Pflege Meldung

Viele unserer Leser mit einer Pflege­tagegeld­versicherung bekamen in den letzten Wochen unangenehme Post vom Versicherer. Einige Anbieter haben ihre Beiträge erhöht – im Schnitt um 30 bis 40 Prozent. Sie begründen es vor allem mit den aktuellen Umstellungen in der gesetzlichen Pflegeversicherung. Viele Leser sind empört und wollen wissen, was sie nun machen können. test.de beant­wortet die wichtigsten Fragen und erklärt, warum Kunden nicht vorschnell kündigen sollten.

Hinweis: Zu diesem Thema gibt es eine aktuel­lere Veröffent­lichung auf test.de – Pflegezusatzversicherung: Wie und warum die Kosten steigen.

Welche Tarife steigen am meisten?

Wie unsere Leser­zuschriften zeigen, erhöhen die Versicherer ihre Beiträge unterschiedlich stark. Viele Leser haben einen Vertrag bei der DKV, der Huk-Coburg oder der Hanse Merkur. Hier sind die prozentualen Steigerungen recht hoch, jedoch bewegen sie sich oft auf einem nied­rigen Preis­niveau. Was auffällt: Häufig sind Tarife betroffen, die Kunden schon vor Jahren abge­schlossen haben und die noch zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Seit 2013 werden diese sogenannten Bisex­tarife nicht mehr angeboten. Oft handelt es sich um Versicherungen, die weniger kosten als Tarife mit gleich­wertigem Schutz, die Kunden heute abschließen können.

Beispiel: Eine 57-jährige Leserin zahlte bisher 48 Euro im Monat für rund 50 Euro Tagegeld. Ab 2017 sind es knapp 62 Euro, 30 Prozent mehr als bisher. Dagegen muss ein 55-jähriger Modell­kunde bei Neuabschluss inzwischen monatlich 87 Euro für einen sehr gut getesteten Pfleg­etagegeld­tarif aufbringen, um etwa die gleiche Summe zu erhalten.

Bei jüngeren Tarifen halten sich die Preissteigerungen dagegen meist im Rahmen, wie unsere Recherchen ergeben haben.

Warum erhöht mein Versicherer die Beiträge so stark?

Für steigende Beiträge gibt es verschiedene Ursachen.

Mehr Leistungs­fälle. Mit der Umstellung von Pfle­gestufen auf Pfle­gegrade am 1. Januar 2017 (siehe Special Pflege) weiten Versicherer oft auch die Leistungen aus. Das liegt vor allem an Pfle­gegrad 1, einem komplett neuen Pfle­gegrad. Durch ihn erhalten künftig auch Menschen Pflege­leistungen, die bisher keinen Anspruch darauf hatten. Sichert der Pflege-Tagegeld­tarif diesen Pfle­gegrad ab, werden hier die Leistungs­fälle zunehmen und die Kosten für die Versicherten steigen.

Neuer Rechnungs­zins. Mit der Umstellung auf Pfle­gegrade lösen die Anbieter meist noch ein zweites Problem. Durch die lang anhaltende Nied­rigzins­phase sind sie gezwungen, künftig mit nied­rigeren Kapital­erträgen zu rechnen. Dafür müssen sie den Rechnungs­zins absenken – ein Wert, der für die Berechnung der Alterungs­rück­stel­lungen verwendet wird. Bei älteren Tarifen liegt dieser Wert zum Teil höher als bei den aktuellen. Manche Unternehmen rechnen noch mit 3,5 Prozent oder 2,75 Prozent. Im Jahr 2017 senken einige Anbieter diesen Wert teil­weise noch weiter ab.

Kosten­grenze erreicht. Dass die Beiträge so stark auf einmal steigen, liegt auch daran, dass die Versicherer von Gesetzes wegen ihre Kosten nicht sofort auf die Kunden umlegen können. Erst wenn die Ausgaben – zum Beispiel beim staatlich geförderten Pflege­zusatz­tarif, dem Pflege-Bahr – die vom Unternehmen kalkulierten Kosten in einem fest­gelegten Zeitraum um mehr als 5 Prozent über­steigen, ist das möglich. So kann es vorkommen, dass die Beiträge manchmal jahre­lang nicht steigen, bis es dann zu einer sprunghaften Steigerung kommt.

Können die Versicherer einfach so ihre Beiträge erhöhen?

Nein, das können sie nicht. Ein Versicherungs­unternehmen kann nicht will­kürlich den Rechnungs­zins absenken oder die Beiträge erhöhen. Das Gesetz schreibt vor, dass ein vom Versicherungs­unternehmen unabhängiger Treuhänder die Über­einstimmung der Beitrags­änderung mit den entsprechenden aufsichts­recht­lichen Vorgaben geprüft und dem neuen Beitrag zuge­stimmt hat. Geregelt ist die Anpassung der Prämien und Bedingungen in Paragraf 203 des Versicherungs­vertrags­gesetzes (VVG) und in Paragraf 143 des Sozialgesetz­buchs (SGB) XI. Das Sonder­anpassungs­recht legt hier fest, dass der Versicherer die Prämien anpassen kann, wenn die Leistungen an die neuen Pfle­gegrade angepasst werden.

