Interview: „Man sollte schneller handeln“

Pestizide in Obst und Gemüse Meldung

Dr. Hermann Kruse, Toxikologe an der Universität Kiel, über potenzielle Gesundheitsgefahren von Pestiziden.

Einige Pestizidwirkstoffe gelten als krebserregend. Stimmt das?

Als krebserregend erkannte Wirkstoffe werden in Deutschland sofort vom Markt genommen. Das Problem ist vielmehr, dass es eine Reihe von krebsverdächtigen Wirkstoffen gibt, und bei diesen tut man sich sehr schwer, was ein Verbot angeht. Ich meine, dass man da schneller handeln sollte.

Geht es immer um Krebs?

Krebsverdacht ist natürlich das K.-o.-Kriterium. Sehr viele Wirkstoffe waren im Tierexperiment auch immunotoxisch oder neurotoxisch. Das ist genauso schlimm. Darüber hinaus gibt es beim Menschen ernste Hinweise für haut- und schleimhautreizende Wirkungen.

Viele Stoffe werden als „gering akut giftig“ eingestuft? Was heißt das?

Die akute Toxizität wird gemessen als LD 50, also die Dosis, die man Kleintieren verabreicht und die 50 Prozent der Tiere tötet. Ist dafür eine hohe Dosis erforderlich, ist der Wirkstoff gering akut giftig. Einen viel höheren Stellenwert hat aber die chronische Toxizität, die langfristige Aufnahme geringer Dosen.

Sind Langzeitwirkungen erwiesen?

Wir sehen die Effekte nicht bei den durchschnittlichen Verbrauchern, die Rückstände über Obst und Gemüse aufnehmen. Die Effekte sind vorhanden, bleiben aber meist unerkannt. Um Effekte zu sehen, greift man auf diejenigen zurück, die in hohen Dosen mit den Stoffen zu tun haben: die Anwender, die sprühen. Klagen sie am Ende eines Tags über Kopfschmerzen, weiß ich, wie ich das einordnen kann.

Wie beurteilen Sie die neuen EU-weiten Höchstmengen?

Höchstmengen sind in aller Regel schon sehr hoch angesetzt, da man bei einer Überschreitung ein Lebensmittel vom Markt nehmen muss und nicht ständig in diese Bredouille kommen will. Leider orientiert man sich hier eher am Prak­tischen als an aus Tierexperimenten abgeleiteten Schwellendosen. Das stört mich als Toxikologe.

Wie sicher sind die Höchstmengen?

Höchstmengen werden für Einzelstoffe abgeleitet. Das Zusammenwirken mehrerer, gleichzeitig auftretender Stoffe ist aber zu wenig untersucht. Auch legen Hersteller von Pestiziden ihre Daten, die sie zwecks Anmeldung erbringen müssen, nur sehr unvollständig offen.

Was halten Sie von den Statistiken?

Die Stichproben der Überwachungsämter geben leider ein völlig falsches Bild ab. Früher wählten Prüfer spontan auf Märkten aus, heute werden nur Verdachtsproben gemacht. Der Verbraucher erfährt so aber nicht, wie belastet Obst und Gemüse im Laden sind.

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