Pfle­geeltern Special

Pfle­geeltern entscheiden viel im Alltag, die elterliche Sorge haben die leiblichen Eltern. Das Jugend­amt vermittelt.

In Deutsch­land wurden 2014 gerade mal 1 400 Kinder zur Adoption frei gegeben. Für Paare oder auch Singles, die gern ein Kind aufnehmen und ihm ein Zuhause geben wollen, kann die Über­nahme einer Pflegschaft eine Alternative sein. Die elterliche Sorge bleibt dann bei den leiblichen Eltern, um Erziehung und Geborgenheit kümmern sich die Pfle­geeltern. Unser Artikel erklärt, welche Möglich­keiten es gibt, ein Kind aufzunehmen, und wie der Staat Pfle­geeltern finanziell unterstützt.

Zwei Mütter warteten auf Jonas

Jonas hatte es eilig, als er vor fünf Jahren auf die Welt kam – sechs Wochen zu früh. Zwei Mütter warteten auf ihn: seine leibliche und seine Pflegemutter Karla Engler*, neben Pflege­vater Christian. „Als der Anruf kam, war ich über­rumpelt! Zum Glück gab mein Chef mir frei, damit ich mich um den Kleinen kümmern konnte“, erzählt Karla Engler. Jonas‘ leibliche Mutter hatte sich schon vor seiner Geburt entschieden, ihr Kind in eine Pflegefamilie zu geben, und einen Antrag auf Voll­zeit­pflege beim Jugend­amt gestellt. Sie selbst hatte nicht die Kraft, das Kind allein groß­zuziehen.

Alternative zur Adoption

In Deutsch­land lebten 2014 knapp 33 000 Kinder in einer Pflegefamilie. Die Englers wollten immer eigene Kinder, konnten aber keine bekommen. Karla Engler sagt: „Bei der geringen Zahl von knapp 1 400 Adoptionen in Deutsch­land wurde uns schnell klar, dass es schwierig sein würde, ein Kind zu adoptieren. Deshalb fingen wir an, uns für ein Pflegekind zu interes­sieren.“

Elterliche Sorge bei leiblichen Eltern

Pfle­geeltern Special

Jugend­amt und leibliche Eltern entscheiden über Impfungen, Operationen, Kauf­verträge und Religion. Pfle­geeltern haben das Sagen im Alltag, etwa bei Klassen­fahrten, Hobbys und Kleidung.

Das Zusammenleben mit Jonas klappte gut. So gut, dass das Ehepaar sich entschied, vor drei Jahren noch den zwei­einhalb Monate alten Lew in Voll­zeit­pflege aufzunehmen. Voll­zeit­pflege heißt, rund um die Uhr über Monate oder Jahre für ein Kind da zu sein. Neben der Voll­zeit- gibt es noch die Bereit­schafts­pflege. Hier bleibt ein Kind in einer Krisensituation für einige Tage oder Wochen in einer Pflegefamilie, bis es wieder in seiner Ursprungs­familie wohnen kann oder in einer betreuten Einrichtung. Pfle­geeltern kümmern sich im Alltag um die Kinder und erhalten dafür Unterstüt­zung (Pflegegeld). Fachleute sprechen von der Alltags­sorge. Die elterliche Sorge bleibt bei den leiblichen Eltern, im Fall der Englers bei der Mutter. Anders ist das bei Adoption: Adoptiv­eltern haben die elterliche Sorge. Im Rahmen der Alltags­sorge vertreten Pfle­geeltern den Sorgeberechtigten in alltäglichen Dingen, etwa wenn das Kind Nach­hilfe braucht, Zeug­nisse unter­schrieben werden müssen oder die Zustimmung zur Klassen­fahrt benötigt wird.

