Patientenverfügung Meldung

Nur wer schon als Gesunder vorsorgt, wird bei späterer Hilflosigkeit wunschgemäß behandelt.

Menschen, die ein gesegnetes Alter in guter Verfassung erreichen, können in Ruhe bedenken und aufschreiben, wie sie sich die letzten Stunden ihres Lebens vorstellen und vor allem wie nicht. Doch wer jung ist, denkt ungern ans Sterben.

Ein Verkehrsunfall oder ein Schlaganfall können es überraschend unmöglich machen, den Bewusstlosen nach seinen Behandlungswünschen zu fragen. Will er eventuell auch über Jahre künstlich am Leben erhalten werden oder lieber zu Hause sterben? Würde er auch eine Schmerzbehandlung akzeptieren, die das Leben verkürzt? Was hält der Kranke von der möglichen Organverpflanzung?

Patientenverfügung hilft

Patientenverfügung Meldung

Wer diese Fragen ignoriert, überlässt die Antworten Unbekannten. Denn wenn ein Patient mit lebensbedrohenden Erkrankungen ins Krankenhaus kommt, entscheidet der Intensivmediziner, was für den Bewusstlosen gut und richtig ist. Reicht die Zeit, wird das Vormundschaftsgericht eingeschaltet, das selbst Eilmaßnahmen wie eine riskante Operation anordnet oder einen Betreuer bestellt, der für den Hilflosen entscheidet.

Da ärztliche Eingriffe nur erlaubt sind, wenn der Behandelte ihnen zustimmt, müssen in all diesen Fällen Außenstehende mutmaßen, wie der Kranke in diesem Moment entschieden hätte. Ärzte folgen dann meist dem Grundsatz "in dubio pro vita", im Zweifel für das Leben. Das heißt: weiterbehandeln. Diese Regel ist Ausdruck des beruflichen Selbstverständnisses, Leben zu retten und nicht zu beenden. Außerdem fürchten viele Mediziner, als "Todesengel" in die Schlagzeilen oder vor Gericht gezerrt zu werden.

Was der behandelnde Arzt für richtig hält, muss dem Betroffenen aber noch lange nicht passen. Für viele ist es eher eine Horrorvorstellung, vielleicht monatelang der "Apparatemedizin" ausgeliefert zu sein. Wer sicher gehen will, dass die Mediziner in seinem Sinn handeln, sollte bereits in guten Zeiten eine Patientenverfügung verfassen, die Vorkehrungen für Notsituationen enthält.

Die Bundesärztekammer gibt "Handreichungen" heraus, die Ärzten Hilfestellung bei der Beratung zu Patientenverfügungen geben und den Umgang mit vorgelegten Verfügungen erleichtern soll. Demnach sollte eine Patientenverfügung Anweisungen für die Sterbephase enthalten, für nicht aufhaltbare schwere Leiden und für den Fall, dass sich der Patient dauerhaft nicht mehr verständlich machen kann. Gefragt sind außerdem die Ansichten zur Notwendigkeit andauernder schwerer Eingriffe wie künstlicher Beatmung und Ernährung, Dialyse und Organersatz. Der Patient soll vorab Antworten auf die späteren Fragen des Arztes geben, wann welche Maßnahmen einzuleiten sind, in welchem Umfang behandelt werden und ab wann der Mediziner seine Bemühungen besser abbrechen soll.

Selber formulieren

Ärzte befolgen nicht blind jede Patientenverfügung, die ihnen vorgelegt wird. Zwar soll an sich der schriftlich geäußerte Wille des Patienten befolgt werden. Doch der Arzt kann für den Behandelten auch anders entscheiden. Das gilt insbesondere, wenn die Verfügung Lücken hat oder sonst erkennen lässt, dass sich der Verfasser nicht ernsthaft mit den geregelten Fragen befasst hat.

Deshalb kann es insbesondere bei den vielfach angebotenen Formularen zu Problemen kommen, auf denen man lediglich seine persönlichen Daten einträgt und bei den verschiedenen Behandlungsvarianten Kreuzchen macht. Für Professor Dr. Christoph Student sind solche Vordrucke "bisweilen kaum das Papier wert, auf dem sie stehen". Der Arzt behandelt als Leiter des Hospiz Stuttgart überwiegend unheilbar Kranke. Student rät, die Patientenverfügung lieber ganz individuell niederzuschreiben.

Für eine Regelung in eigenen Worten spricht auch ein Urteil des Bundesgerichtshofs (Az. 1 StR 357/94). Ob lebenserhaltende Maßnahmen bei nicht mehr entscheidungsfähigen Patienten abgebrochen werden dürfen, ist für die Richter nämlich auch von den religiösen Überzeugungen und sonstigen persönlichen Wertvorstellungen abhängig. Die gehen aus vielen Formularverfügungen zum Ankreuzen aber nicht hervor.

Auch die Handreichung der Bundesärztekammer empfiehlt, neben konkreten Anweisungen zu den einzelnen ärztlichen Maßnahmen ebenso allgemeine Gedanken zum Leben und Sterben niederzuschreiben. So falle es später leichter, die vermutliche Einstellung des Patienten zu nicht bedachten Behandlungsfragen zu ermitteln.

Hilfe beim Verfassen der Patientenverfügung bieten der Hausarzt, die Verbraucherzentralen, Anwälte, Notare und die erhältlichen Ratgeber. Damit jeder die für sich passenden Formulierungen findet, empfiehlt der Medizinrechtler Professor Dr. Jochen Taupitz, in Ruhe mehrere der vielen Musterverfügungen durchzulesen. Jeder fände dann schnell heraus, was für ihn richtig ist. Beim Aufschreiben sei dann neben einer individuellen Form wichtig, möglichst viele denk-bare Behandlungsalternativen anzusprechen.

