Ab Januar 2013 bekommen pflegende Angehörige etwas Entlastung. Wichtig sind vor allem die höheren Zahlungen für Demenzkranke.

Pflegereform Special

In den Garten gehen und einen Apfel in die Hand nehmen, das bedeutet für Bernhard Fischer, sich zu erinnern: an den Sommer und seine Früchte. Hier wird der Demenz­kranke in der Tages­pflege von Pflege­dienst­leiterin Birgit Ladewig animiert, sich zu erinnern. So bleibt sein Zeitgefühl länger erhalten.

Das Erinnern fällt Bernhard Fischer schwer. Er vergisst ganz alltägliche Abläufe und weiß dann nicht mehr, wie man einen Tisch deckt oder sich die Zähne putzt. Der 82-Jährige hat Demenz und braucht im Alltag Hilfe von seiner Frau und Betreuern.

Wenn Ehefrau Dorit Fischer arbeiten geht, besucht ihr Mann die Tages­pfle­gestätte „Ever­green“ in Berlin-Hellers­dorf. Hier kümmern sich professionelle Pfle­gekräfte um den diplomierten Physiker und unterstützen ihn dabei, möglichst selbst­ständig zu bleiben. Demenz­kranke lernen nichts­Neues dazu. Es geht darum, verschüttet Geglaubtes zu akti­vieren, beispiels­weise durch Gedächt­nistraining und durch Bewegungs­übungen“, sagt Pflege­dienst­leiterin Birgit Ladewig. Auch das Zusammensein in der Gruppe spornt an. Jeder schaut beim anderen ab, wie etwas funk­tioniert.

Ein Tag in der Tages­pflege in Pfle­gestufe I kostet fast 73 Euro. Bernhard Fischer ist fast jeden Tag hier. Das sind rund 1 500 Euro im Monat. Die Pflege­versicherung zahlt ihm bisher 625 Euro. Für einen großen Teil muss das Ehepaar also selbst aufkommen.

Pflege­leistungen steigen

Etwas finanzielle Erleichterung verspricht nun die Pflegereform. Denn von der Reform profitieren besonders die 500 000 Pflegebedürftigen mit Demenz wie Fischer. Ab dem 1. Januar 2013 bekommen sie mehr Geld. Die letzte Entscheidung fällt am 21. September 2012 im Bundes­rat.

Kommt die Reform wie geplant, erhält Fischer bald jeden Monat 247 Euro mehr.

Da er Pflegegeld und Sach­leistungen für die Tages­pflege in Pfle­gestufe I kombiniert, werden in seinem Fall beide Leistungen erhöht. Menschen, die ausschließ­lich von Angehörigen betreut werden, bekommen in Pfle­gestufe I nur 70 Euro mehr Pflegegeld.

Pflegegeld gibt es, wenn ein Angehöriger oder eine nahe­stehende Person den Pflegebedürftigen betreut. Von Pflegesach­leistungen ist die Rede, wenn die Pflegekasse die Tages­pflege oder einen professionellen ambulanten Dienst bezahlt.

Besser dran in Pfle­gestufe 0

Doch nicht nur die Leistungen in Pfle­gestufe I und II steigen. Erst­malig haben Menschen mit Demenz auch dann einen Anspruch auf Pflegegeld und Sach­leistungen, wenn sie die Kriterien für eine Pfle­gestufe nicht erfüllen, weil sie körperlich noch fit sind. Sie gehören dann zur Pfle­gestufe 0 und erhalten bisher nur Betreuungs­geld. Das sind 1 00 Euro oder 2 00 Euro monatlich, je nachdem, wie stark ihre Alltags­kompetenz einge­schränkt ist.

Das Betreuungs­geld bekommen Menschen – unabhängig von der Pfle­gestufe – die bei alltäglichen Hand­lungen über­wacht werden müssen. Das ist bei Demenz der Fall, einer Erkrankung, die dem Menschen das Urteils­vermögen nimmt und ihn orientierungs­los im Alltag macht. Ein Demenz­kranker verwechselt viele Dinge, stellt etwa das dreckige Geschirr in den Kühl­schrank statt in die Spüle.

Typisch ist auch die Tendenz zum Weglaufen. „Ich muss ständig aufpassen, dass er nicht ohne Schlüssel die Wohnung verlässt und einfach davon­läuft“, sagt Dorit Fischer. Oft finden Demenz­kranke nicht mehr nach Hause. Das erfordert eine ständige Über­wachung. Bernhard Fischer bekommt das Betreuungs­geld zusätzlich zu den Leistungen der Pflegekasse in Pfle­gestufe I.

Frei entscheiden mit Pflegegeld

Das Betreuungs­geld hat einen Haken: Das Geld gibt es nur für Leistungen von professionellen Anbietern, beispiels­weise von einem Pflege­dienst, in der Tages­pflege oder in Betreuungs­gruppen.