Wann die leiblichen Eltern mitentscheiden

Bei Fragen, die sich auf die Entwick­lung und das weitere Leben des Kindes beziehen, entscheiden die leiblichen Eltern immer mit, bei Bedarf zusammen mit dem Jugend­amt. Etwa wenn es darum geht, welcher Kinder­garten oder Schule die richtigen sind oder ob ein Kind früher oder später einge­schult wird. Gleiches gilt, wenn es um Gesundheit, Aufenthalt oder Vermögen des Kindes geht. Eva Wals­leben ist Mitarbeiterin des Jugend­amts Pforzheim: „Ziel ist immer ein gutes Verhältnis zwischen allen Beteiligten, damit sich das Kind möglichst gut entwickeln kann – auch wenn das nicht immer einfach ist.“

Kinder oft seelisch verletzt

Häufig sind die leiblichen Mütter sehr jung und haben nur wenig Halt in ihrem Umfeld. Sie sind damit über­fordert, sich um ihr Kind zu kümmern. Manchmal führen auch psychische Erkrankungen, Alkohol- oder Drogen­miss­brauch dazu, dass Kinder schon früh in ihrem Leben großem psychischen Stress ausgesetzt sind. Ihre Vorgeschichte prägt diese Kinder, wie Wals­leben weiß: „Auch wenn sie noch klein sind, haben sie in der Regel schon vieles erlebt, in der Schwangerschaft und in der Zeit bei ihren Eltern.“ Seit 20 Jahren ist die 52-Jährige beim Jugend­amt in Pforzheim zuständig für Pflege­kinder. Wenn es in einer Familie Schwierig­keiten gibt, bietet das Jugend­amt Unterstüt­zung an. Wals­leben: „Eltern werden ambulante Hilfen wie Erziehungs­beratung oder sozialpädagogische Familien­hilfe angeboten. Reichen diese Hilfen nicht aus, kommen eine Pflegefamilie oder eine Heim­einrichtung in Betracht.“ Falls die Mutter eines Pflegekindes minderjäh­rig ist, über­nimmt ein Mitarbeiter des Jugend­amtes die Amts­vormund­schaft. Er wird vom Familien­gericht bestellt, ist damit sorgeberechtigt und übt die Personen- und Vermögens­sorge aus. Er ist also zum Beispiel recht­licher Vertreter des Kindes in finanziellen Dingen wie Unter­halts­fragen. Das Familien­gericht entscheidet auch in anderen Situationen – etwa dann, wenn das Wohl eines Kindes in einer Familie gefährdet ist und die Eltern nicht bereit sind, ambulante Hilfen anzu­nehmen.

Konflikte bleiben nicht aus

Pfle­geeltern sein heißt, mit negativen Gefühlen umgehen zu können, – wenn es etwa um den Besuchs­termin mit den leiblichen Eltern geht. Klara Engler: „Für mich ist die Kommunikation mit der Mutter von Lew manchmal schwierig. Sie ist die leibliche Mutter und wünscht sich die Zuneigung des Kindes, ander­seits hat der Kleine auch eine starke Bindung zu mir, seiner Pflegemama.“ Meinungs­verschiedenheiten und Konflikte bleiben nicht aus. Regel­mäßige Gespräche, sogenannte Hilf­eplange­spräche zwischen Pfle­geeltern, dem Mitarbeiter des Jugend­amtes und leiblichen Eltern, sollen helfen, sie zu lösen. Ist das Kind älter, kann es daran teilnehmen.

Hilfeplan gibt Sicherheit

In einem Hilfeplan wird fest­gehalten, welche Unterstüt­zung Kind und Familie brauchen und wie sie geleistet werden soll. Es werden verbindliche Absprachen getroffen, zum Beispiel zur Gestaltung der Besuchs­kontakte und zur Dauer der Unterbringung. Wals­leben sagt: „Wenn eine Rück­führung des Kindes zu seinen leiblichen Eltern geplant ist, muss diese gut vorbereitet und begleitet werden.“ Im Hilfeplan werden Bedingungen fest­gelegt, die für eine Rück­führung erfüllt sein müssen. So wie bei Familie Appler*. Die Pflege­kinder Luis und Justin sind Brüder, zwölf und sechs Jahre alt. Bei Luis gab es zwei Versuche der Rück­führung zur leiblichen Mutter. Beide Male funk­tionierte es nicht, die Mutter war über­fordert. Pflegemutter Karin Appler: „Das Kind wegzugeben, war schlimm. Jedoch weiß man auch, dass das dazu­gehört, wenn man sich entscheidet, Pflegemutter zu sein.“

Begleitung für Pfle­geeltern

Pfle­geeltern Special

Hilf­eplange­spräche heißen die Runden, in denen alle Eltern und das Jugend­amt über­legen, was gut für das Kind ist.

