Patientenverfügung Meldung

Das Verfassen einer Patientenverfügung ist eine Auseinander­setzung mit dem eigenen Leben. Die Hausärztin hilft bei diesem Schritt.

Jeder kann selbst bestimmen, was geschehen soll, wenn ihn einmal nur noch Apparate vor dem nahen Tod bewahren. Der Arzt muss dem Willen folgen.

„Mein Mann und ich sind Hobbyflieger und wir fliegen oft gemeinsam.“ Für Angela Schmidt* gab das den Anstoß, eine Vorsorgevollmacht und eine Patienten­verfügung abzufassen.

Mit der Vollmacht haben sich die 68-jährige Frau und ihr Mann gegenseitig in die Lage versetzt, Entscheidungen für den anderen zu treffen, wenn dieser aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit nicht mehr selbst entscheiden kann. Sind beide dazu nicht mehr in der Lage, sollen es die Töchter für sie tun.

In der Patientenverfügung hat das Paar ­seine Vorgaben für den Arzt formuliert. „Wir haben geregelt, dass wir bei tödlichen Erkrankungen im Endstadium oder bei schweren, irreversiblen Hirnschädigungen keine Maßnahmen wie Dialyse, Beatmung oder künstliche Ernährung wollen.“

Angela Schmidt und ihr Mann sind zwei von schätzungsweise acht Millionen Menschen, die sich über solch schlimme Situationen vorab Gedanken gemacht und sie für die Ärzte aufgeschrieben haben. Die beiden verlangen zum Beispiel auch, dass sie in einer aussichtslosen Situation Linderung von Schmerzen, Angst oder Atemnot bekommen, selbst wenn dies ihre Lebenserwartung verkürzt.

Verbindlich bei nahem Tod

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Ärzte müssen Verfügungen, wie sie das Ludwigsburger Paar geschrieben hat, folgen. Das steht seit dem Jahr 2003 fest.

Damals entschied der Bundesgerichtshof über das Schicksal eines hirngeschädigten Mannes. Der Patient wurde über eine Magensonde ernährt, obwohl er in seiner ­Verfügung geschrieben hatte, dass er im Fall schwerer Hirnschäden so nicht am ­Leben erhalten werden wollte. Den Ärzten war die Situation zu heikel und sie bestanden auf einer rechtlichen Klärung.

Der BGH hat die Frage geklärt, obwohl der Mann während des Verfahrens starb: „Ist ein Patient einwilligungsunfähig und hat sein Grundleiden einen irreversiblen, tödlichen Verlauf angenommen, so müssen lebenserhaltende Maßnahmen unterbleiben, wenn dies seinem zuvor geäußerten Willen entspricht“ (Az. XII ZB 2/03).

Damit erklärten die Richter die Verfügung für verbindlich, schränkten ihre Wirkung aber ein: Nur wenn der Tod ­bereits sicher naht, sei der Arzt an eine Vorgabe gebunden, mit der ein Patient seine Lebenszeit verkürzen will.

Der Gesetzgeber arbeitet an einer Regelung zur Patientenverfügung. Doch das Verfahren stockt, denn die Einschränkung durch die obersten Richter ist umstritten. Warum soll ein Mensch nicht vorab ­regeln dürfen, dass medizinische Maßnahmen schon dann unterbleiben, wenn der Tod noch nicht nahe ist?

Schließlich dürfen Patienten, die ihren Willen noch äußern können, sehr wohl entscheiden, dass eine Behandlung unterbleibt, auch wenn sie dann sterben. Sie können sich sogar für schmerzlindernde Therapien entscheiden, deren Nebenwirkungen zum Tode führen, und damit eine indirekte Sterbehilfe fordern.

Solange der Streit nicht entschieden ist, kann es sein, dass Ärzte in Fällen von langandauerndem Wachkoma oder Demenz einer Verfügung nicht folgen, in der ihr ­Patient einen Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen gefordert hat.

Keine halbherzigen Verfügungen

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In der Patientenverfügung steht, was Ärzte tun sollen. Mit der Vorsorgeverfügung stellt der Verfasser sicher, dass eine Vertrauensperson diesen Willen auch durchsetzen kann.

Ist der Patient ein Notfall, wird der Arzt ihn zunächst immer medizinisch versorgen, ehe er auf die Suche nach einer Verfügung geht. „Wenn eine Reanimation nötig ist, wird immer erst einmal reanimiert“, berichtet Dr. Florian Hentschel.