Das gilt für das nun einge­führte Pflegegeld in Stufe 0 nicht, das dürfen die Pflegebedürftigen oder ihre Angehörigen flexibler ausgeben. „Passt beispiels­weise die Nach­barin auf, kann das zusätzliche Pflegegeld dazu genutzt werden, um sich für die Unterstüt­zung zu revanchieren“, sagt Pflege­dienst­leiterin Ladewig.

Für die Betreuung durch Angehörige oder andere nahe­stehende Menschen stehen in Pfle­gestufe 0 nun 120 Euro Pflegegeld frei zur Verfügung. Soll eine professionelle Fach­kraft die Betreuung über­nehmen, gibt es 225 Euro für diese Sach­leistungen.

Ziel der Reform ist es, vor allem den pflegenden Angehörigen zu helfen. Sie sollen mehr Freiräume bekommen, in denen sie nicht ständig auf den dementen Angehörigen achten müssen. In dieser Zeit können sie beispiels­weise selbst zum Arzt oder zum Friseur gehen oder sich einfach mal zum Kaffee mit Freunden treffen. Das gibt neue Kraft für den Pfle­geall­tag.

Eine Lösung auf Zeit

Die Erhöhung der Leistungen für Demenz­kranke und ihre Angehörigen ist eine Über­gangs­lösung. Denn das Ziel ist eine neue Definition für Pflegebedürftig­keit. Die Einstufung soll künftig einmal davon abhängig sein, wie selbst­ständig ein Mensch seinen Alltag meistert – egal ob er körperlich oder geistig einge­schränkt ist.

Bisher wird für die Pfle­gestufe zum Beispiel nur die körperliche Fähig­keit bewertet, sich Essen zuzu­bereiten. Keine Rolle spielt, wie stark jemand wie Bernhard Fischer angeleitet werden muss. Körperlich ist er zwar in der Lage, den Tisch zu decken. Doch er erinnert sich nicht, was auf den Tisch gehört.

Weitere Hilfen für Angehörige

Angehörige entlasten sollen auch weitere Neuerungen, die nicht nur für Demenz­kranke und ihre Familien gelten:

Flexiblere Kombination. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen können in Zukunft neben der Grund­pflege und der haus­wirt­schaftlichen Hilfe auch eine „häusliche Betreuung“ vom Pflege­dienst erhalten. Die professionellen Helfer dürfen nun zum Bespiel auch zum Vorlesen kommen oder mit dem Pflegebedürftigen spazieren gehen. Gemein­sam mit dem Pflege­dienst entscheiden die Angehörigen über den Bedarf.

Pflegegeld in der Auszeit. Brauchen pflegende Angehörige eine Auszeit, etwa weil sie krank sind, bezahlt die Pflegekasse bis zu vier Wochen eine Ersatz­pflege. Künftig über­weist sie zusätzlich die Hälfte des Pflegegeldes. Gleiches gilt für die Kurz­zeit­pflege im Heim.

Mehr Hilfe zur Selbst­hilfe. Sich mit anderen über den Pfle­geall­tag auszutauschen, erleichtert Angehörigen den Alltag. Künftig fließen 10 Cent je Versicherten und Kalender­jahr in die Förderung von Selbst­hilfe­gruppen für pflegende Angehörige.

Renten­ansprüche. Bisher erhielten Pflegende Renten­ansprüche, wenn sie sich um einen Menschen mindestens 14 Stunden in der Woche gekümmert haben. Werden mehrere Personen versorgt, können ab 2013 die Pflege­zeiten addiert werden. Voraus­setzung ist, dass die Pflegebedürftigen mindestens Pfle­gestufe I haben.

Beitrag für die Pflege steigt

Mit den Leistungen wachsen auch die Kosten. Ab dem 1. Januar 2013 steigt der Beitrags­satz in der gesetzlichen Pflege­versicherung um 0,1 Prozent­punkte – von 1,95 auf 2,05 Prozent, für Kinder­lose von 2,2 auf 2,3 Prozent. Das soll bis 2015 genügen.

Um die Finanzierung der Leistungen dauer­haft zu sichern, will der Gesetz­geber die private Vorsorge fördern. Wer mit einer Pfleg­etagegeld­versicherung privat vorsorgt, soll vom Bund eine Zulage von 60 Euro im Jahr erhalten. Der Versicherte selbst muss mindestens 10 Euro im Monat bezahlen.

Zweck der Versicherung ist es, die Lücke zwischen Pflege­kosten und Zahlungen der Pflege­versicherung zu schließen. Anders als bei herkömm­lichen Pflege­zusatz­versicherungen wird es keine Gesund­heits­prüfung und keine Risiko­zuschläge bei Vorerkrankungen geben.

Tipp: Sobald Näheres über Bedingungen und Leistungen der Versicherung bekannt ist, wird Finanztest im Heft und auf der Themenseite "Pflege" berichten.

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