Pestizide in Obst und Gemüse Meldung

Die Höchstmengen für Pflanzenschutzmittel werden europaweit angepasst. Aus deutscher Sicht heißt das: gelockert. Ist Obst und Gemüse noch sicher genug?

Die Gefahr droht meist von außen. Spanische Paprika, italienischer Rucola, türkische Trauben – oft ist es ausländische Ware, die stark mit Resten von Pflanzenschutzmitteln belastet ist. Deutschland importiert verhältnismäßig viel: 60 bis 80 Prozent des hier verkauften Obsts und Gemüses kommen aus dem Ausland zu uns.

Pflanzenschutzmittel – in der Fachsprache Pestizide genannt – sollen Pflanzen vor Pilzen, Unkraut und Insekten bewahren. In welcher Menge ihre Rückstände noch in der reifen Frucht vorhanden sein und damit auf unseren Tellern landen dürfen, dafür gibt es Standards – europaweit bisher aber keine einheitlichen. Damit ist jetzt Schluss. In allen 27 Mitgliedstaaten werden die Höchstmengen für 400 Pestizidwirkstoffe seit Jahren stufenweise über EU-Harmonisierungsregelungen angeglichen. Etwa 230 Stoffe sind bereits „harmonisiert“, für die übrigen gelten ab September 2008 neue Werte. Daneben gibt es rund 600 nicht zugelassene oder relativ unbekannte Wirkstoffe, für die „Nulltoleranz“ gilt. Bei ihnen ist nur eine minimale Höchstmenge von 0,01 Milligramm pro Kilogramm zulässig.

Lockere statt strengere Grenzen

Pestizide in Obst und Gemüse Meldung

Typische Pflanzenschädlinge wie die Weiße Fliege oder Thripse kann man mit synthetischen Pestiziden bekämpfen.

Gleiche Höchstmengen für alle, das klingt zuerst prima. Die neue Regelung erleichtert den Warenverkehr. Zugleich macht sie es südlichen Mitgliedstaaten tendenziell schwerer, denn sie bekommen mehr Grenzwertvorgaben und dürfen weniger Wirkstoffe einsetzen. Gut für uns also.

Aus deutscher Sicht bringt die EU-Anpassung aber auch Nachteile, denn bei uns ging es bisher strenger zu. „Wir hatten schon immer eine Höchstmengenregelung, die sehr umfassend war“, sagt Pestizidexperte Karsten Hohgardt vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Ab September jedoch wird der Großteil der neuen Höchstmengen hochgesetzt. Hochgesetzt, das heißt gelockert. Im Extremfall dürfen dann hundert- bis tausendfach höhere Wirkstoffgehalte im Obst oder Gemüse stecken. Die Anpassungsphasen in der Vergangenheit verliefen ähnlich: Viele Grenzwerte wurden hochgesetzt, deutlich weniger herunter. Allein im Jahr 2006 kam es zu 188 Anhebungen von Wirkstoffen, im Schnitt um das 33-Fache. Stark betroffen waren Gartenkräuter, Salate, Tafeltrauben und Beeren, so die Berechnungen der Umweltorganisation Greenpeace. Vergleichszahlen von offizieller Seite gibt es nicht.

Andere Länder, andere Praktiken

Pestizide in Obst und Gemüse Meldung

In intensiven Anbauregionen, etwa dem südspanischen Almeria, wurden Schädlinge resistent. Man setzt jetzt auf biologische Bekämpfung. Das heißt: Tier frisst Tier.

Sind Obst und Gemüse jetzt weniger sicher, wird der Gesundheitsschutz womöglich beeinträchtigt? Hier klaffen die Meinungen der Experten auseinander. Die Befürworter weisen darauf hin, dass in der EU schon immer mehr Wirkstoffe zugelassen waren als in Deutschland, wo es im Schnitt nur 250 sind. So kommen zum Beispiel in Spanien wegen des Klimas andere Pestizide zum Einsatz als hier. Durch die Harmonisierung gilt für diese Pestizide nun aber auch bei uns ein konkreter Grenzwert. Er ersetzt die bisherige pauschale Höchstmenge von 0,01 Milligramm pro Kilogramm und kann schnell hundertfach höher liegen. Somit, so die Befürworter, erklärten sich viele der Anhebungen auf einfache Weise.

