Die Pflege eines lieben Menschen macht Freude und Mühe zugleich. Die richtige Organisation und ein Mix aus verschiedenen Hilfen schafft Erleichterung.

Pflege organisieren Special

Marlies Dymke (links) schaut jeden Tag bei ihrer Mutter Erna Schulze vorbei, ob sie etwas braucht. Sie teilt sich die Pflege mit dem Pflege­dienst: „Wir stehen im engen Kontakt“, sagt Marika Weck von der Volks­solidarität im brandenburgischen Lucken­walde.

Der Alltag funk­tioniert nur mit den Leistungen der Pflege­versicherung. Davon ist Marlies Dymke über­zeugt: „Ohne hätte ich meine Arbeit aufgeben müssen, um Mutter zu pflegen.“ Dymke teilt sich die tägliche Versorgung der Mutter mit einem Pflege­dienst. „Morgens kommt der Dienst, hilft ihr beim Waschen und Anziehen und am späten Nach­mittag komme ich und schaue nach ihr“, sagt die 61-Jährige.

Das hat sich in der Zwischen­zeit gut einge­spielt. Anfangs, nachdem die 94-Jährige Erna Schulze sich das Sprunggelenk gebrochen hatte, kam nur der Pflege­dienst. Ein Anruf genügte. „Wir kamen zum ersten Beratungs­gespräch in die Familie und haben ihr geraten, eine Pfle­gestufe bei der Kasse zu beantragen. Wir haben auch gleich schon begonnen, Frau Schulze zu pflegen“, sagt die Pflege­dienst­leiterin Marika Weck von der Volks­solidarität.

Dann ging alles sehr schnell. Ein paar Tage nach dem Antrag kam bereits ein Mitarbeiter des Medizi­nischen Dienstes der Kranken­versicherung vorbei und begut­achtete die Rentnerin. Knapp zwei Wochen später lag der Bescheid für Pfle­gestufe I im Brief­kasten. „Nach der Bewil­ligung des Antrags von Frau Schulze zahlte ihre Pflegekasse auch die im Voraus erbrachten Pflege­leistungen an uns zurück“, sagt Weck.

Die richtige Beratung finden

Erna Schulze ist schon lange Mitglied der Volks­solidarität. Deshalb war für sie klar, dass sie sich an diesen Wohl­fahrts­verband wendet, wenn sie Unterstüt­zung braucht.

Doch nicht nur Mitglieder können sich an Verbände wie die Volks­solidarität, Arbeiter­wohl­fahrt oder Caritas wenden. Pflegeberatungs­stellen von kirchlichen, karitativen und von kommunalen Trägern beraten alle Menschen mit Hilfebedarf und ihre Angehörigen. In fast allen Bundes­ländern helfen auch Pfle­gestütz­punkte weiter. Sie werden von Pflegekassen, Kommunen und anderen Trägern getragen.

Gisela Seidel ist Beraterin in dem Berliner Pfle­gestütz­punkt Friedrichs­hain-Kreuz­berg, den die Diakonie zusammen mit anderen betreibt. „Zu uns kommen oft Angehörige, die nicht mehr weiterwissen, wenn ein Mensch plötzlich hilfebedürftig wird“, sagt sie. Häufig passiert das nach einem Sturz oder einem Schlag­anfall.

Die ersten Schritte hat dann meist schon der Sozial­dienst im Kranken­haus oder in der Rehaklinik unternommen. Der Sozial­dienst bereitet die Entlassung mit vor und hilft beim Planen für die Zeit danach.

In der Familie besprechen

Ist ein Mensch plötzlich auf Hilfe angewiesen, steht die ganze Familie vor einer großen Heraus­forderung. „Besonders am Anfang, wenn alles neu ist, sollten alle gemein­sam die Situation besprechen“, sagt Gisela Seidel.

Ob die Kinder die Pflege über­nehmen, ob ein professioneller Dienst helfen soll oder die Unterbringung im Heim die beste Alternative ist, hängt von vielem ab: Wie ist das Verhältnis in der Familie? Wie sind die beruflichen oder privaten Verpflichtungen? Wie gesund und fit ist jeder Einzelne? Wie sieht das ehren­amtliche und professionelle Unterstüt­zungs­angebot in der Nähe aus? Wo und wie wohnt der Betroffene? Gibt es weitere Hilfe von Verwandt­schaft und Nach­barschaft?