Obwohl die Beiträge steigen, sinken die Leistungen – ist das erlaubt?

Für diejenigen, die bereits Leistungen bekommen, darf es keine Verschlechterung geben.

Für alle anderen verteilen viele Versicherer die Leistungen nun von 3 Pfle­gestufen auf 5 Pfle­gegrade. Damit weiten sich insgesamt die Leistungen aus. In einzelnen Graden kann es dafür aber zu Kürzungen kommen.

Ein Beispiel: Pfle­gestufe III wird auto­matisch in den Pfle­gegrad 4 über­führt. Einige Versicherer leisteten hier bis 2016 in Pfle­gestufe III 100 Prozent und ab 2017 in Pfle­gegrad 4 nur noch 75 Prozent. Dafür kommen Pfle­gegrad 5 bei Pflege mit besonders hohem Aufwand und Pfle­gegrad 1 bei leichten Einschränkungen hinzu. Beide gab es bisher noch nicht (Details siehe Special Pflege).

Kunden mit einer Tagegeld­versicherung bekommen in Pfle­gegrad 1, wenn er in den neuen Bedingungen mit einge­schlossen ist, schon einen kleinen Teil des Pfleg­etagegeldes ausgezahlt, während die soziale Pflege­versicherung für diesen Fall noch kein Pflegegeld vorsieht. Zudem bekommen in Zukunft mehr Versicherte höhere Leistungen, weil Demenz­erkrankungen besser berück­sichtigt und höher einge­stuft werden.

Wie schütze ich mich vor steigenden Kosten?

Nicht vorschnell kündigen. Keine gute Option ist, den Tarif zu kündigen. Der Versicherungs­schutz würde erlöschen und die einge­zahlten Beiträge wären verloren. Leser­zuschriften zeigen, dass viele Kunden trotz Prämien­erhöhung immer noch einen Tarif zu besseren Konditionen haben, als Neukunden, die heute einen Vertrag schließen.

Kassen­sturz machen. Eine Pflege-Tagegeld­versicherung muss man sich leisten können. Einen Vertrag schließen sollte nur, wer auch die steigenden Beiträge im Renten­alter bis zur möglichen Pflegebedürftig­keit oder sogar bis zum Lebens­ende tragen kann. Um die finanzielle Lücke im Pflegefall zu decken, muss ein 55-jähriger Versicherungs­nehmer rund 87 Euro pro Monat anlegen, wie unsere Unter­suchung 2015 gezeigt hat. Prüfen Sie, ob Sie alle Ihre Versicherungen in der jetzigen Lebens­phase auch tatsäch­lich brauchen. Dabei hilft unser Versicherungs-Check.

Dynamik aussetzen. Über die Jahre hinweg steigen neben den Lebens­haltungs­kosten auch die Kosten für die professionelle Pflege durch Pfle­gekräfte. Enthält der Tarif eine Dynamik, werden mit der Erhöhung der Leistung auch die Beiträge steigen. Diese Beitrags­steigerungen werden auf das jeweils geltende Lebens­alter berechnet. Um zu schnelle Beitrags­steigerungen abzu­mildern, kann der Versicherte einer auto­matischen Dynamik wider­sprechen. Doch Vorsicht! Wird mehreren dyna­mischen Erhöhungen hinter­einander wider­sprochen, geht dieses Recht in der Regel verloren.

Tages­geld absenken. Kunden, die darüber nach­denken, die Höhe des Tagegelds abzu­senken, um weniger Beitrag zu zahlen, sollten durch­rechnen, ob sich das tatsäch­lich lohnt. Müssen Beiträge auch im Pflegefall weiter gezahlt werden, könnte so in den unteren Pfle­gegraden der nied­rigere Beitrag dafür sorgen, dass die Leistung stark reduziert wird.

Tarif wechseln. Bietet der Versicherer mehrere Pflegetarife an, können ihn Kunden nach einem alternativen güns­tigeren Tarif fragen. Versicherte haben das Recht, in den jeweils güns­tigsten Tarif beim selben Anbieter zu wechseln und ihre Alters­rück­stel­lungen mitzunehmen. Wichtig dabei ist, darauf zu achten, dass der Tarif Leistungen im stationären und im ambulanten Bereich enthält und auch die unteren Pfle­gegrade abdeckt. Für Kunden, die ihren Tarif kündigen und zu einem güns­tigeren Anbieter wechseln, ist das nicht möglich. Sie müssen ihre Alters­rück­stellung neu aufbauen.

Tipp: Antworten auf Ihre Fragen rund um Pflege­versicherung, Eltern­unterhalt, Pflege-Bahr und Gesund­heits­prüfung finden Sie in unserem FAQ Pflegeversicherung.

Ärger wegen höherer Beiträge? Schreiben Sie an Finanztest!

Erhöht Ihr Versicherer die Beiträge besonders oft oder ärgern Sie sich über die starken Beitrags­steigerungen? Schreiben Sie und schi­cken Sie uns Ihre Unterlagen an pflegezusatzversicherung@stiftung-warentest.de. Wir bleiben auch weiterhin am Ball. Selbst­verständlich behandeln wir alle Ihre Daten vertraulich. Vielen Dank für Ihre Mithilfe!

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