Persönlichkeitstraining Meldung

Um einen Job zu ergattern oder gar aufzusteigen, ist mehr als Fachwissen gefragt. Doch geschickte Selbstvermarktung will gelernt sein. Findige Trainer wissen das und bieten oft überteuerte Kurse an.

Die Ingenieurin kauert am Boden und liest die Bruchstücke eines Modellflugzeugs auf. Oder besser: Sie tut so, als ob sie es täte – und zwar vor laufender Kamera. „Sehr gut, nur wenige Führungskräfte haben den Mut, sich klein zu machen. Das beweist Stärke“, urteilt der Persönlichkeitstrainer über die gestische Umsetzung ihres Vortrags. Seine Devise: Präsentation ist alles, Inhalt nichts. Der Kurs „Überzeugende Rhetorik und Körpersprache“ soll Führungskräften zeigen, wie sie „die Reaktionen Ihrer Mitarbeiter und Kunden bewusst in Richtung Begeisterung formen“, verspricht der Trainer des 685-Euro-Seminars auf seiner Homepage.

Ortswechsel. Weg vom topsanierten Tagungszentrum hin zum spartanischen Unterrichtsraum einer Volkshochschule. Dort versucht sich ein Speditionskaufmann an einer Stegreif-Rede zu den Begriffen „Luftballon“ und „Reisebus“. Die Kamera hält Gestik, Mimik und Haltung fest, damit die Teilnehmer sie später diskutieren können. Im „Rhetorik-Workshop – gewinnende Auftritte“ sollen auch einfache Angestellte lernen, „überzeugend aufzutreten und ihre Dialogpartner für sich zu gewinnen“, so ist der 56-Euro-Kurs im Volkshochschulverzeichnis beschrieben.

Zwei Persönlichkeitstrainings – gleicher Inhalt, ähnliche Methode, je 16 Stunden, offen für 12 Teilnehmer. Einziger Unterschied ist der Preis, so das Fazit unserer Testpersonen, die die Kurse inkognito besuchten. Die Erfolgsgeschichten windiger Motivationsgurus haben viele Trainer auf den Plan gerufen – mehr oder minder seriöse. Einige suggerieren mit Seminartiteln wie „I have a dream“, „Durch Persönlichkeit zum Erfolg“ oder „Karriere nicht dem Zufall überlassen“ weniger erfolgsverwöhnten Arbeitnehmern, dass sie binnen kürzester Zeit zum Supermann mutieren. Und das zu saftigen Preisen von bis zu 1 500 Euro und mehr für ein Wochenendseminar.

Laut Jürgen Graf, Verfasser der Studie „Weiterbildungsszene Deutschland 2003“ (Verlag Manager Seminare), bietet etwa jeder zweite der 30 000 bis 35 000 Weiterbildungsträger in Deutschland Persönlichkeitstrainings an. Diese sind längst nicht mehr den Topmanagern vorbehalten: „Seit Mitte der 80er Jahre hat sich dieser Bereich für Führungskräfte entwickelt, mittlerweile richten sich viele Angebote auch an ganz normale Angestellte“, sagt Graf. Dabei würden die Unternehmen die Kosten für Weiterbildung immer mehr auf den Einzelnen abwälzen.

Eigenwerbung statt Grenzerfahrung

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Nach Kursen zur Selbstpräsen­tation sind Konflikt­management und Gruppenprozesse das Thema Nummer zwei bei den Persön­lich­keits­trainings.

Konjunkturkrise, Stellenabbau, Arbeitskräfteschwemme – längst ist Fachwissen selbstverständlich und Arbeitgeber schauen verstärkt auf Zusatzqualifikationen. Liest man Stellenangebote, so ist von „sicherem Auftreten“ und „Überzeugungskraft“, von „Durchsetzungsvermögen“ und „Teamfähigkeit“ die Rede. Die schärfer gewordene Konkurrenz und auch Mobbing machen solche sozialen Kompetenzen im Berufsleben unerlässlich. Egal ob bei der Bewerbung, Bewährung oder Beförderung, wer sich heute nicht richtig „verkauft“, kann morgen schon auf der Strecke bleiben – und das gilt längst branchenübergreifend.

Auch die Trainerszene hat das erkannt und thematisch umgesattelt: Während in den 90er Jahren noch Kurse zur persönlichen Sinnfindung und Selbstverwirklichung – inklusive zweifelhafter Grenzerfahrungen wie Trekking mit Würmerschmaus oder der Lauf über heiße Kohlen – aus den USA hierher schwappten, werden heute überwiegend Selbst- und Konfliktmanagement angeboten. Aber was kann ein Crashkurs in Sachen Persönlichkeit überhaupt bewirken?

