Eine WG ist eine gute Alternative zum Alten- oder Pflegeheim – auch für Demenzkranke. Die Zahl der Angebote wächst.

Pflege-Wohngemeinschaft Special

Altenpflegerin Cosima Schuster (links) und Krankenschwester Tanja Renner betreuen mit ihren Kollegen Tag und Nacht eine zehnköpfige Wohngemeinschaft in Köln. Alle Bewohner haben Demenz.

Der Barbarossaplatz liegt im Zentrum von Köln. Umgeben von hohen Zweckbauten, mit zwei großen Kreuzungen, vierspurigen Straßen und mit Straßenbahnen im Paar-Minuten-Takt ist er mehr Verkehrsknotenpunkt als Platz.

Über einer McDonald’s-Filiale und einem Hostel für Jugendliche haben zwei Pflege-Wohngemeinschaften ihr Zuhause gefunden – nicht gerade das Idealbild einer idyllischen Seniorenresidenz.

Doch beim Betreten der ehemaligen Gewerberäume wird klar, warum sie ausgewählt wurden: Sie sind hell und groß und vom Verkehr unten ist hier oben im dritten Stock kaum etwas zu hören.

„Genug Platz ist eine wichtige Voraussetzung, wenn das Zusammenleben funktionieren soll. Wohnungen mit genug gemeinschaftstauglichem Raum und großzügigen Privatzimmern zu finden, ist eine Herausforderung“, sagt Cosima Schuster.

Die Kölner Altenpflegerin hat zusammen mit der Krankenschwester Tanja Renner die beiden Pflege-Wohngemeinschaften aufgebaut. Beide suchten nach einer Alternative zur Heimunterbringung für Demenzkranke. Sie gründeten die Wohngruppen-Initiative „Dabei-Sein“ und sahen sich nach Wohnraum und Betreuungspersonal um.

Zusammen kochen und einkaufen

Im Sommer 2009 eröffneten Schuster und Renner die erste WG, im Sommer 2010 folgte die zweite im selben Haus. Seitdem leben hier auf zwei Etagen jeweils zehn an Demenz erkrankte Menschen zusammen und gestalten ihren Alltag gemeinsam.

Bewohner, Betreuer und Angehörige duzen sich. Sie kochen und essen zusammen. Sie lesen Zeitung, spielen, sehen fern und feiern Geburtstage. Die Stimmung ist entspannt. Es gibt sogar zwei Hunde. Denn Haustiere sind ausdrücklich willkommen.

Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer, das er mit eigenen Möbeln nach seinem Geschmack einrichtet. Wohnzimmer, Küche, und die zwei Bäder teilen sich die Senioren.

Pflege-Wohngemeinschaften entwickeln sich in Deutschland immer mehr zur Alternative zu den Pflegeheimen. Die meisten Angebote gibt es in Hamburg, Berlin, Braunschweig und Bielefeld. Allein in Berlin sind es bereits rund 300 solcher WGs.

Mascha Stubenvoll von der Koordinationsstelle für Pflege-Wohngemeinschaften bei der Stadtentwicklungsgesellschaft Stattbau Hamburg bestätigt den Erfolg des Betreuungsmodells. „Sehr viele Angehörige wenden sich an uns. Die Nachfrage nach Plätzen ist deutlich höher als das Angebot. Die Angehörigen schätzen die größere Teilhabe, den größeren Einfluss und die Möglichkeit zur Selbstbestimmung.“

In den WGs leben meist sechs bis acht hilfsbedürftige Menschen zusammen. Es gibt aber auch größere mit zehn bis zwölf Bewohnern wie am Barbarossaplatz oder kleinere, in denen nur drei oder vier Senioren in einer Wohnung zusammenleben.

Bisher teilen sich meist Menschen mit ähnlichen Krankheiten und Behinderungen eine Wohnung. Viele WG-Angebote richten sich an schwer pflegebedürftige oder an demenzkranke Menschen, die eine 24-Stunden-Betreuung benötigen. „Das wird demnächst sicher anders. Ich schätze, es werden sich bald auch Wohngemeinschaften mit gemischten Krankheitsbildern entwickeln“, sagt Stubenvoll.

Es gibt auch Gruppen, in denen die Mitbewohner den Haushalt weitgehend alleine führen. Nur stundenweise kommt eine Hilfe zum Beispiel für die Körperpflege oder zur medizinischen Behandlung.

„Satt und sauber“ reicht nicht

Pflege-Wohngemeinschaft Special

Jens Flaig sorgt mit seinem Pflegedienst für die professionelle Pflege. Die soziale und hauswirtschaftliche Betreuung der WG erledigen andere.

„Das Leben in der WG ist wie in einer Großfamilie. Man liebt sich, man streitet sich und verträgt sich wieder. „Die Bewohner nehmen aktiv am Leben teil“, sagt Jens Flaig. Der 33-Jährige kümmert sich mit seinem Pflegedienst „Medden em Levve“ um die professionelle Pflege der WG-Bewohner am Barbarossaplatz in Köln.