Vertreter bestimmen

Man kann nicht alle Eventualitäten vorab regeln. Deshalb sollte jeder einen oder mehrere Menschen auswählen, die für ihn entscheiden, wenn er dazu selbst nicht mehr in der Lage ist und seine Patientenverfügung keine klare Auskunft gibt. Vertreter können etwa die Tochter, die Freundin oder der Ehepartner sein.

Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum ist es nicht so, dass Ehegatten einander automatisch gegenüber Ärzten oder beim Vormundschaftsgericht vertreten können. Stellt sich zum Beispiel die Frage, ob die künstliche Beatmung fortgesetzt werden soll, ist die Ansicht des Ehepartners dazu nur ein Gesichtspunkt, der in die Entscheidung des Gerichts oder Arztes mit einfließt.

Ehefrau und sonstige Vertraute entscheiden jedoch dann allein, wenn sie eine Vollmacht vorweisen können. Mit einer Vorsorgevollmacht können die Genannten ermächtigt werden, nur in Fragen der Heilbehandlung für den Kranken zu entscheiden. Gerade unter Ehepartnern ist es jedoch vernünftig, mit einer weitergehenden Generalvollmacht vor allem auch die Vertretung in finanziellen Dingen zu ermöglichen.

Medizinrechtler Taupitz rät, beim Verfassen einer Vorsorgevollmacht den Paragraph 1904 des Bürgerlichen Gesetzbuchs zu beachten. Demnach muss in der Vollmacht ausdrücklich stehen, ob der Vertraute auch in Maßnahmen einwilligen darf, durch die der Patient eventuell sterben oder schwere Gesundheitsschäden erleiden kann. Ansonsten sei die Vollmacht gerade für die wichtige Frage von Leben und Tod wertlos.

Bevor man Bevollmächtigte zu Fürsprechern in derart extremen Krisensituationen macht, sollte man sie aber darauf ansprechen. Es empfiehlt sich, ihnen zugleich ein Exemplar der Patientenverfügung zu übergeben und diese zu diskutieren. Dann kann der Vertreter einzelne Formulierungen später besser interpretieren und verstehen.

Betreuer aussuchen

Der Vertreter der Wahl kann für den hilflosen Patienten entscheiden, wenn er eine gültige Vollmacht vorlegt. Gibt es jedoch keine Vollmacht oder ist die Vollmacht auf bestimmte Angelegenheiten beschränkt, dann bestimmt das Vormundschaftsgericht einen Betreuer, der die Lücke bei der Vertretung der Patienteninteressen schließt.

Wer nicht für alle Angelegenheiten eine Vollmacht erteilen will, weil sie ihm zu machtvoll erscheint oder wer in der Familie niemanden als Bevollmächtigten hat, kann dem Gericht per so genannter Betreuungsverfügung einen Betreuer vorschlagen. Meist folgen die Richter diesem Wunsch. Ein Betreuer hat weniger Macht als ein Bevollmächtigter. Denn das Vormundschaftsgericht überwacht die Einhaltung der Betreuungsverfügung. Dass es diese Kontrolle bei der normalen Vorsorgevollmacht nicht gibt, kann für manche ein Grund sein, von vornherein ausschließlich auf die Betreuungsverfügung zu setzen.

Eine Betreuungsverfügung empfiehlt sich aber selbst bei Vorliegen einer Vorsorgevollmacht. Denn es kann sein, dass die Vollmacht etwa aus Formgründen nicht anerkannt wird. Ist dann der in der Vorsorgevollmacht genannte Freund auch als Wunschbetreuer eingesetzt, entscheidet er in jedem Fall die ungeklärten Fragen.

In der Betreuungsverfügung kann man auch im Einzelnen regeln, worauf der Betreuer achten soll. Zum Beispiel, dass er dem Patenkind jeweils zum Geburtstag 100 Mark schenken soll. Wer ein hübsches Heim im Grünen kennt, kann auch bestimmen, als Pflegefall dort eingeliefert zu werden.

Umdenken erlaubt

Die drei beschriebenen Verfügungen kann man jeweils einzeln niederschreiben oder zusammenfassen. Alle genannten Personen sollten darin mit Adresse und am besten auch Telefonnummer aufgeführt werden, um so im Notfall die schnelle Erreichbarkeit zu garantieren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Patientenverfügung später gefolgt wird, hängt von vielen Faktoren ab. Sie steigt zum Beispiel, wenn der Hausarzt die medizinische Beratung zu den einzelnen Punkten mit seiner Unterschrift bestätigt. Die Ernsthaftigkeit der Erklärung unterstreichen auch Stempel und Unterschrift eines Notars. Die notarielle Beglaubigung ist allerdings nicht zwingend erforderlich.

Besonders wichtig ist die Aktualität der Verfügung. Je länger es her ist, dass der Patient seine Wünsche niedergeschrieben hat, umso eher bekommt der Arzt Zweifel daran. Denn viele Menschen ändern im Laufe ihres Lebens ihre Meinung zum Leben und Sterben. Deshalb sollte man alle ein bis zwei Jahre einen kritischen Blick auf die Verfügung werfen. Wer seine Meinung ändert, kann die alten Erklärungen einfach durch neue ersetzen oder ergänzen. Exemplare der überholten Verfügungen, die bei anderen liegen, sollte man sich zurückgeben lassen.

Ist eine Verfügung jüngeren Datums, beantwortet sie die wichtigen Fragen und zeigt sie, dass sich der Verfasser ernsthafte Gedanken gemacht hat, wird sich kein Arzt darüber hinwegsetzen. Dann entscheidet man selbst über sein Schicksal, auch wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann.

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