Der Berliner Facharzt für Allgemeinmedizin ist Notarzt und hat mitunter Probleme mit den Verfügungen seiner Patienten. „Manchmal merkt man ihnen an, dass sich der Patient nicht mit den Möglichkeiten der Medizin vertraut gemacht hat, oder er hat einfach nur sehr allgemein formuliert, dass er in Würde sterben möchte.“ Damit können Mediziner wenig anfangen.

Die Vorgaben des Patienten helfen ihnen auch dann nicht, wenn darin Grund­legendes durcheinandergeraten ist und sie den Verdacht haben müssen, dass der ­Patient die Begriffe „Koma“ und „Hirntod“ verwechselt hat. „Der Unterschied könnte größer nicht sein. Es ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.“

Wer sich zu einer Patientenverfügung entschlossen hat, sollte sich also dafür Zeit nehmen. An erster Stelle steht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den Vorstellungen vom Lebensende – ganz ohne Vordrucke.

Ein flott ausgefülltes Formular stiftet meist mehr Verwirrung, als es nutzt. Ärzte sind ratlos, wenn ihr Patient „ärztlichen Beistand unter Ausschöpfung der angemessenen Möglichkeiten“ wünscht, „solange realistische Aussicht auf Erhaltung eines erträglichen Lebens besteht“.

Woher soll der Arzt wissen, wann für den Patienten eine Aussicht „realistisch“, wann das Leben „erträglich“ ist? Was hält er für „angemessenene“ Möglichkeiten?

Professor Christof Müller-Busch vom Berliner Krankenhaus Havelhöhe kennt die Nöte derjenigen, die eine Verfügung aufsetzen wollen. „Seinen Willen zu artikulieren für eine Situation, in der man noch nicht war und die man sich nicht vorstellen kann, ist schwer.“

Der Mediziner, der sich vorrangig um sterbende Patienten kümmert, rät daher, in der Patientenverfügung zunächst die eigenen Wertvorstellungen und die eigene Einstellung zu Schmerz und zum Leben zu ­notieren. „Daraus lässt sich der Wille eines Patienten oft viel klarer ablesen als aus abgeschriebenen Klauseln.“

Zudem sollte sich jeder beim Abfassen einer Verfügung von einem Arzt beraten lassen. „Wer darin auf konkrete Maßnahmen wie etwa die Magensonde eingehen will, sollte das konsequenterweise dann auch detailliert tun und nach verschiedenen Situationen wie Demenz, Bewusstlosigkeit oder dem sogenannten Wachkoma differenzieren.“

Helfen kann dabei meist bereits der Hausarzt, der über die Möglichkeiten der Intensivmedizin und verschiedene Krankheitsverläufe berichten kann. Viele Ärzte stehen ihren Patienten für solch ein Gespräch ohne Honorar oder zumindest zu geringen Kosten zur Verfügung.

Die Krankenversicherungen bezahlen für diese Beratung nicht. Angela Schmidt hat sich deshalb Rat bei einer Ärztin aus der Verwandtschaft geholt. „Es war schwierig, sich mit möglichem Leid und dem eigenen Tod zu befassen. Doch jetzt fühle ich mich sehr erleichtert, die Sache geregelt zu haben.“

Vorsorgevollmacht für Angehörige

Für Patientenverfügungen ist keine Form vorgeschrieben. Doch es ist sinnvoll, sie schriftlich abzufassen und zu unterschreiben. Der Verfasser sollte darin darauf hinweisen, dass er sich eingehend informiert hat. Stempel und Unterschrift eines Arztes oder eines Anwalts, der ihn beraten hat, bekräftigen die Ernsthaftigkeit der Verfügung.

Im Laufe ihres Lebens ändern Menschen allerdings ihre Wertvorstellungen. Deshalb sollten sie ihre Verfügung immer wieder einmal lesen und aktualisieren.

Ärzte trauen alten Verfügungen nicht gerne über den Weg. Was ein Patient vor 30 Jahren aufgeschrieben hat, ist für Dr. ­Florian Hentschel kaum von Bedeutung. „Auch solch eine Verfügung muss ich zwar als verbindlich ansehen. Doch letztlich verlasse ich mich nur darauf, wenn Gespräche mit Angehörigen zeigen, dass der ­Patient auch heute so denkt, wie er damals formulierte.“

Da Angehörige dem Arzt nur beim Ergründen des Patientenwillens helfen, aber keine Anweisungen geben dürfen, rät ­Professor Christof Müller-Busch, eine ­Patientenverfügung immer mit einer Vorsorgevollmacht zu verbinden, wie es die Ludwigsburger Hobbyflieger getan haben.

