Pflegereform Special

So lange wie möglich zuhause versorgt werden – das wollen laut einer Umfrage des Altenpflege-Monitors 70 Prozent der Befragten. Nur 8 Prozent wollen in ein Pflegeheim.

Pflegebedürftige, die zuhause versorgt werden, erhalten ab 1. Juli etwas mehr Geld. Gleichzeitig zahlen die Versicherten mehr Beitrag.

Es ist das erste Mal seit 1995, dass die Leistungen der Pflegeversicherung erhöht werden. Nun steigen sie ab 1. Juli in kleinen Schritten bis 2012 – für gesetzlich und privat Versicherte gleichermaßen.

Mit etwas mehr Geld können Pflegebedürftige rechnen, die zuhause leben. Das sind etwa zwei Drittel der insgesamt 2,16 Millionen pflegebedürftigen Menschen.

Der Bremer Gesundheitsökonom Professor Heinz Rothgang hat errechnet, dass sich von 2007 bis 2012 aufs Jahr umgerechnet eine Erhöhung von nur 0,7 Prozent ergibt.

Zugleich steigt der Beitrag, den alle gesetzlich Versicherten zahlen, von 1,7 auf 1,95 Prozent des Bruttoeinkommens, bei Kinderlosen von 1,95 auf 2,2 Prozent. Für 3 600 Euro Monatsbrutto sind nun rund 70 Euro fällig, 9 Euro mehr als bisher.

Kinderlose zahlen 80 Euro.

Kaum Verbesserung im Pflegeheim

Die meisten der rund 700 000 Bewohner von Pflegeheimen bekommen nicht einmal eine kleine Verbesserung. Obwohl sich die Heimkosten zuletzt jährlich im Schnitt um 1,5 Prozent verteuerten, erhalten nur die rund 130 000 Schwerstpflegebedürftigen mit der Pflegestufe III ab 1. Juli mehr – und zwar gerade mal 38 Euro im Monat.

Das wird kaum helfen. Jeder vierte Pflegeheimbewohner ist bereits heute aufs Sozialamt angewiesen, um die Heimkosten zu bezahlen. Bei vielen weiteren springen Kinder oder Ehepartner ein.

Auch für eine professionelle Pflege ­zuhause reichen die Zuschüsse der Pflegekasse bei weitem nicht aus. Familien sehen daher oft keinen anderen Ausweg, als osteuropäische Hilfskräfte zu engagieren (siehe dazu Pflegekräfte aus Osteuropa).

Etwas mehr Geld für Demenzkranke

Eine deutliche Verbesserung gibt es für Demenzkranke. Je nach Betreuungsbedarf können sie künftig professionelle Hilfe im Wert von bis zu 200 Euro im Monat bekommen, maximal 2 400 Euro im Jahr. Für dieses Geld können Familien einen demenzkranken Angehörigen beispielsweise für einige Tage in eine betreute Gruppe geben oder ab und zu einen Pflegedienst ins Haus kommen lassen.

Laufende Pflegeleistungen erhalten diese Patienten meist nicht, weil sie von ihren körperlichen Fähigkeiten her theoretisch in der Lage sind, selbst zurechtzukommen.

Es lohnt sich trotzdem, eine Einstufung zu beantragen, denn die 2 400 Euro im Jahr können auch Personen mit der sogenannten Pflegestufe 0 bekommen. Von Pflegestufe 0 – die es im Gesetz gar nicht gibt – spricht man, wenn jemand zwar pflegerische Unterstützung benötigt, jedoch nicht im Umfang der Pflegestufe I.

Der Pflegestufe I wird jemand erst zugeordnet, wenn er regelmäßig mindestens 45 Minuten Hilfe pro Tag bei der Grundpflege benötigt, das sind Alltagsdinge wie Körperpflege oder Essen. Zusätzlich muss Hilfe im Haushalt nötig sein, im Schnitt weitere 45 Minuten pro Tag.

Schnellere Entscheidung

Künftig hat jeder gesetzlich versicherte Pflegebedürftige Anspruch auf Leistungen, wenn er mindestens zwei Jahre gesetzlich krankenversichert war – auch die beitragsfreie Familienversicherung gilt. Bisher betrug die Vorversicherungszeit fünf Jahre.

Hat jemand einen Antrag auf eine Pflegestufe gestellt, muss die Pflegekasse ihm nach spätestens fünf Wochen das Ergebnis mitteilen. In der Vergangenheit waren die Wartezeiten zum Teil deutlich länger.

Hat ein Angehöriger Pflegezeit beantragt, muss die Kasse nun innerhalb von zwei Wochen entscheiden. Pflegezeit bedeutet: Arbeitnehmer können sich bis zu sechs Monate unbezahlt von der Arbeit freistellen lassen, um einen pflegebedürftigen Angehörigen zu versorgen, falls sie in einem Betrieb mit mehr als 15 Beschäftigten sind.

In der Zeit bekommen sie keinen Lohn, aber sie bleiben sozialversichert und behalten ihren Job. Die Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung übernimmt in der Regel die Pflegekasse des Pflegebedürftigen. Haben Pflegende einen gesetzlich versicherten Ehepartner, sind sie bei diesem beitragsfrei in der Kranken- und Pflegeversicherung mitversichert, wenn sie kein eigenes Einkommen mehr haben.

Ist keine Mitversicherung möglich, müssen sie sich freiwillig versichern und den Mindestbeitrag von rund 130 Euro zahlen. Auf Antrag bekommen sie das Geld von der Pflegekasse des Pflegebedürftigen zurück.

Da Familien sich in dem Gewirr von Leistungen, Hilfen und Kostenträgern oft nicht zurechtfinden, muss die Beratung besser organisiert werden. Ab 1. Januar 2009 sollen Mitarbeiter in Pflegestützpunkten sich um jeden Patienten individuell kümmern, ihn beraten und ihm beim Beantragen von Leistungen helfen.

Bis es so weit ist, kann sich jeder auch von seiner Krankenkasse beraten lassen. Das Bundesgesundheitsministerium betreibt außerdem für Fragen zur Pflegeversicherung eine Hotline unter der Telefonnummer 0 180 5/99 66 03.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1044 Nutzer finden das hilfreich.