Pflege Special

Für Versicherte gibt es im Pflegefall viele wertvolle Hilfen. Doch längst nicht jeder Betroffene und Angehörige nutzt sie.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hat 2011 zum „Jahr der Pflege“ ausgerufen und plant Reformen („Die Pflegereform: Das plant Rösler“). Im Sommer soll ein Entwurf vorliegen. Bis zum fertigen Gesetz dürften aber noch einige Monate und Debatten ins Land ziehen. Es lohnt sich also, auch das bestehende Pflegesystem zu kennen. Denn es bietet Betroffenen und Angehörigen jetzt schon wertvolle Hilfen.

Wer kann mich überhaupt pflegen?

Pflege Special

Knapp 2,4 Millionen Menschen bekommen derzeit Leistungen von den Pflegekassen, schreibt das Bundesgesundheitsministerium. Rund 700 000 davon werden in Heimen gepflegt, der Rest ambulant.

Im Prinzip jeder. Meist sind es die Angehörigen, Deutschlands größter „Pflegedienst“. Sie umsorgen laut Sozialverband VdK rund 1,5 Millionen Pflegebedürftige – plus 2,5 Millionen Menschen, die nicht allein zurechtkommen, aber (noch) kein Geld von den Pflegekassen beziehen. Manche Pflegebedürftigen bekommen – zusätzlich oder ausschließlich – Hilfe von ambulanten Fachkräften. Andere nutzen teilstationäre Tages- oder Nachtpflege, verbringen also beispielsweise die Zeit, in der die Angehörigen arbeiten, im Heim. Und über 700 000 Menschen leben rund um die Uhr in Pflegeeinrichtungen, werden also vollstationär betreut. Den Versorgungsmodellen ist eins gemeinsam: Sie bekommen Zuschüsse von der Pflegekasse, aber nur bei anerkannter Pflegebedürftigkeit.

Wann erhalte ich Geld für die Pflege?

Wenn Sie durch Krankheit, Behinderung oder Gebrechlichkeit Hilfe im Alltag brauchen – regelmäßig, nachweislich und voraussichtlich länger als sechs Monate. Treffen kann das jeden; und so ziemlich jeder zahlt für diesen Fall in eine Pflegekasse ein. Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen gehören automatisch auch einer Pflegekasse an. Wer sich privat krankenversichert, muss eine private Pflegeversicherung abschließen und erhält dann gleiche Pflegeleistungen wie gesetzlich Versicherte.

Wie komme ich an das Geld?

Dazu stellen Sie schriftlich oder telefonisch einen formlosen Antrag bei Ihrer Pflegekasse (meist erreichbar über Ihre Krankenkasse). Sie schickt Ihnen ein Antragsformular, das Sie ausgefüllt zurücksenden.

Wie prüft die Kasse meinen Antrag?

In der Regel schickt sie – nach Anmeldung – einen Gutachter. Gesetzlich Versicherte bekommen meist Besuch vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), privat Versicherte vom Unternehmen Medicproof. Der Gutachter ermittelt ihren Hilfebedarf. Bereiten Sie sich gut auf den Termin vor, führen Sie vorher ein Pflegetagebuch („Das Pflegetagebuch: Das sollte drinstehen“). Und bitten Sie alle Menschen hinzu, die bei Ihrer Pflege eine wichtige Rolle spielen. Zwischen Ihrem Antrag und dem Bescheid über Ihre Einstufung dürfen höchstens fünf Wochen liegen.

Und wenn ich falsch beurteilt werde?

Fragen Sie schnell bei der Pflegekasse nach, wenn Sie am Bescheid zweifeln. In der Regel können Sie innerhalb von vier Wochen schriftlich Widerspruch einlegen. Fordern Sie dazu Ihr Gutachten an, nutzen Sie als Argumentationshilfe das Pflegetagebuch.

Wie viel zahlt die Kasse?

Das hängt von Ihrer Pflegestufe ab – und davon, was für Leistungen Sie in Anspruch nehmen. Das sogenannte „Pflegegeld“ bekommen Sie ausgezahlt und geben es an pflegende Angehörige weiter. „Sachleistungen“ fließen an professionelle ambulante Anbieter, etwa den Pflegedienst. Übrigens lassen sich beide Vergütungswege kombinieren. Auch für die teil- beziehungsweise vollstationäre Versorgung zahlt die Kasse festgelegte Bezüge.

