Braucht ein Familien­mitglied plötzlich Hilfe, können Angehörige die Arbeits­zeit reduzieren. Dafür gibt es verschiedene Möglich­keiten. Seit Januar gibt es auch zehn Tage lang Geld.

Pflege Special

Endlich wieder zuhause! Nach einem Sturz kam Anneliese Sindlinger in die Klinik. Tochter Ulrike nahm zehn Tage Kurz­pflege­zeit und regelte alles, damit ihre Mutter weiterhin im eigenen Haus wohnen kann.

Zwei Monate ist es her, dass der Vater von Ulrike Sindlinger anrief, weil ihre 90-jährige Mutter gestürzt war und in der Klinik lag: „Mir war schnell klar, ich muss meinem Vater helfen.“ Der 93-jährige Rentner hat selbst Pfle­gestufe I und braucht Unterstüt­zung. Bis zum Sturz hatte das seine Frau Anneliese Sindlinger über­nommen.

Die Tochter in Berlin buchte sofort einen Flug und war zwei Tage später bei den Eltern in Leon­berg bei Stutt­gart. Ihr Arbeit­geber gab ihr sofort frei – und das muss er auch. Seit 2015 gibt es einen Rechts­anspruch auf eine zehn­tägige Pflege­zeit, die Kurz­pflege­zeit – ohne dass diese beim Chef beantragt werden muss. Von der Pflegekasse gibt es in diesen Tagen Pflege­unterstüt­zungs­geld.

Sindlinger: „Das ging völlig problemlos, auch wenn bisher niemand im Unternehmen eine Kurz­pflege­zeit beantragt hatte.“

Verschiedene Wege zur Auszeit

Bisher scheinen nur wenige diese Möglich­keit zu kennen. Gerade mal 1,2 Millionen Euro haben die gesetzlichen Pflegekassen laut dem Bundes­familien­ministerium im ersten Halb­jahr 2015 ausbezahlt.

Auch die beiden anderen Wege der Pfle­geaus­zeit werden kaum genutzt: die maximal sechs­monatige Pflege­zeit und die Familien­pflege­zeit bis zu 24 Monate.

Voraus­setzung in beiden Fällen: Der Pflegebedürftige muss mindestens die Pfle­gestufe I haben und der Arbeitnehmer muss selbst pflegen. Nur in gut 750 Fällen ließen Angehörige sich im ersten Halb­jahr 2015 für eine Pflege­zeit frei­stellen, so der Spitzen­verband der Gesetzlichen Krankenkassen.

Kurz­pflege­zeit: Für den Notfall

Für Ulrike Sindlinger waren die zehn Tage Kurz­pflege­zeit dringend notwendig: „Mehr Stress hätte es nicht sein dürfen, die Zeit war knapp.“ Die Grafikerin aus Berlin unterstützte ihren Vater und nutzte die Zeit, um die Rück­kehr ihrer Mutter aus dem Kranken­haus vorzubereiten.

Für die Mutter musste sie viele Termine organisieren – mit Ärzten, dem Pflege­dienst und dem Medizi­nischen Dienst der Kranken­versicherung (MDK) zur Einstufung in eine Pfle­gestufe.

Gleich­zeitig musste die 56-Jährige die Reha für die Rentnerin beantragen und sich darum kümmern, dass im Haus der Eltern einiges verändert und umge­baut wurde. Durch den Oberschenkelhals­bruch konnte Anneliese Sindlinger die Treppen nicht mehr gut steigen. So wurden kurzer­hand Schlaf­zimmer und Bad vom ersten Stock ins Erdgeschoss verlegt. Platz musste geschaffen und Steck­dosen versetzt werden.

Geld von der Pflegekasse

Damit helfende Angehörige wie Ulrike Sindlinger in den zehn Tagen nicht komplett ohne Gehalt dastehen, bekommen sie einen finanziellen Ausgleich. Die Pflegekasse des hilfebedürftigen Angehörigen zahlt ein Pflege­unterstüt­zungs­geld, das mit 90 Prozent des Netto­gehalts einen Groß­teil des Lohn­ausfalls deckt. Der ausgezahlte Höchst­betrag liegt bei 96,25 Euro pro Tag.

Beispiel Unterstüt­zungs­geld: Eine Angestellte verdient 1 900 Euro brutto im Monat für vier Arbeits­tage in der Woche. Nimmt sie acht Tage Kurz­pflege­zeit, entspricht das einem Ausfall von 950 brutto und 650 Euro netto. 90 Prozent erstattet die Pflegekasse, also 585 Euro.

Hat der Chef in den vergangenen zwölf Monaten außerdem einen Einmalbetrag wie Urlaubs- oder Weihnachts­geld gezahlt, auf den Sozial­versicherungs­beiträge fällig werden, sind es sogar 100 Prozent. In diesem Fall also 650 Euro. Davon gehen noch Beiträge zur Renten-, Kranken- und Arbeits­losen­versicherung ab. Beiträge zur Pflege­versicherung werden nicht fällig.

Antrag gleich stellen

Große Formalitäten sind beim Antrag auf Kurz­zeit­pflege­zeit nicht zu beachten. Der Mitarbeiter muss seinem Arbeit­geber nur sofort Bescheid geben. Dieser kann die Vorlage eines Attests verlangen. Darin muss der Arzt bestätigen, dass der Angehörige voraus­sicht­lich pflegebedürftig ist und Hilfe benötigt

Die ärzt­liche Bescheinigung zur voraus­sicht­lichen Pflegebedürftig­keit ist auch beim Antrag auf das Pflege­unterstüt­zungs­geld vorzulegen. Einreichen muss ihn der Beschäftigte bei der Pfle­gepflicht­versicherung des Angehörigen, der Hilfe braucht. Ein Anruf genügt – und die Versicherung schickt die Formulare zu, die der Beschäftigte und sein Arbeit­geber ausfüllen und zurück­senden.

