Pflege zu Hause Special

Wird ein Mensch pflegebedürftig, verändert sich sein Leben – und oft auch das seiner Angehörigen. Möchten sie zu Hause pflegen, stehen viele Entscheidungen an. Finanztest erklärt, was zu tun ist.

Angehöriger sein ist ein Full­time-Job

Acht­zehn Jahre lang hat Almut Laudien gepflegt – und das nicht, weil es ihr Beruf ist. Die 58-Jährige aus Friesack in Brandenburg ist Familien­mensch, sie ist Ehefrau, Mutter, Tochter, Schwieger­tochter, Angehörige. Im Jahr 2000 erleidet ihr Schwieger­vater seinen zweiten Schlag­anfall. Danach ist er auf Hilfe angewiesen. Das macht Almut Laudien zur pflegenden Angehörigen. Als die Schwiegermutter nur wenig später an Demenz erkrankt, nimmt sie das Ehepaar bei sich auf. Ihr Mann und ihr Sohn unterstützen sie. Die Familie zieht um und baut ihr Haus nach und nach um – alters­gerecht, barrierefrei.

Pflege zu Hause Special

„Ich habe meinen Schwieger­vater, meine Schwiegermutter und meinen Vater gepflegt – 18 Jahre lang, teil­weise gleich­zeitig. Unsere Eltern in ein Heim zu geben, kam für mich und meinen Mann nie infrage. Er hat mich immer unterstützt. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt: Pflege ist ein Voll­zeitjob, der auch viele finanzielle Entbehrungen mit sich bringt. Wichtig war mir, ein gutes Verhältnis zu den drei Menschen zu haben, die ich gepflegt habe. Was mir geholfen hat? Ich habe jeden Cent, der am Monats­ende übrig blieb, in berufliche ­Weiterbildung gesteckt und alle Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben.“ Almut Laudien, 58, Friesack, Brandenburg

Fast fünf Millionen Deutsche pflegen zu Hause Angehörige

Nicht nur ihre Schwieger­eltern pflegt Laudien, sondern auch ihren Vater, ebenfalls an Demenz erkrankt. Alle drei Senioren begleitet sie – selbst durch die schwerste Pflegebedürftig­keit bis zu deren Tod. Dafür hat die gelernte Agraringeneurin ihren Beruf aufgegeben. Die Versorgung der Familien­mitglieder war ein 24-Stunden-Job. Almut Laudien ist eine von fünf pflegenden Angehörigen, die wir auf den folgenden Seiten vorstellen. Sie stehen beispielhaft für 4,7 Millionen Deutsche, die im häuslichen Umfeld pflegen.

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Entscheidungs­hilfe. In unserem 73-seitigen Themenpaket Pflege finden Sie neben Infos und Tipps zu den Themen Pflege finanzieren, Pfle­geall­tag und Wohnen im Alter auch einen Test von Pflegetagegeldversicherungen.

Finanztest-Artikel. Das Themenpaket versammelt wichtige Veröffent­lichungen der Stiftung Warentest zum Thema Pflege.

Wenn sich das Leben von jetzt auf gleich verändert

Eine Pflegebedürftig­keit kann sich einschleichen oder ganz plötzlich auftreten, zum Beispiel nach einem Unfall oder infolge eines Sturzes, Herz­infarkts oder Schlag­anfalls. Angehörige müssen reagieren und sind meistens über­fordert. Von einem auf den anderen Moment verändert sich auch ihr Leben – vor allem dann, wenn sie selbst die Pflege über­nehmen wollen. Haus­notruf, Pfle­gegrad, ambulanter Dienst – es gibt jede Menge neuer Begriffe, Informationen und Ansprech­partner, doch es ist schwer, einen Über­blick zu gewinnen. Unsere fünf Pflegenden sind sich einig: Informiert zu sein ist wichtig. Wer nicht weiß, was ihm zusteht, geht leer aus. Deshalb sagen wir auf den folgenden Seiten,

  • wie Familien die Pflege eines Mitglieds in seinem Zuhause sicher­stellen können,
  • welche Leistungen Pflegebedürftigen und Angehörigen zustehen,
  • wie sie sie abrufen können und
  • wer sie dabei unterstützt.

Unser Rat

Gespräch. Kann Ihr Angehöriger seinen Alltag immer weniger allein bewältigen, über­legen Sie im Familien­kreis, ob eine Pflege zu Hause möglich ist und wer was erledigt.

Pfle­gegrad. Beantragen Sie für Ihren Angehörigen rasch einen Pfle­gegrad – er ist oft Voraus­setzung für finanzielle Hilfe und Pflege­zeiten im Job. Bei gesetzlich Versicherten erreichen Sie die zuständige Pflege­versicherung über die Krankenkasse (Leistungen der Pflegeversicherrung). Privatversicherte wenden sich an ihre private Pflege­versicherung.

Unterstüt­zung. Lassen Sie sich beraten, etwa in einem Pfle­gestütz­punkt am Wohn­ort. Zuständig für Privatversicherte ist die Compass Pflegeberatung (Compass-pflegeberatung.de).

Frei­stellung. Als Arbeitnehmer können Sie sofort zehn Tage freinehmen, wenn ein naher Angehöriger plötzlich pflegebedürftig wird (Auszeit vom Job).

