Wer zahlt die Pflege?

Pflege zu Hause Special

„Ich war zwei, als mein Vater an Multipler ­Sklerose erkrankte. ­Heute hat er Pfle­gegrad 4 und ist ganz auf meine Mutter und mich angewiesen. Ein ambulanter Pflege­dienst hilft uns – und einmal im Jahr Kurz­zeit­pflege. So kann meine Mutter Kraft schöpfen. Man pflegt jemanden, weil man ihn liebt. Was mir geholfen hat? Es ist wichtig, sich klar zu machen dass man auf sich aufpassen muss.“ Stefan Schmid, 26, Amberg, Bayern

Versicherte erhalten im Pflegefall gesetzliche Leistungen. Viele dieser finanziellen Hilfen können kombiniert werden.

Geld von der Pflegekasse

Auch häusliche Pflege kostet Geld. Zwar entfällt ein teurer Heim­platz, aber oft müssen zusätzlich Profis kommen, die Angehörige im schwierigen Pfle­geall­tag unterstützen. Einen Teil der Kosten deckt die soziale Pflege­versicherung ab. Je besser Familien informiert sind, desto eher können sie zumindest das Geld abrufen, das ihnen zusteht.

Pfle­gegrad muss sein

Zwei Voraus­setzungen müssen erfüllt sein, damit ein Pflegebedürftiger Geld bekommt:

  • Der Versicherte hat in den vergangenen zehn Jahren mindestens zwei Jahre lang in die Pflege­versicherung einge­zahlt oder war familien­versichert.
  • Der Versicherte hat einen Pfle­gegrad.

Wie pflegebedürftig ein Mensch ist, entscheidet darüber, in welchen Pfle­gegrad er einge­stuft wird. Als pflegebedürftig gilt jemand, wenn er voraus­sicht­lich für mindestens sechs Monate auf Hilfe im Alltag angewiesen ist. Ausschlag­gebend ist, wie selbst­ständig er sein Leben führen kann und bei welchen Tätig­keiten er Hilfe braucht. Je höher der Pfle­gegrad ist, desto mehr Leistungen gibt es (mehr zum Thema in unserem Special Das System der Pflegegrade).

Gutachter prüft Selbst­ständig­keit

Der Pfle­gegrad wird anhand eines Anfang 2017 einge­führten Beur­teilungs­systems ermittelt (kurz NBA). Hat ein Versicherter einen Antrag auf einen Pfle­gegrad bei seiner Pflegekasse gestellt (Leistungen der Pflegeversicherung), schickt sie einen Gutachter zu ihm nach Hause. Der Sach­verständige soll heraus­finden, wie gut der Antrag­steller allein noch klar­kommt. Dabei spielt keine Rolle, wie schwer eine Erkrankung oder Behin­derung ist. Bevor der Gutachter kommt, sollten Pflegebedürftiger oder Angehörige notieren, was noch gut klappt und was nicht. Außerdem hilft es, wenn sie Belege bereithalten, zum Beispiel von medizi­nischen Behand­lungen.

8 Module, 64 Prüf­punkte

Der Gutachter prüft acht unterschiedliche Bereiche, sogenannte Module, mit insgesamt 64 Prüf­punkten. Es geht zum Beispiel um die Mobilität des Antrag­stel­lers, seine kommunikativen Fähig­keiten und darum, wie gut er sich allein versorgen kann. Der Gutachter wird den Versicherten befragen und bestimmte Übungen mit ihm machen. Er bittet ihn beispiels­weise, Treppen zu steigen. Er testet auch, wie gut der Antrag­steller einem Gespräch folgen und was er sich merken kann. In sechs Bereichen vergibt er so Punkte. Ihre Zahl hängt von der Schwere der Beein­trächtigung ab.

Welche Hilfs­mittel braucht die pflegebedürftige Person?

Aus der Gesamt­punkt­zahl ergibt sich der Pfle­gegrad. Die zwei übrigen Bereiche sollen helfen, eine bessere Versorgung sicher­zustellen. Stellt der Gutachter fest, dass der Pflegebedürftige zum Beispiel durch bestimmte Hilfs­mittel besser zurecht­kommen würde, sollte er es im Gutachten aufnehmen. Sein Vorschlag gilt direkt als Antrag bei der Pflege- oder Krankenkasse. Sie entscheidet mithilfe des Gutachtens über den Pfle­gegrad. Lehnt sie ihn ab, sollte der Versicherte Wider­spruch einlegen (Leistungen der Pflegeversicherung).

Feste Beträge je nach Pfle­gegrad

Für jeden Pfle­gegrad gibt es feste Beträge, die die Pflegekasse maximal zahlt. Alle Kosten, die darüber hinaus anfallen, müssen Pflegebedürftige aus eigener Tasche zahlen.

