Pflege zuhause Meldung

Seit einem Sturz sitzt der 95-jährige Franz Damböck aus Bad Birnbach in Südbayern im Rollstuhl. Die Schwieger­tochter Eleonore pflegt ihn.

Pflege zuhause. Arbeitnehmer können seit Juli bis zu sechs Monate Pause vom Beruf machen, um Angehörige zu pflegen. Eleonore Damböck hat als eine der ersten Pflegezeit genommen.

Eleonore Damböck will ihren Schwiegervater selbst pflegen. Ein Heim kommt nicht infrage. Anfang Juli ist der 95-jährige Franz Damböck mit seiner Gehhilfe gestürzt. Nun sitzt er im Rollstuhl.

„Vorher konnte ich ihn noch ein paar Stunden allein lassen. Das geht jetzt nicht mehr“, sagt die 47-Jährige. Um rund um die Uhr helfen zu können, hat sie Pflegezeit genommen. Sechs Monate setzt sie in ihrem Job als Verkaufsberaterin aus.

Damböck ist eine der ersten, die Pflegezeit in Anspruch nimmt. Seit Juli dürfen Arbeitnehmer Sonderurlaub nehmen, um zuhause nahe Angehörige zu pflegen, die mindestens in Pflegestufe I eingestuft sind. Anschließend kehren sie an ihren alten Arbeitsplatz zurück.

Arbeitnehmer können sich für längstens sechs Monate von ihrem Beruf freistellen lassen. Sie müssen den Arbeitgeber nur informieren. Er muss der Pflegezeit nicht zustimmen und kann sie nicht verhindern. Sobald der Mitarbeiter die Pflegezeit angekündigt hat, genießt er einen besonderen Kündigungsschutz.

Als nahe Angehörige gelten Großeltern, Eltern, Geschwister, Ehepartner, eingetragene Lebenspartner sowie Partner einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft. Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder zählen ebenso dazu wie Adoptiv- und Pflegekinder. Pflegezeit gibt es auch, um pflegebedürf­tige Kinder des Ehepartners oder Lebensgefährten zu betreuen.

Zwei Varianten der Pflegezeit

Damböck durfte von heute auf morgen bis zu zehn Tage zuhause bleiben, als ihr Schwiegervater gestürzt war. In dieser Frist können Angehörige die ersten Schritte organisieren und zum Beispiel einen Pflegedienst aussuchen.

Ist ein Pflegefall in Pflegestufe I eingestuft worden, kann sich ein Angehöriger für die Pflege jederzeit auch für sechs Monate von der Arbeit beurlauben lassen oder Teilzeit arbeiten.

  • Kurzzeitige Pflegezeit: Für zehn Arbeitstage kann sich jeder Mitarbeiter von der Arbeit befreien lassen, egal wie groß die Firma ist. Eine Antragsfrist gibt es nicht. Der Mitarbeiter muss dem Chef nur sofort Bescheid geben. Dieser kann nicht Nein sagen.

Allerdings kann der Arbeitgeber vom Mitarbeiter verlangen, dass er das Attest ­eines Arztes vorlegt. Darin muss der Arzt bestätigen, dass die zu pflegende Person ­voraussichtlich pflegebedürftig ist und die Hilfe des Angehörigen benötigt.

Anschließend wird der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) den Betroffenen besuchen, um die Pflegebedürftigkeit und die Pflegestufe festzustellen. Ist der Pflegebedürftige privatversichert, kommen Mitarbeiter des Unternehmens Medicproof vorbei.

Als pflegebedürftig gilt ein Mensch, wenn er durch Krankheit oder Behinde­rung auf Dauer alltägliche Dinge wie Essen oder Anziehen nicht mehr ganz ohne fremde Hilfe erledigen kann. Der Arbeitnehmer hat aber auch dann nichts zu befürchten, wenn die Gutachter doch keine Pflege­bedürftigkeit feststellen.

Franz Damböck wurde vom MDK wenige Wochen nach dem Sturz als schwer pflegebedürftig in die Pflegestufe II eingestuft. Seit dem Sturz muss ihm seine Schwiegertochter beim Waschen helfen.

  • Sechsmonatige Pflegezeit: Einen Anspruch auf die sechsmonatige Pflegezeit haben nur Mitarbeiter in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern. Lehrlinge und Heimarbeiter werden mitgezählt.

Der Mitarbeiter muss seiner Firma die Bescheinigung der Pflegekasse oder des medizinischen Dienstes vorlegen. Zu Beginn der Pflegezeit muss die Pflegebedürftigkeit also schon feststehen.

