Interview: Zuhören, ohne zu werten

Pflegende Angehörige Special

Auf www.pflegen-und-leben.de findet jeder Hilfe, der Angehörige pflegt und Sorgen hat. Per E-Mail erhalten alle Rat, gratis und anonym. Leiterin des Portals ist die Psycho­login Imke Wolf.

Woran kann die Pflege eines Familien­mitglieds zuhause scheitern?

Pflegen Kinder ihre Eltern, ist das Motiv häufig Hoff­nung auf späte Anerkennung. Oft brechen so auch alte Verhaltens­muster wieder auf. Zudem beob­achten wir, dass die Grund­haltung „Ich kann es am besten“ ein Motiv für die Selbst­aufgabe sein kann und ein Grund dafür, sich völlig zu über­fordern.

Was ist das Ziel Ihrer Beratung?

Wir wollen eine Beratung anbieten, die unabhängig von Öffnungs­zeiten und Ort funk­tioniert. Pflegende Angehörige haben tags­über oft keine Zeit oder Möglich­keit, den Gepflegten betreuen zu lassen und selbst eine Beratungs­stelle aufzusuchen. Auch ist es oft leichter, ein scham­besetztes Thema jemandem mitzuteilen, den man nicht sieht. Bei uns bleibt alles anonym. Die Hemm­schwelle ist so nied­riger.

Das wäre bei Telefonberatung auch so. Was ist der Vorteil an E-Mails?

Menschen öffnen sich über den E-Mail-Verkehr schneller und entwickeln Vertrauen. Ratsuchende beschreiben uns ihre Situation und ihre Konflikte. Wir hören per E-Mail erst einmal zu, ohne zu werten. Das entlastet die Pflegenden enorm. Das sehen wir zum Beispiel daran, dass Mails mit dem Satz enden „Danke fürs Lesen“.

Was geben Sie Ratsuchenden mit auf den Weg?

In jedem Fall geben wir Anerkennung und Wert­schät­zung für das, was die Angehörigen jeden Tag leisten. Dann versuchen wir, sanft neue Lösungs­ideen für die Pflegesituation anzu­bieten. Wir hinterfragen vorsichtig und bestärken zum Beispiel darin, dass es in Ordnung ist, einen professionellen Pflege­dienst zur Unterstüt­zung zu holen, statt alles allein zu machen. Außerdem versuchen wir, die Angehörigen in ihrer Selbst­fürsorge zu stärken. Wir geben ihnen dafür kleine Übungen an die Hand, beispiels­weise bitten wir sie, zwei Wochen lang abends vor dem Einschlafen darüber nach­zudenken, was sie an diesem Tag Schönes erlebt haben und wofür sie dank­bar sein können. Auch fragen wir, was sie gern mal wieder für sich tun wollen.

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