So viel zahlt die Pflegekasse im Monat

Pfle­gegrad

Pflege durch Angehörige (max. Euro)

Professionelle Pflege zu Hause (max. Euro)

Tages- und Nacht­pflege (max. Euro)

Kurz­zeit- und Verhinderungs­pflege1

Pfle­gehilfs­mittel (max. Euro)

Entlastungs­betrag ambulant (max. Euro)

1

0

 0

0

0

40

125

2

316

 689

689

1 612

40

125

3

545

1 298

1 298

1 612

40

125

4

728

1 612

1 612

1 612

40

125

5

901

1 995

1 995

1 612

40

125

    • 1 Jähr­licher Anspruch maximal in dieser Höhe für bis zu acht Wochen in der Kurz­zeit­pflege und sechs Wochen in der Verhinderungs­pflege.

    Pfle­gegrad 1: Nur Entlastungs­betrag

    Den Pfle­gegrad 1 bekommen jene, die noch relativ selbst­ständig sind und ihren Alltag weit­gehend allein meistern. Sie sind nur in einzelnen Bereichen regel­mäßig auf Hilfe angewiesen – etwa, weil sie sich nur einge­schränkt bewegen können und zum Beispiel das Putzen ihrer Wohnung nicht mehr schaffen. In diesen Fällen zahlt die Pflege­versicherung einen sogenannten Entlastungs­betrag von monatlich maximal 125 Euro. Er wird nicht ausgezahlt, die Pflegekasse erstattet nur angefallene Kosten bis zu dieser Höhe. Mit dem Entlastungs­betrag lassen sich nied­rigschwel­lige Betreuungs- und Entlastungs­leistungen wie Besuchs­dienste finanzieren. Sie müssen durch anerkannte Anbieter erbracht werden, Hilfe von Nach­barn oder anderen Privatpersonen kann davon nicht bezahlt werden. Je nach Bundes­land gelten dafür unterschiedliche Rege­lungen. Pflegekassen sind verpflichtet, ihren Versicherten Über­sichten über Angebote und Kosten zusammen­zustellen. Familien sollten bei ihrer Kasse nach­fragen.

    Pfle­gegrad 2 bis 5: Mehr Zuschüsse

    In den Pfle­gegraden 2 bis 5 gibt es mehr Geld und bei häuslicher Pflege zusätzlich den Entlastungs­betrag. Wer zu Hause gepflegt wird, kann zwischen Pflegegeld und Pflegesach­leistungen wählen oder beides kombinieren. Lässt sich jemand von einem Angehörigen pflegen, fließt Pflegegeld. Versicherte, die nur einen professionellen Pflege­dienst in Anspruch nehmen, bekommen sogenannte Pflegesach­leistungen. Betroffener und Pflege­dienst vereinbaren bestimmte Tätig­keiten, etwa die Medikamentengabe oder Hilfe bei der Körperwäsche (Ambulanter Pflegedienst). Beide Leistungen lassen sich auch kombinieren: Nur ein Teil der Pflegesach­leistungen kann für einen Pflege­dienst genutzt werden und zusätzlich wird Pflegegeld ausgezahlt.

    Pflege zu Hause Special

    „Jugend­liche, die pflegen, entscheiden sich nicht dafür, sie wachsen da ­hinein. Meine Mutter hatte Multiple Sklerose. Seit meinem siebten ­Lebens­jahr half ich ihr, bis sie starb, als ich 27 Jahre alt war. Die ­Aufgaben, die Ver­antwortung, die Angst, zu versagen, das macht etwas mit einem. Was mir geholfen hat? Intensive Gespräche mit anderen jungen Pflegenden.“ Julika Stich, 36, Lübeck, Schleswig-Holstein

    Tages- und Nacht­pflege

    Darüber hinaus unterstützen die Kassen in Pfle­gegrad 2 bis 5 Aufenthalte in einer Tages- und Nacht­pflege. Der Pflegebedürftige verbringt dann einige Stunden tags­über oder nachts in einer stationären Einrichtung. Das schmälert nicht den Anspruch auf Pflegegeld und die Pflegesach­leistungen. Familien können die Zuschüsse der Pflegekasse für Tages- und Nacht­pflege voll nutzen, auch wenn sie bereits Geld für die Pflege zu Hause bekommen.

    Pflegekasse zahlt für Hilfs­mittel

    Versicherten in Pfle­gegrad 2 bis 5 stehen weitere Leistungen zu. Die Kasse zahlt, wenn der Pflegebedürftige aufgrund einer Krisensituation vorüber­gehend in einem Heim gepflegt werden muss (Kurz­zeit­pflege), und die sogenannte Verhinderungs­pflege. Letztere bekommen Menschen, deren Pflege­person kurz­zeitig ausfällt und die einen Ersatz brauchen. Außerdem gibts für alle Grade bis zu 40 Euro im Monat für Pfle­gehilfs­mittel, etwa Einmalhand­schuhe. Auch über­nimmt die Kasse den Löwen­anteil der Kosten für einen Haus­notruf (Checkliste: Ist Ihre Wohnung pflegegerecht?).

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