junge Frau noch die Füße aus den Hosen pellt und die Socken abstreift, zieht sich Frau Lück mit ihrer linken Hand von hinten den Pullover über den Kopf. Sie atmet schwer. Die Bewegungen verlangen viel Konzentration und sind anstrengend. Und dann soll auch noch alles so schnell gehen! Die junge Frau zieht ihr noch flink das Unterhemd aus. Dann schauen die beiden mich erwartungsvoll an. "Wie lange haben wir gebraucht?", wollen sie wissen.

2 Minuten und 35 Sekunden, sage ich mit Blick auf meine Stoppuhr. Die Pflegekasse hingegen hatte bei Frau Lück für das Ausziehen zunächst nur zwei Minuten Fremdhilfe im Tagesdurchschnitt anerkannt. Dass das zu wenig sei, wollte Frau Lück mir, der Reporterin, demonstrieren. Selbst unter Wettkampfbedingungen erreiche sie bestenfalls zweieinhalb Minuten, stellt sie fest.

Antrag abgelehnt

Pflegeversicherung Meldung

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat im Jahr 1998 rund 94.000 Widerspruchsgutachten für die Pflegeversicherung angefertigt. In rund 40 Prozent der Fälle lohnte sich der Widerspruch: Das Zweitgutachten kam zu einem günstigeren Ergebnis.

Daten: Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen

Als sie sich wieder anzieht, ist das Missverhältnis noch krasser: Waltraud Lück und ihre junge Freundin brauchen 6 Minuten und 22 Sekunden ­ ebenfalls unter großer Hast. Die Kasse hatte im Tagesdurchschnitt zunächst nur vier Minuten anerkannt. Und als die Zeiten erhoben wurden, berichtet Frau Lück, sei es ihr keinesfalls besser gegangen als heute. Alleine an- und ausziehen konnte sie sich seit ihrem Schlaganfall noch nie, auch nicht mit behindertengerechter Kleidung, sagt sie.

Ein Gutachter des Sozialmedizinischen Dienstes hatte Frau Lück am 2. November 1998 bei ihr zu Hause im nordrhein-westfälischen Eschweiler besucht. Er ermittelte bei ihr lediglich einen Hilfsbedarf bei der Pflege in Höhe von 23 Minuten im Tagesdurchschnitt. Frau Lücks Pflegekasse, die Bundesknappschaft, lehnte ihren Antrag daraufhin ab. Eine Bedingung für Leistungen aus der Pflegekasse ist nämlich, dass bei der Pflege ein Bedarf von über 45 Minuten im Tagesdurchschnitt vorliegt. Nötige Hilfen im Haushalt dürfen hier nicht mitgezählt werden.

Frau Lück legte gegen die Ablehnung Widerspruch ein ­ und gewann. Ein neuer Gutachter setzte sehr viel höhere Zeiten an: Er kam auf 55 Minuten Hilfsbedarf bei der Pflege statt der 23 Minuten seines Vorgängers. Heute ist Frau Lück in der Pflegestufe I und erhält monatlich 400 Mark. Sie lässt sich das Geld auszahlen und wird von ihren Kindern und Freunden gepflegt.

Rechtsanwalt begründet Widerspruch

Waltraud Lück ist für ihr Recht auf angemessene Leistungen aus der Pflegekasse bis vor das Sozialgericht gegangen. Ihrem erfolgreichen Widerspruch ging eine dreieinhalbjährige Odyssee der Ablehnungen voraus. Der Schriftverkehr mit ihrer Pflegekasse, der Bundesknappschaft, füllt einen ganzen Ordner. Er steht im Wohnzimmer. "Schauen Sie sich das mal an", fordert sie mich auf.

