Interview: Über Leben und Tod

Patienten­verfügung Special

Gerald Neitzke ist Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees der Medizi­nischen Hoch­schule Hannover. Das Komitee hilft Ärzten, Pflegenden und Angehörigen bei schweren Entscheidungen.

Über Leben oder Tod eines Patienten zu entscheiden, gehört zu den schwierigsten Aufgaben für Ärzte. Wie sieht diese Entscheidung im Klinikall­tag konkret aus?

Neitzke: Jede Entscheidung besteht aus zwei Schritten. Der erste ist, das optimale Behand­lungs­angebot zu bestimmen. Hierfür sind ausschließ­lich die Ärzte verantwort­lich. Bevor sie dieses dann aber umsetzen dürfen, müssen Ärzte in einem zweiten Schritt heraus­finden, ob der Patient der Behand­lung zustimmt.

Wie gehen Ärzte vor, wenn Patienten nicht mehr in der Lage sind, ihren Willen zu äußern?

Neitzke: Gibt es eine Patienten­verfügung, sind sie verpflichtet, diese als Patientenwillen umzu­setzen. Liegt keine Patienten­verfügung vor oder passt sie nicht auf die konkrete Situation, müssen die individuellen Behand­lungs­wünsche ermittelt werden. Dies ist die gesetzliche Pflicht von juristischen Stell­vertretern, also einem Bevoll­mächtigten oder Betreuer. Dabei werden sie von Angehörigen und dem Behand­lungs­team unterstützt.

Hat der Patient sich zum Beispiel gegen­über dem Ehepartner für oder gegen lebens­verlängernde Maßnahmen in bestimmten Situationen ausgesprochen, kommt dies einer mündlichen Patienten­verfügung gleich. Dies wird vom Bevoll­mächtigten oder Betreuer als Patientenwille zur Geltung gebracht.

Und wenn sich der Patient nie zu diesem Thema geäußert hat?

Neitzke: Dann geht es darum, den mutmaß­lichen Patientenwillen heraus­zufinden. Es geht um Fragen wie: Welche Einstellung hat er zum Leben? War er bisher medizi­nischen Maßnahmen gegen­über aufgeschlossen oder nicht? Wie war sein Lebens­wille? Wäre er bereit, für ein Leben mit erheblicher Pflegebedürftig­keit zu kämpfen? Spielen religiöse Über­zeugungen eine wichtige Rolle?

Wann werden Sie mit dem Ethik-Komitee hinzugezogen?

Neitzke: Nur, wenn wir bei Entscheidungs­konflikten oder zur Abmil­derung von Gewissens­belastungen benötigt werden. Wenn etwa der Ehepartner sich für lebens­erhaltende Maßnahmen ausspricht, der Sohn aber sagt, der Patient hätte ihm gegen­über immer den Wunsch geäußert, nicht künst­lich am Leben erhalten zu werden.

Wie vermitteln Sie dann?

Neitzke: Wir versuchen, zusammen mit dem Behand­lungs­team, dem juristischen Stell­vertreter und Familien­angehörigen heraus­zufinden, welche Informationen es zum Patientenwillen gibt und welche Aussagen verläss­lich sind. Die Unterscheidung zwischen Eigen­interessen und Patientenwillen ist für Angehörige oft schwierig. Sie brauchen manchmal Hilfe, hier zu differenzieren.

Für das Behand­lungs­team ist es jedoch essenziell, dass die Ablehnung einer medizi­nisch gebotenen lebens­erhaltenden Behand­lung trans­parent und verbindlich begründet wird.

In den Vereinigten Staaten müssen alle größeren Krankenhäuser ein Ethik-Komitee haben. Wie sieht es in deutschen Krankenhäusern aus?

Neitzke: Wie viele Krankenhäuser in Deutsch­land bereits Ethik-Gremien haben, ist nicht erfasst. Nach vorsichtigen Schät­zungen etwa jede dritte bis vierte Klinik. Verglichen mit den Vereinigten Staaten steckt die klinische Ethikberatung in Deutsch­land noch in den Kinder­schuhen.

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