Pauschal­reise Special

Flug verspätet? Oder kurz vor Reise­beginn die Flug­zeit verlegt? Das passiert Pauschal­reisenden oft. Doch sie müssen sich nicht alles bieten lassen.

So war das nicht geplant. Beim Rück­flug aus dem Urlaub auf Fuerteventura fand sich Andra Mechea im Flughafen von Gran Canaria wieder. Die Maschine hatte einen tech­nischen Defekt. Nach stunden­langem Warten war klar, dass der Weiterflug um 12.30 Uhr nicht starten würde. Die Fluggesell­schaft Germania ließ die Passagiere in ein Hotel bringen und Essen servieren.

Pauschal­reise Special

Flug­gäste haben bei langen Verspätungen einen Rechts­anspruch auf Gratis­versorgung (siehe Grafik). Zusätzlich können sie eine Entschädigung verlangen.

Pauschal­reisende haben zwei Möglich­keiten: Sie können eine Preis­minderung vom Veranstalter fordern, bei dem sie Flug, Hotel oder weitere Leistungen im Paket gebucht haben. Und sie können sich direkt an die Flug­linie wenden. Das bringt oft mehr Geld.

Nach der EU-Verordnung 261/2004/EG steht Flug­gästen eine Ausgleichs­zahlung zu: je nach Flug­strecke bis zu 600 Euro. Voraus­setzung für die Entschädigung sind mindestens drei Stunden Verspätung. Außerdem gibt es das Geld nur, wenn keine höhere Gewalt im Spiel war, etwa Schlecht­wetter oder ein Streik des Boden­personals.

Tech­nische Defekte gelten aber nicht als höhere Gewalt. Andra Mechea bekam drei Wochen nach ihrer Rück­kehr 400 Euro von Germania über­wiesen.

Urlauber können auch beide Wege gleich­zeitig gehen: die Ausgleichs­zahlung direkt von der Flug­linie verlangen und eine Preis­minderung vom Veranstalter fordern. Der Veranstalter darf aber die Zahlung der Flug­linie anrechnen.

Beispiel: Die Flug­linie hat Mechea 400 Euro über­wiesen, der Veranstalter hätte 100 Euro zahlen müssen. Die darf er anrechnen, muss also nichts zahlen. Die Kundin erhält nur 400 Euro. Weigert sich die Flug­linie jedoch, muss der Veranstalter 100 Euro über­weisen.

Preis­minderung vom Veranstalter

Pauschal­reise Special

400 Euro Ausgleichs­zahlung bekam Andra Mechea von der Fluggesell­schaft Germania zurück. Ihr Rück­flug von einer Pauschal­reise nach Fuerteventura kam erst mit 14 Stunden Verspätung in Deutsch­land an.

Die Preis­minderung vom Veranstalter hängt von der Dauer der Verspätung ab. Bisher verlangten Gerichte meist mindestens vier Stunden. „Aber nachdem der Europäische Gerichts­hof drei Stunden für die EU-Verordnung als Grenze gezogen hat, schwenken Gerichte zunehmend auf diese Linie ein“, erläutert Professor Hans-Josef Vogel von der Fach­hoch­schule Bad Honnef. Für jede weitere ange­fangene Stunde stehen Reisenden 5 Prozent des Tages­preises zu (Amts­gericht Duisburg, Az. 71 C 1784/12).

Beispiel: Eine sieben­tägige Reise kostet 700 Euro, also 100 Euro pro Tag. Bei einer Verspätung von sechs­einhalb Stunden muss der Veranstalter ab der vierten Stunde 5 Prozent erstatten, insgesamt 20 Prozent des Tages­preises. Das macht 20 Euro.

Das Beispiel zeigt: Die Zahlung der Flug­linie ist lukrativer. Doch Fluggesell­schaften stellen sich oft stur.

Flug­zeit verlegt

Ähnlich ärgerlich wie Verspätungen sind Verlegungen der Flug­zeit. Oft bekommen Urlauber Wochen vor Reise­beginn einen Brief vom Veranstalter: „Der Abflug wird verschoben, Start ist um 20 Uhr, nicht um 11 Uhr.“ Dann ist die Ankunft mitten in der Nacht. Das nervt doppelt, wenn Urlauber extra „zivile“ Flug­zeiten gebucht haben.

In solchen Fällen können Kunden meist keine Ausgleichs­zahlung nach EU-Verordnung verlangen. Denn wenn sie mindestens 14 Tage vor Reise­beginn informiert wurden, gehen sie leer aus.

Dann bleibt ihnen nur, eine Preis­minderung vom Reise­ver­anstalter zu fordern oder ganz vom Reise­vertrag zurück­zutreten. Häufig geht jedoch weder das eine noch das andere. Denn Gerichte finden Flug­verlegungen grund­sätzlich okay. „Änderungen entsprechen dem Wesen des Charter­flug­verkehrs“, erklärte das Amts­gericht Düssel­dorf. Kunden müssten stets damit rechnen (Az. 232 C 8790/08). Sie müssen die Verlegung aber nur hinnehmen, wenn zwei Voraus­setzungen erfüllt sind:

  • Der Veranstalter muss sich Änderungen vorbehalten haben. Meist tut er das mit einer Klausel im Reisekatalog.
  • Die Flug­verlegung muss zumut­bar sein.

