Personenwaagen Test

Das Gewicht zeigen heute fast alle Waagen treff­sicher an. Nicht annähernd so genau nehmen sie es mit dem Körperfett. Die Analysedaten lagen im Test häufig weit weg von der Wirk­lich­keit.

Deutsch­land im Jahr 1968: Das test-Heft erscheint in Schwarz-Weiß. In den Bade­zimmern stehen mecha­nische Waagen. Abnehmwil­lige können mangelnde Fort­schritte auf die analoge Technik schieben, nach dem Motto: „Die Waage hat mich betrogen.“ Da ist sogar was dran. Keine misst genau, resümieren die Prüfer nach dem ersten Test von Personenwaagen. Die schlechteste weicht 2,4 Kilogramm vom eigentlichen Gewicht ab.

Heute funk­tioniert die Ausrede nicht mehr – zumindest beim Gewicht. In vielen Bade­zimmern stehen digitale Waagen. Sie messen das Gewicht genauer, wie unser Test zeigt. Unzu­verlässig sind sie allerdings bei einem anderen Wert: dem Anteil von Fett am Körper. 11 der 19 Personenwaagen versprechen, ihn zu ermitteln. Doch die Mess­werte weichen oft deutlich vom tatsäch­lichen Fett­gehalt ab. Bei ein und derselben Person kommt eine Waage auf 17 Prozent Körperfett, die nächste auf 35 Prozent. Genaue Daten zum Körperfett­anteil ermitteln offen­bar nur Profigeräte.

Fett­fehl­messungen sind nicht das einzige Problem heutiger Waagen. Manche kippeln bedenk­lich, eine der mecha­nischen Waagen versagt im Dauer­test.

5 der 19 Geräte bieten Besonderheiten. Sie zeigen die Mess­ergeb­nisse auf einem separaten Display oder sagen das Gewicht über Laut­sprecher an.

Was die Waage nicht verrät

Jeder zweite Bundes­bürger ist zu dick, sagt das Statistische Bundes­amt. Diese Fest­stellung beruht nicht auf Körperfett­analysen, sondern stützt sich auf den Body-Mass-Index, abge­kürzt BMI. Er wird errechnet aus dem Körpergewicht eines Menschen in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern hoch zwei.

Die Welt­gesund­heits­organisation stuft Erwachsene mit einem BMI über 25 als überge­wichtig ein. Aussagekräftig ist der Wert nicht. Er unterscheidet nicht zwischen Fett und Muskeln. Ein 1,75 Meter­großer, 80 Kilogramm schwerer Mann hat einen BMI von mehr als 26. Nach der Definition gilt der Mann als überge­wichtig – egal, ob er ein durch­trainierter Sportler oder ein Sesselho­cker mit Wampe ist.

Bis zum Bauchnabel und zurück

Eine Körperfett­analyse ist aussagekräftiger. Wenn sie denn funk­tioniert. Bei den getesteten Waagen ist es vor der Messung erforderlich, Größe, Alter, Geschlecht und oft auch den Fitness­grad einzugeben. Dann stellt man sich mit bloßen Füßen auf die Waage. Die Fußsohlen berühren die Metall­elektroden; ein schwacher, nicht spür­barer Strom fließt durch die Beine. Die Methode nutzt den Effekt, dass Wasser Strom leitet. Fett­gewebe enthält deutlich weniger Wasser als Muskeln, es leitet den Mess­strom schlechter. Die Waage misst die Leit­fähig­keit durch den Körper und verrechnet das Ergebnis mit Erfahrungs­werten für den Strom­widerstand je nach Größe, Alter und Geschlecht. Fachleute nennen das bioelektrische Imped­anzanalyse.

Personenwaagen Test

Sie ist einfach durch­zuführen, doch die getesteten Waagen zeigen Schwächen: Sie nutzen – anders als medizi­nische Mess­geräte – nur Fußelektroden. Der Strom sucht sich einen kurzen Weg durch den Körper, so erfasst die Messung höchs­tens den unteren Körper bis zum Bauchnabel (siehe Grafik). Ein Mensch mit schlanken Beinen und dickem Bauch bekommt so tendenziell ein zu gutes Ergebnis. Gerade dieser so genannte Apfel­typ ist anfäl­liger für Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen als der Birnen­typ. Bei letzterem sammelt sich der Speck besonders stark an Po und Oberschenkeln an.

Im Test mussten die Analysewaagen gegen ein medizi­nisches Mess­gerät mit Hand- und Fußelektroden antreten. Bei ihm fließt der Strom durch den gesamten Körper. Es erfasst den Fett­anteil genauer. Ergebnis: Alle Personenwaagen weichen bei der Fett­analyse vom Referenzgerät ab, im Schnitt um 14 bis 23 Prozent. Sämtlich wichen sie bei mindestens jeder vierten Messung um 20 Prozent oder mehr von der Profi-Analyse ab. Das Urteil für die Körperfett­analyse lautet daher für alle nur ausreichend.

