Pflegende Angehörige Special

Vertauschte Rollen. Waschen, füttern, anziehen – in der Pflege verändern sich die Rollen. Das führt zu Konflikten.

Wer seine demente Mutter oder den kranken Partner pflegt, geht oft an seine Grenzen. Wird die Pflege zur Last, schadet das beiden Seiten.

Drei Jahre ist es her, da trat das Vergessen in das Leben von Familie Keibel*. Nach und nach konnte sich Mutter Irma an immer weniger erinnern; eines Tages hörte die leidenschaftliche Köchin sogar auf zu kochen. „An manchen Tagen folgt sie mir wie ein Schatten von einem Raum zum anderen, weil sie vergisst, wo ich gerade bin“, erzählt Tochter Hannelore. Das aber sei nicht das Schlimmste. Die selbst­bewusste Mitt­fünf­zigerin schluckt. Immer wieder komme es zu bösen Wort­gefechten. Demenz­kranke reagieren schnell unwirsch, so auch Hannelore Keibels Mutter. „Es ist nicht möglich, die Angriffe immer zu wegzuste­cken. Wenn es gar nicht mehr geht, muss ich raus, um mich abzu­reagieren. Aber das zermürbt!“

Menschen, die wie Hannelore Keibel ihre Eltern oder kranken Partner pflegen, stoßen häufig an die Grenzen ihrer Kraft. Sie sind über­lastet, schlafen schlecht, haben Kopf­schmerzen oder Blut­hoch­druck und werden depressiv. Immer mehr sind betroffen. Rund 1,56 Millionen Menschen werden in Deutsch­land zuhause gepflegt. Eine aktuelle Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) offen­bart gar: Jeder Dritte, der pflegt oder gepflegt wird, hat schon einmal aggressives oder gewalt­tätiges Verhalten erlebt. Damit so etwas nicht passiert, dürfen pflegende Angehörige sich selbst nicht aus dem Blick verlieren.

Hinter verschlossenen Türen

„Kritische Situationen treten auf, wenn der Angehörige beispiels­weise zu wenig über die Krankheit und die richtige Pflege weiß“, sagt Dr. Ralf Suhr, ZQP-Vorstands­vorsitzender. Auch finanzielle Schwierig­keiten, eine zu kleine Wohnung oder Alkohol­konsum können Auslöser für konfliktreiche Pflegebeziehungen werden. Häufig ist aber die permanente Über­forderung schuld.

Von der kleinen Hilfe zur Über­lastung

Aus anfäng­licher kleiner Hilfe wie Einkaufen oder Fens­terputzen kann ein Voll­zeitjob werden, wenn die Kräfte der Eltern schwinden. Wer ganz unver­mittelt in die Pflege schlittert, ist besonders gefährdet. Gerade wenn Mutter oder Vater nach einem Sturz von einem Tag auf den anderen unselbst­ständig werden und schnell zu entscheiden ist, wer die Pflege über­nimmt. Manch einer findet sich da urplötzlich in einer Rolle wieder, die er nie wollte.

Oft sind es dann organisatorische und tech­nische Probleme, die sofort gelöst werden müssen: Die Tochter muss die Pfle­gestufe beantragen, der Sohn ein Pflegebett organisieren. „Nicht zu unterschätzen ist die Verschiebung der Rollen“, sagt Helga Zeike von Pflege in Not Brandenburg, einer Beratungs­stelle zur Gewalt in der Pflege. Der zuvor selbst­ständige Eltern­teil braucht jetzt Hilfe beim Anziehen, auf der Toilette.

Im Teufels­kreis gefangen

Zu Beginn einer Pflegephase ist oft schwer abzu­schätzen, wie stark jemand einge­bunden sein wird. Wer pflegt, arbeitet und eine Familie versorgen muss, spürt schnell seine Grenzen. Schafft er es nicht, Hilfe von außen anzu­nehmen, wird aus Über­forderung irgend­wann Erschöpfung. Selbst in Ruhephasen kreisen die Gedanken nur um die Fürsorge. In vielen Fällen meldet sich auch der Körper mit Rücken­schmerzen, Kopf- und Magen­schmerzen, mit Schlafstörungen und Herz­beschwerden.