Früher als viele andere hat das Ehepaar Skova* über diese Fragen nachgedacht. Brigitte Skova leidet seit ihrer Kindheit an Kinder­lähmung und ihr rechtes Bein ist gelähmt. „Wir haben bereits vor zwölf Jahren über­legt, ob wir in unserer Wohnung bleiben oder ausziehen“, sagt die 79-Jährige. Die Eigentums­wohnung liegt im zweiten Stock. Das Treppen­steigen wurde mit zunehmendem Alter immer schwerer und nach einem Beinbruch im Jahr 2013 unmöglich.

Ehepaar Skova hatte Glück im Unglück: „Wir konnten bleiben, weil es nun den Fahr­stuhl gibt“, sagt die Rentnerin. Der Sohn des Ehepaares, der auch im Haus wohnt, nahm die Sache ein Jahr zuvor in die Hand und plante mit einem Architekten den Einbau des Lifts. „Fast alle Wohnungs­eigentümer im Haus haben zuge­stimmt und ihn mitfinanziert“, sagt der Sohn.

Doch nicht allein der Fahr­stuhl macht es der Rentnerin möglich, weiter zuhause zu wohnen. Viel Hilfe bekommt sie von der Familie, die mit in dem Berliner Altbau wohnt. Kinder und Enkel kümmern sich um Groß­einkäufe, Reparaturen und auch die Pflege ihrer Mutter und Groß­mutter.

Das Finanzielle klären

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Trotz ihres Beinbruchs kann Brigitte Skova mit ihrem Mann weiter zuhause leben. Ihre Kinder halfen, die Wohnung anzu­passen, und ersteigerten für sie ein Elektromobil im Internet: „Erledigungen in der Nähe kann ich damit selbst machen.“

Nach dem Sturz wurde Skova in Pfle­gestufe I einge­stuft und bekommt seither Pflegegeld. Die Pfle­gestufe legt fest, wie stark ein Mensch im täglichen Leben einge­schränkt ist. Pflegebedürftig ist er, wenn er für mehr als sechs Monate täglich in zwei der drei Bereiche Körper­pflege, Ernährung und Mobilität Hilfe benötigt. Auch Unterstüt­zung im Haushalt muss mehr­mals in der Woche notwendig sein.

Erster Ansprech­partner sind die Pflegekassen, die bei der Krankenkasse gesetzlich Versicherter angesiedelt sind. Sie senden auf Anfrage ein Formular zu. Beim Ausfüllen helfen Pflegeberatungs­stellen und Pflege­dienste.

„Wir über­nehmen für unsere Klienten jedoch nicht nur die Antrag­stellung. Auch fordern wir notwendige Rezepte beim Arzt an, wenn beispiels­weise eine Physio­therapie oder eine Behand­lungs­pflege für das Wechseln von Verbänden anliegt“, sagt Pflege­dienst­leiterin Marika Weck.

Das ist eine große Entlastung für Pflegebedürftige und Angehörige. Möglich ist sie aber nur, wenn der Pflege­versicherte Ärzte und Krankenkasse von ihrer Schwei­gepflicht gegen­über dem Pflege­dienst entbindet. Fest­gehalten wird das im Vertrag mit dem Dienst­leister.

Wer soll pflegen?

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Im Antrag auf Pflege­leistungen legt der Pflegebedürftige fest, welche Art der Pflege er künftig bekommt – Pflege durch Angehörige, Pflege durch einen ambulanten Dienst oder in einer Pfle­geeinrichtung. Für die Pflege durch Angehörige gibt es Pflegegeld, das die Kasse monatlich auf das Konto des Pflegebedürftigen über­weist. Er gibt es dann weiter an seinen Helfer.

Kommt ein Pflege­dienst ins Haus oder über­nimmt eine Pfle­geeinrichtung tags­über oder nachts die Betreuung, stellt der Pflegebedürftige einen Antrag auf Sach­leistungen, Tages- oder Nacht­pflege. Der Dienst rechnet dann direkt mit der Pflegekasse ab.

Kümmern sich Pflege­dienst und Angehörige gemein­sam wie bei Erna Schulze, werden Geld- und Sach­leistungen kombiniert. „Wir haben uns dafür entschieden, dass meine Mutter den Pflege­dienst in Anspruch nimmt, wie sie ihn braucht“, sagt Marlies Dymke. Das anteilige Pflegegeld wird ihr nach der monatlichen Abrechnung des Dienstes von ihrer Pflegekasse über­wiesen.