Ist der Antrag durch, zahlt die Pflegekasse das Geld auf das Konto des Helfers. In der Regel über­weisen die Kasse des gesetzlich Versicherten oder die Versicherung des privat Versicherten den kompletten Betrag.

Bei Beamten läuft es anders. Die Pfle­gepflicht­versicherung bezahlt nur einen Teil, für den Rest kommt die Beihilfe infrage. Ulrike Sindlingers Vater war Beamter, seine Frau mitversichert. „Nachdem der Versicherer das Unterstüt­zungs­geld bewil­ligt hatte, musste ich Kopien des Antrags und der Bewil­ligung an die Beihilfe senden“, sagt die Tochter. Die Entscheidung steht noch aus.

Pflege­zeit: Für sechs Monate

Die zehn Arbeits­tage für den Notfall reichen meist, um das Nötigste zu organisieren. Nahe Angehörige, die sich länger intensiver kümmern wollen, haben die Möglich­keit, bis zu sechs Monate Sonder­urlaub zu nehmen oder ihre Arbeits­zeit auf Teil­zeit umzu­stellen. Geregelt ist das im Pflege­zeitgesetz.

Einen Rechts­anspruch für alle – wie bei der Kurz­pflege­zeit – gibt es hier nicht. Die sechs­monatige Pflege­zeit steht nur Angestellten in Firmen mit mehr als 15 Mitarbeitern zu. Um sie beantragen zu können, muss der künftige Pflegende seinem Arbeit­geber eine Bescheinigung über die Pflegebedürftig­keit von der Pflege­versicherung oder vom MDK vorlegen.

Auf Teil­zeit umstellen

Mindestens zehn Tage vorher muss ein Mitarbeiter die sechs­monatige Auszeit bei seinem Arbeit­geber schriftlich ankündigen. Er muss ihm auch mitteilen, wie viel weniger er arbeiten will. Möchte er künftig nur noch den Umfang einer halben Stelle, kann er angeben, ob er vormittags oder nach­mittags arbeiten will. Nach dem Pflege­zeitgesetz soll der Arbeit­geber diesen Wünschen entsprechen. Nur in Ausnahme­fällen aufgrund betrieblicher Umstände darf der Chef auf einer anderen Stunden­verteilung bestehen.

Pflege­zeit nicht in jeder Firma

Der Pflegende erhält in der Pflege­zeit keinen Lohn. Um dieses Minus abzu­federn, kann er ein zins­loses Darlehen beim Bundes­amt für Familie und zivilgesell­schaftliche Aufgaben (Bafza ) beantragen. Er erhält das Geld in Monats­raten. Die Höhe liegt bei mindestens 50 Euro und maximal 50 Prozent des Netto­gehalts.

Beispiel Bafza-Darlehen: Eine Angestellte rechnet mit dem Pflege­zeit­rechner im Internet (Wege-zur-pflege.de) aus, wie viel Darlehen sie bekommt. Sie gibt ihr Jahres­brutto­einkommen von 40  000 Euro und ihre Steuerklasse V ein. Außerdem gibt sie an, dass sie für die Pflege ihrer Mutter sechs Monate Teil­zeit arbeiten will, und zwar 20 statt 40 Wochen­stunden. Ergebnis: Sie erhält monatlich 354 Euro Darlehen.

Grund­sätzlich gibt es die Pflege­zeit für Angehörige nur, wenn die zu pflegende Person zuhause gepflegt wird. Zusätzlich kann der Pflege­dienst kommen. Für einen Angehörigen im Heim gibt es keinen Sonder­urlaub. Eine Ausnahme gilt bei der dreimonatigen Auszeit für eine Sterbe­begleitung (Tabelle Viermal Auszeit vom Job für die Pflege).

Familien­pflege­zeit: Bis zu zwei Jahren

Bei der langen bis zu zweijäh­rigen Familien­pflege­zeit müssen Angehörige wenigs­tens 15 Wochen­stunden arbeiten. Eine volle Frei­stellung wie in der Pflege­zeit ist nicht möglich.

Sie können die beiden Zeiten auch kombinieren, dann darf die Gesamt­pflege­zeit aber nicht länger als 24 Monate dauern. Das heißt, ein Arbeitnehmer kann nach sechs Monaten Pflege­zeit noch 18 Monate Familien­pflege­zeit nehmen. Der Über­gang muss nahtlos sein. Beschäftigte müssen ihrem Arbeit­geber drei Monate vorher mitteilen, wenn sie im Anschluss Familien­pflege­zeit nehmen wollen.

Auch die umge­kehrte Kombination ist möglich: Angestellte nehmen erst Familien­pflege­zeit und anschließend die Pflege­zeit. Während der Familien­pflege­zeit können sie ebenfalls ein zins­loses Darlehen erhalten.

Anspruch auf Familien­pflege­zeit haben nur Angestellte in Betrieben mit mehr als 25 Mitarbeitern. In kleineren Firmen sind sie auf den guten Willen des Arbeit­gebers angewiesen.

Auch für die Berlinerin Ulrike Sindlinger könnte in Zukunft eine längere Pflege­zeit eine Möglich­keit sein, Pflege und Beruf besser zu vereinbaren: „Ich würde dann mit meinem Laptop vor Ort arbeiten.“ Sie hofft aber, dass ihre Eltern jetzt, nach dem Umbau und mithilfe eines Pflege­dienstes noch lange gut alleine zurecht­kommen.

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