Nach einer Erhebung der Siemens-Betriebs­krankenkasse aus dem Jahr 2010 gehen pflegende Angehörige häufiger zum Arzt und brauchen mehr Medikamente als andere Kranken­versicherte. Die Unter­suchung zeigte jedoch auch: Pflegende lassen sich seltener im Kranken­haus behandeln als andere Versicherte, wohl um den Angehörigen nicht allein zu lassen.

Die richtige Strategie finden

Was ist zu tun, damit es gar nicht erst so weit kommt? Der Rück­zug ins Private, um die Pflege leisten zu können, ist der falsche Weg. „Grund­lage einer guten Pflege ist eine gute Pflegebeziehung. Dafür brauchen pflegende Angehörige aber auch Zeit für sich, in der sie neue Kraft schöpfen können“, sagt Rosemarie Dren­haus-Wagner. Sie ist Vorsitzende der Alzheimer Angehörigen-Initiative und hat täglich mit Verwandten von Demenz­kranken zu tun.

„Da bin ich ganz egoistisch“

Jeder muss seine eigene Entlastungs­strategie finden und sich an den Gedanken gewöhnen, auch mal ein paar Stunden loszulassen. Ein Pflege­dienst kann auf Dauer direkt unterstützen. Aber auch eine stunden- oder tage­weise Betreuung des Gepflegten ist ein wichtiger Baustein. Hannelore Keibel gibt ihre Mutter Irma einmal pro Woche in eine Betreuungs­gruppe: „Da bin ich ganz egoistisch. Ich brauche die Zeit, um Abstand zu gewinnen. Manchmal treffe ich mich mit einer Freundin oder gehe einfach nur spazieren.“

Tags­über gut versorgt

Pflegende Angehörige Special

Die Tages­pflege eignet sich auch für berufs­tätige Kinder, die ihre Eltern während der Woche gut unterge­bracht wissen möchten. Wer will, kann seine Lieben aber auch nur einen Tag pro Woche betreuen lassen. Die Besucher sind dort von 8 bis 16 Uhr, sie essen zusammen, machen Gedächt­nistraining, Kraft- und Balanceübungen oder singen gemein­sam. Der Vorteil: Sie bekommen Anregungen, haben Kontakt zu anderen.

Das Gegen­stück ist die Nacht­pflege. Sie kann eine große Entlastung bringen. Professionelle Pfle­gekräfte waschen den Patienten, ziehen ihn aus und an, helfen beim Abend­essen und Frühstück. Ob tags oder nachts: Angehörige können in dieser Zeit durch­atmen und Kraft sammeln.

Pflegegeld bei Demenz ab 2013

So eine Betreuung kostet viel Geld. Bei einem Tages­satz von beispiels­weise mehr als 70 Euro für Pfle­gestufe I kommen schnell ein paar hundert Euro im Monat zusammen. Um Angehörige finanziell zu entlasten, haben Demenz­kranke ab Januar 2013 einen Anspruch auf Pflegegeld und Leistungen von professionellen Anbietern zwischen 70 und 225 Euro. Damit lässt sich ein Pflege­dienst bezahlen oder eben die Nach­barin, die ab und zu aufpasst.

Diese Regelung gilt auch für Demenz­kranke, die die Kriterien für eine Pfle­gestufe nicht erfüllen, weil sie körperlich fit sind. Sie gehören zur Pfle­gestufe 0. Das ist neu. Das bisher gezahlte Betreuungs­geld von 100 oder 200 Euro monatlich durften Betroffene nur für Leistungen professioneller Anbieter ausgeben, nicht aber für eine private Betreuung.