Wir gehen vom Bad ins Wohnzimmer. Waltraud Lück stützt sich mit ihrer linken Hand auf das Waschbecken und richtet sich auf. Dann hangelt sie sich am Becken entlang zur Badezimmertür. Dort steht ihr Rollstuhl. Ihre junge Freundin hilft ihr hinein, und Frau Lück fährt ins Wohnzimmer. Mit ihrer linken Hand treibt sie das linke Hinterrad des Rollstuhls an, mit ihrem linken Fuß lenkt sie ihn. Vor einem Sessel in der Sitzecke hält sie an. Auch hier hilft ihr ihre Freundin hinein. Nun greift die alte Dame zu einer Fernbedienung, und langsam verstellt sich das Sitzmöbel: Die Lehne senkt sich und die Füße fahren in die Höhe. Schließlich liegt sie fast flach auf dem Sessel. Nun lässt sie sich noch eine Schafwolldecke geben. "Ich habe Durchblutungsstörungen in den Beinen. Und ohne Decke kühlen sie schnell aus", erklärt sie.

Der Ordner liegt auf dem Tisch. Jedes einzelne Schriftstück steckt in einer Klarsichthülle. Alles ist chronologisch geordnet. Am 28. August 1995 hatte Frau Lück erstmals Leistungen aus der Pflegekasse beantragt. Das war sechs Wochen nach ihrem Schlaganfall. In der nächsten Folie steckt der Ablehnungsbescheid. Als Begründung heißt es hier unter anderem: "Darüber hinaus liegt der vom Gesetzgeber geforderte zeitliche tägliche Mindestpflegeaufwand bei Ihnen nicht vor." Dann folgt der Widerspruch gegen diesen Bescheid, den die Tochter für ihre Mutter formuliert hat ­ und die erneute Ablehnung.

Erst gut zwei Jahre später macht Frau Lück einen neuen Anlauf. Sie stellt wieder einen Antrag, wird wieder abgelehnt und legt erneut Widerspruch ein. Dann kommt der Brief eines Rechtsanwalts. Auf fünf Seiten begründet er den Widerspruch von Frau Lück. Dann, endlich, folgt die Anerkennung der Pflegestufe I durch die Bundesknappschaft rückwirkend zum 17. September 1998. Auf den letzten eingehefteten Seiten versucht der Rechtsanwalt über das Sozialgericht noch weiter rückwirkende Zahlungen durchzusetzen, allerdings vergebens.

Frau Lück beginnt, ihre Erlebnisse um das Anerkennungsverfahren zu schildern. Ihre Stimme ist schwungvoll, aber auch heiser und gepresst. Sie berichtet, wie sie 1998 endlich von der Pflegeberatung der Verbraucherzentrale an ihrem Ort gehört hatte. Dort habe man ihr geholfen und ihr auch einen Rechtsanwalt vermittelt. Gekostet habe sie das nichts. Aber das könne in anderen Orten anders sein, sagt sie.

Zweitgutachten bringt Anerkennung

Die Verbraucherzentrale habe sich auch das vollständige Gutachten des Sozialmedizinischen Dienstes schicken lassen. Auf dessen Grundlage habe der Rechtsanwalt dann den Widerspruch formuliert.

Daraufhin sollte ein Zweitgutachten angefertigt werden, erzählt Frau Lück weiter. Wieder habe ihr Besuch vom Sozialmedizinischen Dienst ins Haus gestanden. Aber diesmal habe sie sich auf den Ortstermin gut vorbereitet. Zum einen hätten ihre Kinder eine Woche lang ein detailliertes Pflegetagebuch geführt. So habe der Gutachter erfahren, wie viel Arbeit die Pflege wirklich erfordere. Ein solches Tagebuch empfiehlt sie jedem Betroffenen. Waltraud Lück: "Wenn man nur gefragt wird, ob man dieses oder jenes noch kann, sagt man ja leicht: Was muss, das muss ... Und prompt fehlen einem dann nachher die Zeiten! Das passiert bei einem Pflegetagebuch nicht."

Das Ergebnis: Der Zweitgutachter kam bei der Pflege auf über doppelt so viele Minuten wie sein Vorgänger. Mit der Pflegestufe I ist Frau Lück jetzt zufrieden. Nur eines wurmt sie: "Das Geld, das mir seit 1995 entgangen ist, bleibt verloren."

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