Kinder wieder loslassen zu können und zu verstehen, dass sie Wurzeln haben, die für sie wichtig sind, – sind nur zwei Dinge, mit denen sich alle Pfle­geeltern auseinander­setzen müssen. Andere wichtige Aspekte erfahren Interes­sierte im Gespräch mit dem Jugend­amt und in speziellen Vorbereitungs­seminaren.

Die Pflegefamilie wird durch das Jugend­amt begleitet und unterstützt. Es werden Supervisions­gruppen angeboten. In so einer Gruppe treffen sich Pfle­geeltern mit fachlichen Beratern wie Psycho­logen oder Sozialpädagogen, um für schwierige Situationen Lösungen zu entwickeln. Oft helfen auch Treffen und Austausch der Pfle­geeltern unter­einander. Karin Appler spricht aus Erfahrung: „Es bringt meist ein großes Stück weiter, wenn andere dasselbe Problem kennen und erzählen, wie sie es gelöst haben.“

Nicht jeder ist geeignet

Das Jugend­amt stellt an Pflegefamilien Anforderungen (Pflegeeltern werden). Weil sich mit einem neuen Kind die Familien­struktur ändert, müssen zum Beispiel eigene Kinder zustimmen. Ist das nicht der Fall, kann das Jugend­amt ablehnen. Dazu kommt: Nicht jeder ist geeignet, ein Kind aufzunehmen. Wals­leben: „Besonders wichtig sind die Freude am Zusammenleben mit Kindern und die Fähig­keit zur Reflexion, eine gewisse Belast­barkeit und die Bereitschaft zur Zusammen­arbeit.“ Ein eigenes Zimmer für das Pflegekind ist nicht zwingend. Die Atmosphäre in einer Familie ist ebenso entscheidend. Eva Wals­leben und eine Kollegin schauen sich immer den Ort an, wo das Kind leben soll. Sie fragen sich, ob sie sich als Kind hier wohl­fühlen würden.

Kein Anspruch auf Eltern­geld

Vermittelt werden Kinder jeden Alters. Manchmal kann eine Heim­einrichtung aber die bessere Alternative sein, wenn das Kind beispiels­weise schwer traumatisiert und bindungs­gestört ist. Wals­leben: „Sehr kleine Kinder zu vermitteln, ist mitt­lerweile schwieriger geworden, weil es das klassische Familien­modell kaum noch gibt – Vater arbeitet und Mutter ist zu Hause.“ Bei einer Voll­zeit­pflege ist die gesetzliche Eltern­zeit zwar möglich, allerdings bekommen Pfle­geeltern kein Eltern­geld. Deshalb möchten viele Pfle­geeltern lieber Kinder im Kinder­garten­alter aufnehmen, sie können dann weiter in ihrem Job arbeiten. Manche Kreise und Städte haben eine monatliche Förderung einge­führt, um zumindest einen kleinen Teil des Verdienst­ausfalls auszugleichen. In Pforzheim sind es zum Beispiel 300 Euro zusätzlich, die das Jugend­amt neben dem Pflegegeld für ein Kind unter drei Jahren zahlt (Pflegegeld). Auch für unbe­gleitete minderjäh­rige Flücht­linge werden Pfle­geeltern gesucht. Mehr dazu lesen Sie im Special Minderjährige Flüchtlinge, Finanztest 5/2016.

*Namen von der Redak­tion geändert

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