Genug Zeit, um alles zu regeln

Pflege zu organisieren kostet Zeit. Und bis sich eine Situation richtig einge­spielt hat, dauert es meist mehrere Wochen. Damit die Kinder oder der Partner nach der Entlassung des Patienten aus dem Kranken­haus erst einmal den Rücken etwas freier haben, gibt es Pflege­zeit und Kurz­zeit­pflege.

In der Kurz­zeit­pflege wird der Versicherte vorüber­gehend in einem Pfle­geheim oder einer Kurz­zeit­pfle­geeinrichtung rund um die Uhr betreut, bis für die Pflege zuhause alles vorbereitet ist. Bis zu vier Wochen im Jahr ist das möglich.

Die Kosten über­nimmt die Pflegekasse dann, wenn der Versicherte schon eine Pfle­gestufe hat. Wurde der Antrag im Kranken­haus gestellt, muss der Versicherte das Geld erst vorstre­cken. Nach Bewil­ligung der Pfle­gestufe zahlt die Pflegekasse alles zurück.

Eine weitere Erleichterung bietet die Pflege­zeit­regelung: Arbeitnehmer können damit in einer akuten Situation bis zu zehn Tage ohne Lohn­fortzahlung von der Arbeit frei­gestellt werden. Angestellte, die in einem Betrieb mit mindestens 16 ständig Beschäftigten arbeiten, können zusätzlich noch bis zu sechs Monate Pflege­zeit ohne Vergütung bean­spruchen.

Wohnen ohne Hinder­nisse

Ist die Entscheidung für das Wohnen in den eigenen vier Wänden gefallen, können Hilfs­mittel wie ein Rollator und ein Pflegebett die Pflege erleichtern. Auch Brigitte Skova benutzt in ihrer Wohnung einen Roll­stuhl, um sich besser bewegen zu können. Außer­halb der Wohnung ist es ihr Elektromobil, das sie im Alltag selbst­ständig macht. „Den Roll­stuhl hätte ich von der Kasse leihen können. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich ihn nutzen möchte, wann immer ich es möchte“, sagt Skova.

Auch ein auf den ersten Blick unscheinbares Werk­zeug wie ein Greif­arm hilft ihr enorm. „Damit kann ich Tassen aus dem Schrank holen oder etwas vom Boden aufheben.“

Anpassungen in der Wohnung hat ihr Sohn über­nommen, der sehr geschickt ist. „Wir haben die Badewanne gegen eine bodengleiche Dusche ausgetauscht“, sagt er. Er hat auch das Wasch­becken herab­gesetzt und einen Hand­lauf im Bad angebracht.

Mix aus verschiedenen Hilfen

Die Voraus­setzungen für gute Pflege stimmen bei den Skovas. Die Aufgaben sind auf viele Schultern verteilt.

Das ist nicht immer so. Gibt es zum Beispiel nur den Sohn oder den Partner, gelangt dieser meist schnell an seine Grenzen. Neben der professionellen Unterstüt­zung durch einen Pflege­dienst können dann auch ehren­amtliche Helfer wichtig sein. „Die Betreuung durch Ehren­amtliche verschafft Pflegenden Freiräume und bringt auch frischen Wind in die Familie“, sagt Psycho­loge Klaus Pfeiffer vom Stutt­garter Robert-Bosch-Kranken­haus.

Der 76-Jährige Horst Kämmer hat sich vor ein paar Monaten für eine ehren­amtliche Besucherin entschieden. „Nach dem Tod meiner Frau, die ich lange gepflegt habe, fiel ich in ein Loch und zog mich zurück“, sagt er. Das änderte sich mit dem Besuch von Gudrun Loebert: „Zwischen uns stimmte die Chemie sofort. Anfangs half ich ihm noch mit dem Papierkram und jetzt unterhalten wir uns über alles Mögliche.“

Gefunden haben sich beide über die Berliner Kontaktstelle PflegeEngagement. Das Projekt bringt ehren­amtliche Helfer und Ältere zusammen. „Wir vermitteln Ehren­amtler, die mit unseren Klienten spazieren gehen, vorlesen oder sich unterhalten“, sagt Susanne Baschinski von der Kontakt­stelle Mittel­hof. „Die Erfahrung zeigt uns, dass der soziale Kontakt Lebens­freude schenkt.“

* Name von der Redak­tion geändert.

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