Erste Fragen klären

Der erste Schritt sind offene Gespräche inner­halb der Familie. Klar werden muss, was sich etwa Mutter und Vater wünschen und ob erwachsene Kinder über­haupt die Pflege über­nehmen können. Gerade, wenn sie noch eigene Kinder versorgen, ist die Gefahr für sie groß, in eine Zwick­mühle zu geraten, weil sie allen gerecht werden möchten.

Damit nicht einzelne Familien­mitglieder über­lastet werden, sollten anstehende Aufgaben auf möglichst viele Schultern verteilt werden. Folgende Über­legungen helfen, in dieser Situation weiterzukommen:

  • Kann der Pflegebedürftige in seinem häuslichen Umfeld bleiben?
  • Oder kann er zu einem Familien­mitglied ziehen?
  • Sind pflegegerechte Umbauten in der Wohnung oder im Haus möglich?
  • Reichen die finanziellen Mittel dafür?
  • Hat jemand in der Familie bereits Erfahrungen mit Pflege­tätig­keiten?
  • Wer kann einspringen, wenn die Haupt­pflege­person selbst verhindert ist?

Zeit für die ersten Schritte

Nächster Schritt ist die Organisation der Pflege selbst. Berufs­tätige können bis zu zehn Arbeits­tage sofort freinehmen. Später sind je nach Betriebs­größe auch längere Auszeiten möglich (Pflege-Auszeit: Diese Rechte haben Berufstätige). Und, wichtig zu wissen: Auch für die gesetzliche Rente entstehen keine Nachteile (Rentenpunkte für pflegende Angehörige).

Beratung vor Ort nutzen

Angehörige brauchen jetzt eine gute Beratung. Sie wissen in der Regel noch nicht, welche Möglich­keiten es zur Unterstüt­zung der Pflege zu Hause gibt. Erster Ansprech­partner – auch telefo­nisch – für Pflegebedürftige und Angehörige ist die Pflegekasse, die der gesetzlichen Krankenkasse angegliedert ist. Pflegekassen haben bundes­weit sogenannte Pfle­gestütz­punkte einge­richtet, die Beratung anbieten. Ein Blick ins Internet zeigt, wo der nächste Stütz­punkt ist. Auch Pflege­dienste, freie Pflegeberater, Wohl­fahrts­verbände wie AWO, Deutsches Rotes Kreuz und Diakonie helfen weiter. Vielleicht haben ja bereits Nach­barn oder Freunde gute Erfahrungen mit einem bestimmten Anbieter gemacht oder von einem guten Dienst gehört. Bundes­weit gibt es mehr als 4 500 Anlauf­stellen. In der Daten­bank des Zentrums für Qualität in der Pflege sind sie aufgelistet. Es gibt auch praktische Hilfe­stel­lungen. Pflegekassen finanzieren Kurse, in denen Angehörige lernen, worauf es bei häuslicher Pflege ankommt.

Austausch mit anderen Pflegenden

Pflegende, die befürchten, dass sie die vielen Aufgaben nicht alleine bewältigen, können Hilfe bekommen. Wer über­fordert ist, wird selbst krank und riskiert, länger auszufallen. Manchmal reicht es schon, sich mit anderen Pflegenden auszutauschen. Bei Selbst­hilfe­ver­einen und Interes­senverbänden – etwa wir pflegen und (für pflegende Kinder und Jugend­liche) Young Helping Hands – können Kontakte geknüpft werden.

Hilfe für junge Pflegende

230  000 Kinder und Jugend­liche in Deutsch­land pflegen kranke oder pflegebedürftige Familien­angehörige zu Hause. Um sie beispiels­weise vor Über­lastung, psychischen Problemen und Beein­trächtigung ihrer eigenen Entwick­lung zu schützen, gibt es viele Beratungs- und Hilfs­angebote. Alle stehen in der Liste des vom Bundes­familien­ministerium einge­richteten Internetportals Pausentaste.de. Außerdem gibt es das Kinder- und Jugend­telefon. Es ist unter Tel. 116 111 erreich­bar oder per E-Mail auf dieser Internetseite: nummergegenkummer.de.

Geld ab Pfle­gegrad 1

Regel­mäßige kleine Auszeiten sind wichtig, um neue Kraft zu tanken. Pflegende Angehörige sollten dabei bedenken, wie die Versorgung ihres Familien­mitglieds gewähr­leistet werden kann, wenn sie selbst Pausen brauchen. Wohl­fahrts­verbände und unabhängige Vereine bieten oft ehren­amtliche Dienste an, zum Beispiel Besuchs- und Fahr­dienste und Hilfe im Haushalt. Entlastung können auch Menü­dienste bringen, die eine warme Mahl­zeit pro Tag liefern. Pflegebedürftige, die mindestens Pfle­gegrad 1 haben, können solche Dienste aus Mitteln der Pflege­versicherung bezahlen. Wird weitere Hilfe benötigt, können Familien einen ambulanten Pflege­dienst in Anspruch nehmen. Je höher der Pfle­gegrad ist, desto mehr Leistungen gibt es (Wer zahlt die Pflege?).

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