Gefahr in Umlauf

Die Gegner sehen die Anpassung und die offizielle Risikobewertung kritischer. Greenpeace zum Beispiel hat eine Schwarze Liste gefährlicher Pestizide veröffentlicht. Darauf stehen auch Stoffe, die weiter in der EU verwendet werden dürfen. Darunter Boscalid, ein Mittel gegen Pilzbefall. Es stehe unter Verdacht, Krebs zu erzeugen. Ab September darf es zum Beispiel in Feldsalat in deutlich höherer Menge als früher enthalten sein (siehe Tabelle). Das Bundesinstitut für Risikobewertung, das an der Bewertung der Wirkstoffe mitarbeitete, sieht in Boscalid keine Gefahr für den Menschen.

Umstritten ist auch Iprodion, ein ebenso möglicherweise krebserzeugendes Mittel gegen Pilze. In den bundesweiten Stichproben vom vergangenen Jahr tauchte es besonders häufig auf. Die Höchstmengen für Iprodion wurden schon in den 1990ern angepasst. Im Kilogramm Erdbeeren sind zum Beispiel bis zu 15 Milligramm erlaubt.

Derzeit wird auf EU-Ebene über die Zukunft besonders gefährlicher Wirkstoffe be­raten. Ein Verbot ist in Sicht, aber nicht mit aller Konsequenz: Ausnahmen von der Regel soll es weiter geben.

Risiko für Mensch und Tier

Etwa 4 Prozent der europaweit zugelassenen Pestizide stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen, Nerven zu schädigen, das Hormonsystem oder die Fortpflanzungsfähigkeit zu beeinflussen. Die Mehrzahl gilt als weniger gefährlich, wenn auch nicht als harmlos. Pestizidreste auf oder in Pflanzen können leicht in den menschlichen Körper gelangen. Auch Umwelt und Tiere können unter den Folgen leiden. Nicht immer sind sie so deutlich wie beim aktuellen Bienensterben. In Süddeutschland wurden viele Bienenvölker durch den Stoff Clothianidin geschädigt, mit dem Mais behandelt worden war.

Die große Wissenslücke

Bis heute ist ungeklärt, was eigentlich passiert, wenn Rückstände von gleich mehreren Pestiziden in einem Lebensmittel stecken. Häufig sind Trauben, Erdbeeren, Äpfel, Birnen und Zitrusfrüchte von solchen Mehrfachrückständen betroffen. Wissenschaftler haben mögliche Wechselwirkungen der Pestizidcocktails auf den Menschen noch nicht genügend erforscht. Bei Tausenden von Kombinationsmöglichkeiten ist das auch keine leichte Aufgabe.

„Alles ist sicher“

Vorbeugender Gesundheitsschutz muss also weiter großgeschrieben werden. In Gefahr sehen die Verantwortlichen die Gesundheit nicht. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz vertritt generell die Linie, dass bei ausgewogener und abwechslungsreicher Ernährung eine gesundheit­liche Belastung durch Pestizide unwahrscheinlich ist. „Die Unbedenklichkeit ist von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit eingeschätzt worden und als sicher anzusehen“, meint das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zum Thema Harmonisierung der Höchstmengen.