Die Fettorakel

Am nächsten kamen den medizi­nischen Mess­werten ADE Tabea und Korona Dolores. Bei manchen Test­personen liegen sie nur wenige Prozent­punkte daneben. Doch auch sie messen häufig falsch. Sie sind die Fettorakel unter den Vermessenen.

Die größten mitt­leren Abweichungen lieferte Sanotec von Aldi. In einem Extremfall zeigte die Discounterwaage einen Fett­anteil, der um mehr als das Doppelte vom Mess­ergebnis des Profigeräts abwich.

Schuld an diesen Abweichungen sind auch die Formeln, mit denen die Waagen Mess­werte verrechnen. Damit sie verläss­lich sind, müssten die Hersteller Studien durch­führen, in denen sie den Körperfett­anteil sehr vieler Test­personen bestimmen. Diese Ergeb­nisse müssten sie mit den Mess­werten einer wissenschaftlichen Referenz­methode abgleichen. Solche Studien sind aufwendig und teuer.

Exacta und Soehnle messen gar nicht

Besonders einfach macht es sich die Firma Leifheit mit ihren Waagen Exacta Deluxe und Soehnle Body Control Contour: Beide erwecken zwar mit Metall­streifen auf der Tritt­fläche den Eindruck, den Körperfett­anteil zu messen. Auf der Verpackung der Exacta steht zudem „ermittelt Körperfett“. Doch beide Waagen messen nur das Gewicht. Zusammen mit den Eingaben für Alter, Geschlecht und Größe berechnen sie daraus einen statistischen Wert auf Grund­lage des Body-Mass-Indexes. So führen Exacta Deluxe und Soehnle Body Control Abnehmwil­lige an der Nase herum: Wer bei gleich­bleibendem Gewicht Fett in Muskeln umwandelt, bekommt von beiden trotzdem den gleichen Fett­anteil ange­zeigt.

Dicker Teppich macht leichter

Auch beim Wiegen sind Fehler möglich – wenn die Waage am falschen Ort benutzt wird. Der Test belegt, wie wichtig es ist, sie auf einen festen, ebenen Unter­grund zu stellen. Auf dickem Teppich zeigte eine Waage 32 Kilogramm zu wenig. Hintergrund: Digitale Waagen bestimmen das Gewicht mit Wäge­zellen. Diese Chips stecken in den Füßen der Geräte. Auf Flokatis oder anderen flauschigen Teppichböden steht die Waage aber nicht nur auf den Füßen, sondern liegt mit der gesamten Unterseite auf dem Flor. Daher zeigt sie einen deutlich zu nied­rigen Wert. Alle Gebrauchs­anleitungen weisen darauf hin, dass Digitalwaagen nur waagerecht und auf hartem Unter­grund benutzt werden sollen.

Mecha­nische Waagen funk­tionieren anders: Sie über­tragen das Gewicht auf eine gefederte Metall­platte an ihrer Rück­seite. Eine Metall­stange leitet die Bewegung der Platte zur Gewichts­skala. Der exemplarische Versuch mit einer mecha­nischen Waage ergab: Der Unter­grund spielt keine Rolle. Sie zeigte stets das gleiche Gewicht – auf Fliesen genauso wie auf PVC, dünnem und dickem Teppich.

Im Dauer­test hängen­geblieben

Was die mecha­nische Beurer MS 50 dagegen über­haupt nicht aushält, ist ruck­artiges Absteigen. Dann schnellt ihr Zeiger zurück. Die Wäge­mechanik verkeilt sich, der Zeiger steckt fest und lässt sich nicht mehr lösen. Auf diese Weise fielen im Dauer­test schon nach kurzer Zeit drei Beurer-Waagen aus. Das test-Qualitäts­urteil lautet für sie daher mangelhaft.

Das Fazit nach wochen­langem Wiegen und Messen: 45 Jahre nach dem ersten Test von Personenwaagen erfassen die heutigen digitalen Modelle das Gewicht deutlich genauer als ihre mecha­nischen Vorgänger. Bei der Körperfett­analyse präsentieren sie aber teils fette Mess­fehler. Solange sie nur Fußelektroden und wenig zuver­lässige Umrechnungs­formeln nutzen, kann sich daran nichts ändern. So einfache Körper­analysewaagen taugen nur zum Wiegen.

Bei der Fett­angabe ist also auch weiterhin die Ausrede erlaubt: „Die Waage hat mich betrogen.“

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