Ehren­amtliche helfen stunden­weise

Pflegende Angehörige Special

Zeit zum Durch­atmen. Kraft tanken bei einer Tasse Tee – wer Eltern oder Partner pflegt, braucht Auszeiten. Pflege­dienste oder Ehren­amtliche ermöglichen sie.

Pflegt jemand Mutter oder Partner zuhause, hilft es oft schon, wenn freiwil­lige Helfer stunden­weise ins Haus kommen. Sie bringen frischen Wind, gehen mit Mutter oder Vater spazieren oder lesen ihnen etwas vor. Die Kosten sind nicht hoch, da die ehren­amtlich Tätigen meist nur eine geringe Aufwands­entschädigung erhalten. Wohl­fahrts­verbände, Freiwil­ligen­gruppen oder beispiels­weise Kirchen­gemeinden bieten solche Dienst­leistungen an. Ab 2013 können auch Pflege­dienste diesen Service offerieren und als häusliche Betreuung bei der Pflegekasse abrechnen.

Selbst­hilfe­gruppen machen stark

Pflege kann einsam machen. Den Satz können auch die Angehörigen von Demenz­kranken einer Berliner Selbst­hilfegruppe unter­streichen, die sich regel­mäßig trifft. „Viele alte Freunde haben sich zurück­gezogen, weil sie die Krankheit nicht verstehen“, sagt eine Angehörige. In der Gruppe könne sie sich austauschen, Ängste und Zweifel teilen, sie unterstützen sich gegen­seitig.

„Das macht stark und erleichtert die Situation“, meint Frank Hilmer. Er ist Rentner und kümmert sich seit acht Jahren um seine Frau. Anfangs sei es ihm schwergefallen, die Krankheit zu akzeptieren. Durch die Gruppe lernte er, sich in Demenz­kranke einzufühlen. Seitdem habe sich die Situation entspannt. „Wenn ich einen Kuchen backe, beziehe ich meine Frau mit ein und gebe ihr so eine Aufgabe. Das bringt uns beiden Spaß und ich genieße den glück­lichen Moment mit ihr.“

Pfle­gestütz­punkte informieren

Mit welchen Hilfs­angeboten vor Ort können Betroffene rechnen? Darüber informieren Pfle­gestütz­punkte umfassend und gratis. Rund 400 gibt es mitt­lerweile in Deutsch­land, besonders viele in den Bundes­ländern Rhein­land-Pfalz und Nord­rhein-West­falen. Sie helfen Angehörigen, Angebote zu sondieren und zu bündeln, stehen in Kontakt mit Ärzten, Selbst­hilfe­gruppen, ambulanten Pflege­diensten und Wohn­beratungs­stellen. Der Berater weiß, welche finanzielle Unterstüt­zung den Betroffenen zusteht, wie Anträge gestellt werden müssen. Die Stütz­punkte vermitteln auch Kurse, in denen Pflegende lernen, wie sie mit weniger Anstrengung richtig pflegen (siehe Hilfe und Adressen).

Die Seele entlasten

Was aber tun, wenn sich Stress durch die Pflege plötzlich entlädt? Wenn der sonst so geduldige Sohn seine demente Mutter ruppig im Bett aufsetzt? Oder beim Haarekämmen unnötig fest zieht? Von Scham berichten all jene, die das schon erlebt haben. „Oft hilft es, mit jemanden zu sprechen, der einfach nur zuhört und Hinweise gibt, wie die Situation besser gelöst werden kann“, sagt Helga Zeike von Pflege in Not Brandenburg. Kostenlose Telefon­hilfe bieten Krisen­dienste oder örtliche Beratungs­stellen, die sich im Telefon­buch unter „Beratung“ finden.

Weiß Hannelore Keibel heute nicht mehr weiter, ruft sie Erika aus der Selbst­hilfegruppe an. Erika hat einen dementen Mann, sie kennt das Auf und Ab im Leben mit dieser Krankheit. „So kann ich darüber reden“, sagt Hannelore. „Das tut mir gut. Und meiner Mutter auch.“

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