Gibt es Geld für Hilfe aus Osteuropa?

Das Pflegegeld können Sie auch für Haushaltshilfen aus Osteuropa verwenden. Die höheren Sachleistungen gibt es dagegen nur für Pflegekräfte mit deutscher Kassenzulassung, etwa Pflegedienste. Gerade ist einiges im Umbruch. Ab Mai dürfen Haushaltshilfen und Pflegekräfte aus acht osteuropäischen Ländern uneingeschränkt bei uns arbeiten (siehe „Hilfe aus Osteuropa jetzt legal“ aus Finanztest 05/2011).

Bietet die Pflegekasse weitere Hilfen?

Pflege Special

Die Pflegekassen geben nicht nur Geld für die Pflege, sondern auch für zusätzliche Hilfen. Zum Beispiel für ein Gehgestell, einen Rollstuhl oder den Umbau des Bades.

Sie beteiligt sich – unabhängig von der Pflegestufe – an Hilfsmitteln für die Pflege. Davon gibt es zwei Gruppen. Für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch (wie Einmalhandschuhe, Betteinlagen) zahlt die Kasse bis zu 31 Euro im Monat – gegen Vorlage der Quittungen. Technische Hilfsmittel (wie Pflegebett, Badewannenlift, Rollstuhl) finanziert sie bis auf einen Eigenanteil von 10 Prozent oder 25 Euro. Versicherte können technische Hilfsmittel direkt bei der Pflegekasse beantragen – dann kommt in der Regel ein Mitarbeiter und prüft die Notwendigkeit. Ärztlich verordnete Pflegehilfsmittel erstatten die Krankenkassen. 

Wie hilft sie beim Wohnungsumbau?

Für Maßnahmen zur „Wohnraumanpassung“ zahlt die Pflegekasse bis zu 2 557 Euro, unanhängig von der Pflegestufe, auf Antrag, bei neuem Bedarf auch zweimal. Gemeint sind Maßnahmen, die die Pflege zuhause erlauben, wie der Einbau eines Treppenlifts oder die Türverbreiterung.

Gibt es auch Hilfen für Angehörige?

Bei anerkannter Pflegebedürftigkeit unterstützt die Pflegekasse auch die pflegenden Angehörige, unter anderem durch kostenlose Pflegekurse. Zudem steht den ehrenamtlichen Helfern ab und zu eine Auszeit zu – etwa bei Krankheit oder für den Urlaub. Dann bezahlt die Pflegekasse bis zu 1 510 Euro für eine Ersatzpflege („Verhinderungspflege“). Doch erstmals geht das erst nach sechs Monaten Pflegeeinsatz und dann für höchstens vier Wochen im Jahr. Diese Zeit lässt sich aber aufteilen.

Reicht das Geld von der Pflegekasse?

Die gesetzliche Pflegeversicherung ist ein Teilkaskoschutz – sonst lägen die Beiträge deutlich höher. Folglich deckt das Geld der Kassen nur selten die Kosten für die Pflege – besonders im Heim. Den Rest tragen Gepflegte und Angehörige, vor allem Ehepartner und leibliche Kinder. Haben sie aber wenig Einkommen und Ersparnisse, springt das Sozialamt ein. Es hilft auch, wenn alle anderen Netze reißen, wenn etwa jemand kein Geld von der Pflegekasse bekommt und auch kaum eigenes hat.

Tipp: Vorsorgen können Sie mit einer Pflegezusatzversicherung. Tests solcher Versicherungen finden Sie in unserem „Themenpaket Pflege“. Das gesamte Themenpaket können Sie für 3 Euro abrufen. Ende Mai erscheint ganz aktuell das Finanztest-Sonderheft „Die Eltern versorgen“.

Wo bekomme ich individuellen Rat?

Pflegekassen müssen Antragsteller und Empfänger von Pflegeleistungen sowie Angehörige beraten. Dort können Sie auch nach Pflegestützpunkten in der Nähe fragen. Die helfen allen Pflegeversicherten individuell und umfassend: von der Versicherung über örtliche Angebote (wie Essen auf Rädern, Hausnotrufdienste, Pflegedienste und -heime) bis zum Ärger mit Pflegekassen oder -dienstleistern. Nutzen Sie den Service. Er gibt persönliche Antworten auf die Frage: Pflegefall – was tun?

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