Volkshochschule versus Edelanbieter

Die Präsentation willkürlicher Texte zu Reisebussen und Luftballons erwies sich durchaus als hilfreich: „Neu für mich war, dass schon die Art, wie ich mich von meinem Platz erhebe und nach vorn gehe, zu einem überzeugenden Vortrag gehört“, so der Teilnehmer des 685-Euro-Kurses, der mit hängenden Schultern und besorgter Miene zum Rednerpult geschritten war. Auch der Volkshochschulbesucher hat dazugelernt: „Es macht nichts aus, wenn ich aus dem Konzept komme, weil der Zuhörer ja eh nicht weiß, was ich genau an dieser Stelle sagen wollte.“ In beiden Seminaren schloss sich den Vorträgen ein Verkaufsgespräch zu einem Thema aus dem Arbeitsbereich der Teilnehmer an. Während im kostspieligen Kurs hauptsächlich von der Firma entsandte Manager saßen und große Projekte wie das neue Medikament eines Pharmagiganten oder neuartige mikroelektronische Entwicklungsverfahren anpriesen, übten sich in der Volkshochschule eine Zahntechnikerin in der Beratung von Ärzten und Patienten oder ein Speditionskaufmann im Kundengespräch.

Dabei kritisierten unsere Tester an beiden Trainern, dass sie trotz der Vorgespräche zur Kursaufnahme nicht genug auf die Bedürfnisse der Teilnehmer eingingen. So nutzte der Journalistin im teuren Kurs das Verkaufsgespräch wenig. Sie wollte lernen, sich besser in Redaktionskonferenzen durchzusetzen. Und der arbeitslose Volkshochschulteilnehmer, der sich auf sein Bewerbungsgespräch vorbereiten wollte, fühlte sich mit der Stegreif-Rede vor laufender Kamera schlichtweg überfordert und blieb am nächsten Tag fern.

Rätsel bei Qualifikation und Preisen

Immerhin hatten wir es mit einem Diplom-Psychologen und -Pädagogen zu tun. Das muss nicht immer so sein, denn auf dem Markt tummeln sich viele selbst ernannte Trainer unter ungeschützten Berufsbezeichnungen wie „Unternehmensberater“, „Personalentwickler“ oder „Coach“. Auch die Informationspolitik lässt zu Wünschen übrig. Vorsicht ist bei den Preisangaben geboten: Oft fehlt die Mehrwertsteuer – immerhin 16 Prozent – und auch Verpflegung und Unterkunft sind selten inklusive.

Angesichts hoher Preise und schlechter Wirtschaftslage überlegen Unternehmen und Privatleute zweimal, ob sie Kurse buchen. Das bekommen die Anbieter zu spüren, die laut Jürgen Graf zu zwei Dritteln aus Freiberuflern oder Ein-Personen-GmbHs bestehen. Viele Kurse sind nicht ausgebucht oder fallen ganz aus. Die Folge: Einzeltrainer arbeiten für verschiedenste Anbieter und verkaufen dasselbe Training zu unterschiedlichen Preisen.

Erfolg für alle: Der große Bluff?

Der Preis lässt also keine Rückschlüsse auf die Qualität zu. Die 56 Euro für den Volkshochschulkurs schienen der Testperson durchaus angemessen für einen ersten Eindruck: „Der Einsatz der Kamera und die Rückmeldung von Teilnehmern und Trainer hat mir geholfen, meine Selbst- und Fremdeinschätzung abzugleichen. Dadurch habe ich mehr Sicherheit gewonnen.“ Auch der teurere Kurs „hat ein paar Tricks gezeigt, wie ich das Publikum bei Reden einbeziehen und für mich gewinnen kann“, sagt die zweite Testperson. Ihr Fazit aber lautet: „Etwas mager für fast 700 Euro. Als Privatperson hätte ich das nicht bezahlt.“ Auch konnten nicht alle angekündigten Seminarpunkte umgesetzt werden. Übungen gegen Lampenfieber kamen in der Volkshochschule zu kurz. Beim kommerziellen Kurs wurde die „bewusste Beeinflussung von Kunden und Mitarbeitern in Richtung Begeisterung“, zu knapp geübt.

Zeit ist der Knackpunkt: Nur wenige Kurse dauern länger als zwei Tage. Und schon das ist bei kommerziellen Anbietern sehr teuer. Die Volkshochschulen haben das Eigenprodukt „Personal Business Skills“ entwickelt, das aus zwölf Lernmodulen besteht und mit einer bundeseinheitlichen Prüfung abschließt. Aber egal wie viele Module: Selbstmarketing kann nur in Kombination mit Kompetenz funktionieren. Bloße Bluffer fallen früher oder später auf. Umgekehrt können Inhalte nur Wirkung zeigen, wenn sie gut präsentiert werden. Ein Workshop kann dafür nur einen ersten Anstoß geben. In zwei Tagen vom Versager zum Supermann – das schafft nur Hollywood.

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