Mit so einer Vollmacht kann der Verfügende eine oder mehrere Vertrauens­personen ermächtigen, seinem Willen bei Ärzten oder Pflegeeinrichtungen Anerkennung zu verschaffen. Hat er das nicht ­getan, bestellt das Vormundschaftsgericht nach eigenem Ermessen einen Betreuer.

Regeln lässt sich mit einer Vollmacht fast alles. Neben Gesundheits­angelegenheiten kann der Verfasser darin auch festlegen, wer ihn in Vermögensangelegenheiten vertritt, den Mietvertrag kündigt, den Haushalt auflöst oder Bankgeschäfte erledigt.

Ist der Bevollmächtigte mit dem Arzt über den Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen uneinig, prüft das Vormundschaftsgericht, ob die Entscheidung von der Vollmacht gedeckt ist.

Häufig kommen Arzt und Bevollmächtigter aber gemeinsam zu einer Entscheidung. „Zwar taugen Verfügungen selten als endgültige Handlungsanweisungen für ­alle Fälle“, sagt Prof. Christof Müller-Busch. „Dafür sind sie oft nicht genau genug. Doch die Wertvorstellungen, die sich aus einer Verfügung herauslesen lassen, ermöglichen oft die willensorientierte Entscheidung.“ Der Mediziner betrachtet die Verfügungen vor allem als verpflichtende Anweisung, den Willen im Dialog mit dem Bevollmächtigten zu ergründen.

Die Verfügung muss zu finden sein

Damit Ärzte von einer Patientenverfügung erfahren, gehört ein Kärtchen mit einem Hinweis auf den Aufbewahrungsort der Originalverfügung in die Brieftasche.

Angela Schmidt hat Vollmacht und Verfügung zuhause bei den wichtigen Unter­lagen aufbewahrt, ein Zettelchen ins Portmonee gesteckt und ihre Kinder darüber informiert. „Damit bin ich sicher, dass mein Wille berücksichtigt wird.“

Doch nicht für alle Menschen ist das die beste Lösung. Alleinstehende laufen Gefahr, dass ihre Verfügung unberücksichtigt bleibt, weil niemand zeitig genug in die Wohnung gelangt.

Sie hinterlegen ihre Verfügung am besten bei einer zentralen Einrichtung. Zuvor sollten sie sich dort aber genau schildern lassen, wie die Einrichtung die Verfügung aufbewahrt und wie sie diese im Notfall übermittelt, wenn ein Arzt nachfragt. Zudem unterscheiden sich die Angebote im Preis und im Leistungsspektrum.

Die unten aufgeführte Bundesnotarkammer bewahrt zum Beispiel keine Patientenverfügungen auf, wohl aber Hinweise auf Vorsorge- und Betreuungsverfügungen. Adressat des Registers ist nicht wie bei anderen Anbietern der Arzt, sondern das Vormundschaftsgericht. Dessen Richter fragen das Register ab, wenn ein Mensch einen Betreuer benötigt und unklar ist, ob er bereits einen bestimmt hat. Die Patientenverfügung für den Arzt muss an einem anderen Ort hinterlegt werden.

Ebenfalls eine Sonderstellung hat die Deutsche Verfügungszentrale. Finanztest hat sie in der Vergangenheit wegen ­ihrer Werbemethoden kritisiert. Die Tatsache, dass manche Ärzte und Krankenhäuser der Verfügungszentrale kritisch gegenüberstehen, hatte die Firma ihren Kunden verschwiegen. Zudem hat die Wettbewerbszentrale die Firma wegen unlauterer Werbung für Organspendeverfügungen kritisiert. Das Landgericht Dresden hat der Firma diese Methoden untersagt (Az. 44 O 0356/05, nicht rechtskräftig).

Inzwischen klären die Betreiber ihre Kunden besser über den Nutzen des Registers auf. Wir haben auch keinen Grund ­daran zu zweifeln, dass sie Verfügungen ­ordentlich registrieren und Ärzte vernünftig informieren, die dort anfragen. Deshalb führen wir den Anbieter auf.

* Name von der Redaktion geändert.

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