Die sechsmonatige Pflegezeit ist zehn ­Arbeitstage vor Beginn beim Arbeitgeber schriftlich zu beantragen. Im Antrag sollte stehen, wie lange die Pflegezeit dauern soll.

Wer für die häusliche Pflege eines Angehörigen seine Arbeitszeit nur reduziert, muss angeben, wie er seine Arbeitsstunden verteilen will. Der Chef kann die Stundenaufteilung nur ablehnen, wenn dringende betriebliche Belange entgegenstehen.

Kein Lohn während der Pflegezeit

Eleonore Damböck bekommt in ihrer Auszeit kein Gehalt. Franz Damböck erhält von seiner Pflegekasse rund 400 Euro Pflegegeld. Die gibt er seiner Schwiegertochter.

Manche Firmen sind zumindest für wenige Tage zur Lohnfortzahlung verpflichtet, wenn im Arbeits-, Tarifvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung steht, dass es bezahlten Sonderurlaub für die Pflege Angehöriger gibt.

Auch nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) ist eine Lohnfortzahlung möglich. Nach Paragraf 616 BGB darf jeder Arbeitnehmer für die Pflege ein paar Tage bezahlt freinehmen. Einziger Haken: Die Vorschrift ist mitunter im Tarif- oder Arbeitsvertrag ausdrücklich ausgeschlossen.

So sind Pflegende krankenversichert

Wer nur bis zu zehn Tage Pflegezeit nimmt, hat mit der eigenen Krankenversicherung kein Problem. Alles bleibt wie bisher.

Das Gleiche gilt für Beschäftigte, die während einer sechsmonatigen Pflegezeit Teilzeit arbeiten und über 400 Euro monatlich verdienen. Sie sind versichert wie bislang.

Aktiv werden müssen aber Pflegende, die in der sechsmonatigen Auszeit gar nicht arbeiten und sonst keine Einkünfte haben. Denn der bisherige Versicherungsschutz endet für sie mit Beginn der Pflegezeit.

„Diese Menschen müssen sich erstens Gedanken über die eigene Krankenversicherung in der Pflegezeit machen und zweitens einen Zuschuss zu den eigenen Versicherungskosten bei der Pflegekasse des Pflegebedürftigen beantragen. Ist der Pflegebedürftige privat versichert, kommt der Zuschuss von seiner privater Pflegeversicherung“, sagt Wolfgang Stuhlmann, Krankenkassenfachwirt der AOK Bayern.

  • Vorher gesetzlich pflichtversichert: Wer vor der Pflegezeit Pflichtmitglied der ­gesetzlichen Krankenversicherung ist, wird – sofern verheiratet – oft beitragsfrei über die gesetzliche Krankenkasse des Ehepartners familienversichert sein. Alleinstehende können sich häufig in der Kasse freiwillig versichern. Sie müssen zwar Beiträge bezahlen, bekommen aber einen Zuschuss, der ihre Kosten deckt.
  • Vorher freiwillig versichert: Freiwillig Versicherte, die nicht in die Familienversicherung wechseln können, werden meist weiterhin freiwilliges Mitglied einer gesetzlichen Kasse bleiben. Sie bekommen für ihren Beitrag auch einen Zuschuss.
  • Vorher privat versichert: Privatversicherte können auch in der Pflegezeit privat versichert bleiben. Auch sie bekommen einen Zuschuss während der Pflegezeit, aber maximal den Mindestbeitrag eines freiwillig Versicherten (insgesamt rund 150 Euro). Wer sich trotz Möglichkeit zur kostenfreien Familienversicherung privat versichert, ­erhält den Zuschuss nicht.

Renten- und Arbeitslosenversicherung

Die Beiträge für die Rentenversicherung übernimmt die Pflegekasse des Pflegebedürftigen, wenn Versicherte wie Eleonore Damböck ihren Angehörigen zumindest 14 Stunden je Woche pflegen. Sie müssen einen Antrag bei der Pflegekasse stellen. Die Arbeitslosenversicherung läuft für Damböck in der Pflegezeit beitragsfrei weiter.

Würde sie später arbeitslos, hätte sie durch die Pflegemonate ohne Einkommen keinen Nachteil. Diese Zeit zählt bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes nicht mit.

Wie geht es nach den sechs Monaten Pflegezeit weiter? Eleonore Damböck weiß es noch nicht. Fest steht nur, dass ihr Schwiegervater auch dann nicht ins Heim soll.

Dieser Artikel ist hilfreich. 519 Nutzer finden das hilfreich.