Flaig ist Altenpfleger und vom Konzept der Pflege-Wohngemeinschaft überzeugt. Er hat vor seiner Selbstständigkeit in Pflegeheimen gearbeitet. „Die Betriebsabläufe in Heimen machen eine psychosoziale Betreuung kaum möglich. Aber ‚satt und sauber‘ reicht halt nicht. Solche Strukturen machen Demenzkranke nur noch verwirrter und pflegebedürftiger. Das Leben in einer Wohngemeinschaft ist besser für sie. Hier tut jeder das, was er noch kann und möchte.“

Inzwischen erkennen das auch immer mehr Betreiber traditioneller Pflegeheime. Sie fangen an, sich auf die Bewohner mit Demenzerkrankungen besser einzustellen – zum Beispiel mit Wohngruppen. Dort gruppieren sich die Zimmer um eine Küche und einen Aufenthaltsraum. Oft ist dann auch ein abgeschlossener Garten direkt zugänglich. Der Heimcharakter lässt sich aber fast nie ganz vermeiden.

„Natürlich gibt es auch hier einen geregelten Tagesablauf. Aber das ist nur ein Gerüst“, erklärt Flaig. „Wer zum Beispiel morgens länger ausschlafen will, kann das. Er frühstückt dann halt später.“

Mehr Sozialkontakt

Die Angehörigen der WG-Bewohner können jederzeit zu Besuch kommen und bei der Betreuung helfen. Die sozialen Betreuer müssen nicht unbedingt Pflegekräfte sein. Auch Angehörige, ehrenamtliche Mitarbeiter, Hauswirtschafterinnen oder Heilerzieher können diese Aufgabe übernehmen.

„Die Dichte des Kontakts ist durch zusätzliche Betreuer meist deutlich höher als in Pflegeheimen, aber auch dadurch, dass sich ein Großteil des Lebens in Küche und Gemeinschaftsraum abspielt“, sagt Christine Sowinski, Leiterin des Bereichs „Beratung von Einrichtungen und Diensten“ beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA).

Am Barbarossaplatz kümmern sich tagsüber zwei bis drei professionelle Betreuer um die WG-Bewohner, zu ihnen gehören auch Schuster und Renner. Hinzu kommen ein Praktikant und ein junger Mann, der hier sein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Auch nachts achtet immer ein Betreuer darauf, dass in der WG alles in Ordnung ist.

Wenig Geld von der Pflegekasse

Die Bewohner zahlen Miete, Haushaltsgeld, Geld für Rücklagen, Betreuungs- und Pflegekosten. Ein WG-Platz ist im Durchschnitt nicht teurer als ein Platz im Pflegeheim. Doch der Eigenanteil, den die Bewohner tragen müssen, ist oft höher.

Das liegt daran, dass die Pflege-Wohngemeinschaften eigenständige Haushalte sind und die Pflege dort als ambulante Versorgung zuhause und nicht als Heimpflege gilt. Und für die Pflege zuhause zahlt die Pflegeversicherung in den Pflegestufen I und II weniger als im Heim.

In Pflegestufe I etwa erhalten WG-Bewohner nur bis zu 440 Euro monatlich von der Pflegekasse. Bei stationärer Unterbringung im Heim wären es dagegen 1 023 Euro.

Viele nehmen den höheren Eigenbeitrag in Kauf. „Wir haben uns unzählige Pflegeheime für unsere Mutter angesehen“, sagt die Tochter einer Bewohnerin am Barbarossaplatz. „Fast alles, was wir gesehen haben, fanden wir deprimierend.“ Sie sei froh, dass ihre Mutter hier einziehen konnte.

Bewohner, deren Einkommen und Vermögen für den Platz in der Wohngemeinschaft nicht reicht, können vom Sozialamt „Hilfe zur Pflege“ bekommen. Ob und wie viel der Sozialhilfeträger von den Kosten übernimmt, ist regional aber sehr unterschiedlich. Sind die Kinder der Pflegebedürftigen wohlhabend, holt sich die Behörde außerdem zumindest einen Teil der Kosten wieder zurück.

Keine einheitliche Qualitätskontrolle

Anders als in Pflegeheimen gibt es in Pflege-WGs bisher noch keine einheitlichen Qualitätskontrollen. Das könnte dazu führen, dass Betreuungsmängel längere Zeit nicht entdeckt werden.

„Die beste Qualitätskontrolle ist zu hören, was die Nachbarn erzählen“, sagt Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. Sie rät, Angehörige, Nachbarn oder auch Geschäftsinhaber in der Nähe nach ihren Eindrücken zu fragen.

Die Fachfrau ist nicht allzu besorgt. Da in den meisten Pflege-Wohngemeinschaften die Angehörigen deutlich stärker in den Alltag eingebunden seien als in einem Heim, fielen Missstände gewöhnlich schnell auf.

Vor allem ist es wichtig, darauf zu achten, dass nicht der Pflegedienst selbst die Wohnung vermietet. Sonst kann es schwierig werden, dem Pflegedienst zu kündigen, wenn Bewohner und Angehörige mit dessen Leistung nicht zufrieden sind.

Ganz kritisch sollten Interessenten sein, wenn die Ausstattung der WG ungeeignet ist. Die Gemeinschaftsräume müssen groß genug sein. Es muss ausreichend Möglichkeiten zum Kochen geben, außerdem Waschmaschinen und Putzgeräte.

Am Barbarossaplatz gibt es genug Platz zum gemeinsamen Leben und Wohnen. Der große Tisch in der Küche wird gerade gedeckt und es riecht nach Bratkartoffeln. „Aber auch hier läuft nicht immer alles rund“, sagt Pfleger Flaig. „Einmal mussten wir Fritz* suchen. Wir fanden ihn schließlich unten bei McDonald’s sitzend. Sie hatten ihm dort einen Kaffee spendiert.“

* Name von der Redaktion geändert.

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