Hält der Veranstalter die beiden Bedingungen nicht ein, ist eine Preis­minderung drin.

Manchmal ist schon die Klausel nicht in Ordnung. Lautet sie: „Flug­zeiten unver­bindlich“, ist sie unwirk­sam. Denn sonst dürfte ein Veranstalter den Flug schon verlegen, wenn er damit Kosten sparen kann. Das darf er aber nicht, er muss einen triftigen Grund haben (Kammerge­richt Berlin, Az. 23 U 47/12).

Viel Streit gibt es um die Frage, ob eine Flug­verlegung zumut­bar ist. Da urteilen Richter in den meisten Fällen kurz und bündig: Ankunfts­tag und Rück­reisetag sind nicht Urlaub, sondern für An- und Abreise da – auch wenn jemand schon für den ersten Tag einen Mietwagen gebucht hatte. Startet der Hinflug erst um 16.50 Uhr statt um 6.25 Uhr, ist das in Ordnung, sagt das Amts­gericht Hannover (Az. 555 C 10563/02).

Ankunft spät nachts

Möglich ist eine Preis­minderung aber, wenn Urlauber erst weit nach Mitter­nacht eintreffen und die Nacht­ruhe verkürzt wird.

Recht bekam zum Beispiel ein Kunde, dessen Rück­flug nicht um 12.30 Uhr startete, sondern um 20.10 Uhr. Er kam erst um 1.10 Uhr in Frank­furt am Main an (Land­gericht Hannover, Az. 9 S 20/06). Auch diese Urlauber setzten sich durch: Ihre Ankunft wurde auf 1 Uhr verlegt, obwohl am Morgen um 9 Uhr eine Busrund­reise begann (Land­gericht Koblenz, Az. 12 S 164/03).

Manche Richter gehen aber offen­bar spät zu Bett: Das Amts­gericht Duisburg fand eine auf 1 Uhr verlegte Ankunft okay (Az. 53 C 5163/04). Das Amts­gericht Hamburg störte sich nicht daran, dass ein Flugzeug erst um 1.45 Uhr statt 23.55 Uhr landete. Bei einer Stunde Fahrt zum Hotel sei die Nacht ohnehin verkürzt gewesen (Az. 318c C 128/00).

Andere Gerichte sind groß­zügiger und denken nicht nur an die Nacht­ruhe. Das Amts­gericht Hannover sprach einem Urlauber 50 Prozent des Tages­preises zu, weil sein Rück­flug von 17.35 Uhr auf 7.30 Uhr vorverlegt wurde (Az. 519 C 7511/08). Zehn Stunden früher seien zu viel. Das Amts­gericht Ludwigs­burg gab einem Kunden recht, der auf zwei Tauchgänge verzichten musste, weil sein Rück­flug um 7.30 Uhr statt um 18.20 Uhr startete (Az. 10 C 1621/08).

Weitere Fälle und Beispiel­urteile stehen in der Kemptener Reise­recht­stabelle unter www.reiserecht-fuehrich.de, ebenso unter www.adac.de, Suche „Reisemängel Tabelle“.

Kunden auf Kurz­reisen können Ansprüche leichter durch­setzen: Ein Urlauber erhielt 25 Prozent des Reise­preises zurück. Der Rück­flug seiner Vier-Tage-Reise startete um 9.30 Uhr statt um 20.25 Uhr (Amts­gericht Hamburg, Az. 22b C 672/96).

Unzu­mutbar ist nicht erheblich

Liegt ein erheblicher Mangel vor, dürfen Urlauber stornieren und den Preis zurück­verlangen. Doch nicht alles, was unzu­mutbar ist, ist auch erheblich. Meist halten Gerichte die Kündigung erst für berechtigt, wenn eine Preis­minderung von 20 Prozent drin wäre. Andere legen die Grenze noch höher.

In krassen Fällen dürfen Urlauber die Sache sogar selbst in die Hand nehmen. Der Bundes­gerichts­hof gab einer Frau recht, deren Rück­flug so vorverlegt wurde, dass sie um 1.25 Uhr am Hotel abge­holt werden sollte. Sie suchte sich selber einen Rück­flug für 14 Uhr. Die Kosten muss der Veranstalter tragen (Az. X ZR 76/11).

Die Selbst­hilfe ist aber riskant. Urlauber gehen dabei finanziell in Vorleistung. Ob sie später ihr Geld zurück­erhalten, hängt von vielen Voraus­setzungen ab. „Das Prozess­risiko ist groß“, warnt Professor Vogel.

Der Bundes­gerichts­hof ließ einen Urlauber abblitzen, der nach sechs Stunden Zwischen­stopp in Amsterdam einen Flug zurück nach Düssel­dorf genommen hatte. Nur weil er einen oder zwei Tage zu spät ange­kommen wäre, hätte er nicht die 14-Tage-Reise kündigen dürfen (Az. X ZR 37/08).

Sofort beschweren

Wer Preis­minderung vom Veranstalter will, muss sich schnell beim Veranstalter oder Reiseleiter beschweren. Das kann er persönlich am Flughafen tun oder am Telefon, besser sind E-Mail oder Fax, noch besser ein Einschreiben. Zurück zuhause kommt der nächste Schritt. Spätestens einen Monat nach Ende der Reise muss der Rück­kehrer seine Forderung anmelden, am besten per Einschreiben.

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