Generell werden Rückstandshöchstmengen erst nach langen Testreihen festgelegt. Aus den Tests werden Konzentrationen abgeleitet, die im Tierversuch bei einmaliger oder regelmäßiger Aufnahme einen Schaden zeigten. Für den Menschen kommt ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor dazu. Das Bun­desinstitut für Risikobewertung hält die neuen Werte daher für sicher. Die neuen Höchstmengen, so die Begründung, würden die zwei wichtigsten Kontrollwerte einhalten – die täglich duldbare Aufnahmemenge und die akute Referenzdosis (siehe Glossar). Doch genau das trifft nicht immer zu, wie Fallbeispiele für Kleinkinder zeigen. Vor allem die akute Referenzdosis, Grenzwert für die einmalige Aufnahme giftiger Stoffe, könnte überschritten werden.

Mangelnder Schutz für Kinder

Vor zwei Jahren berechnete das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN), was passieren würde, wenn 2- bis 5-Jährige beliebte Obstsorten in üblicher Menge essen und diese mit den neuen maximalen Höchstmengen belastet wären. Ihr Fazit: Der Gesundheitsschutz wäre oft nicht gewährleistet, die akute Re­ferenzdosis in vielen Fällen haushoch überschritten. Kleinkinder gelten als die sensibelste Verbrauchergruppe, wegen ihres geringen Körpergewichts sind sie Schadstoffen gegenüber sehr empfindlich.

Die Kritik kam an. Mittlerweile hat die Europäische Kommission die Hälfte der damals bemängelten Wirkstoffe nachgebessert, das heißt die Höchstmengen wieder heruntergesetzt. „Wir sind darüber erfreut, aber in Gänze ist das Problem noch nicht erle­digt“, sagt Susanne Smolka von PAN. Bleibt man beim gleichen Fallbeispiel der Kleinkinder, überschreitet noch immer Procy­midon, ein Wirkstoff gegen Pilze, in Trauben die akute Referenzdosis um mehr als das Neunfache. Die EU wird weiterhin Höchst­werte aus früheren Zeiten überarbeiten. Früher kannte man das akute Risiko nicht, berechnet wird es seit zehn Jahren.

In Zukunft schönere Statistiken

Die Harmonisierung hat noch andere Konsequenzen: Die Zahl der Höchstmengenüberschreitungen wird in Zukunft sinken, Statistiken werden freundlicher aussehen. Bis dato beanstandete Überschreitungen werden nicht mehr negativ auffallen, da sie keine mehr sind. Mit einer geringeren Aktivität der deutschen Überwachungsämter, die gezielte Stichproben in Obst und Gemüse ziehen, ist aber nicht zu rechnen. Zwischen 2004 und 2006 wiesen sie noch mehr Pestizidrückstände als früher nach. Auch beim europäischen Schnellwarnsystem, an das alle Länder gesundheitlich riskante Funde melden, gingen 2007 doppelt so viele Mitteilungen ein wie 2006.

Handel strenger als das Gesetz

Wie steht es um die Folgen im Supermarkt? Erfreulicherweise ergreifen immer mehr Händler die Initiative und stellen an Zuliefe­rer höhere Anforderungen als das Gesetz. Seit regelmäßig Missstände in Handelsketten aufgedeckt wurden, haben diese Pesti­zid­­reduktionsprogramme eingeführt. Dabei setzt jeder andere Maßstäbe. Zum Beispiel darf die Ware bei Rewe und Edeka maximal 70 Prozent der gesetzlichen Höchstmengen ausschöpfen, bei Lidl nur ein Drittel. In Nordrhein-Westfalen legt das verant­wort­­liche Ministerium seit 2007 sogar Pestizidrückstände pro Handelskette offen. An­dere Bundesländer wollen folgen.

Einfach abschaffen kann man Pestizide nicht. Zu groß ist die weltweite Nachfrage, zu hoch waren die Ernteausfälle der letzten Jahre. Viele Verbraucher wollen zudem makelloses Obst und Gemüse, und das zu gün­stigen Preisen. Nur wenn hier ein Umdenken einsetzt, könnte der Einsatz gedrosselt werden. Bis dahin bleibt zu hoffen, dass der Gesundheitsnutzen von Obst und Gemüse weiter überwiegt. Keine anderen Lebensmittel liefern so viele wichtige Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe wie sie.

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