Patientenverfügung Meldung

Jahrelang künstlich am Leben gehalten zu werden, macht vielen Menschen Angst. Mit einer Patientenverfügung wollen sie vorsorgen. Das ist nicht ganz einfach.

An Schläuche gefesselt, künstlich ernährt, maschinell be­at­met, unfä­hig zu jeder Regung: Das Sterben der 82-jährigen Ilse Bröker* zog sich monatelang hin. „Schaltet mich ab, falls mir das je passiert“, hatte sie ihrem Sohn so oft gesagt. Doch das kam für die Ärzte nicht infrage. Denn was die Kranke wirklich wollte, konnte niemand wissen. Die Aussage des Sohnes reichte ihnen nicht.

Eine Patientenverfügung hätte helfen können. Darin hätte die Rentnerin festlegen können, was mit ihr geschehen soll. Mittlerweile, so schätzt die Hospiz-Stiftung, sterben rund 80 Prozent der Menschen im Krankenhaus oder Pflegeheim – oft nach langer, intensivmedizinischer Behandlung. Wann die Lebenserhaltung endet und das Sterben beginnt, darüber entscheiden dann Ärzte. Den „normalen“, natürlichen Tod gibt es kaum noch.

In der Praxis läuft dann manches im Graubereich. Mitunter verständigen sich Ärzte und Angehörige darauf, dass zusätzliche Komplikationen nicht mehr behandelt werden. So durfte auch Ilse Bröker an einer Lungenentzündung sterben. Doch das ist für alle eine belastende Entscheidung. Wer weiß, wie viel ein Koma-patient noch mitbekommt? Ob er im letzten Moment nicht doch am Leben hängt?

Andererseits quält viele Menschen die Angst, hilflos einer hochtechnisierten Apparatemedizin ausgeliefert zu sein. Im Dämmerzustand dahinzuvegetieren, sich nicht mitteilen zu können – nur um letztlich ein paar Wochen später zu sterben. Angst vor Übertherapie, vor nutzlosen lebensverlängernden Maßnahmen, vor einer nicht gewollten Maximalbehandlung: Viele plagt ein diffuses Miss­trau­en in die moderne Medizin – als ­hätten Ärzte nichts anderes im Sinn, als ungebremst unter Aufbieten aller techni­schen Möglichkeiten das Sterben möglichst lange hinauszuzögern.

Wer eine Patientenverfügung schreibt, will in erster Linie der Medizin Grenzen setzen. Doch ob das sinnvoll ist, darüber streiten die Experten. Manche zweifeln am Sinn solcher Verfügungen. Die nämlich könnten die Motivation der Ärzte negativ beeinflussen.

Negativer Einfluss?

„Viele Angehörige möchten, dass der Arzt sich bei einer schlechten Prognose möglichst früh festlegt, damit sie schnell die Verfügung umsetzen und langes Leiden verhindern können“, berichtet der Nürnberger Intensivmediziner Professor Dr. Frank Erbguth. Doch jeder Arzt kenne das Phänomen, dass scheinbar aussichtslose Fälle entgegen aller Erwartung doch noch glimpflich ausgehen. „Ein solch positiver Verlauf wird dann unmöglich.“

Dabei ist es in der Praxis nicht immer leicht zu entscheiden, inwieweit sich Kliniken und Pflegeheime überhaupt an Verfügungen halten müssen. Die Bundesärztekammer hält sie für bindend, sofern sie sich auf „konkrete Behandlungssituationen beziehen“. Klar ist der Fall, wenn ärztliche Hilfe das Leiden nicht mehr heilen kann: „Hat das Grundleiden einen irreversibel tödlichen Verlauf, müssen lebenserhaltende Maßnahmen unterbleiben, wenn dies der Patientenverfügung entspricht“, entschied der Bundesgerichtshof (Az. XII ZB 2/03). Doch selbst da – es ging um einen 72-Jährigen im Wachkoma – brauchte der als Betreuer bestellte Sohn eine Genehmigung des Gerichts.

Recht auf Selbstbestimmung

Verbindlich ist die Verfügung nicht nur, wenn der Sterbeprozess bereits begonnen hat. So ist künstliche Ernährung mithilfe einer Magensonde nach Ansicht der obersten Richter ein Eingriff in die körperliche Integrität, der nicht gegen den Willen des Patienten geschehen darf: „Dies gilt auch, wenn die Unterlassung zum Tod führen würde.“ Jeder hat das Recht auf Selbstbestimmung, auch wenn seine Entscheidung aus medizinischer Sicht unvernünftig ist (BGH, Az. XII ZR 177/03). Im Übrigen ist gerade am Lebensende oft nicht eindeutig, was denn wirklich medizinisch vernünftig ist.

Doch wer nun glaubt, mit dem Satz: „Ich will keine künstliche Ernährung“ das Legen einer Magensonde ausgeschlossen zu haben, irrt. „Diese Verfügung wäre irrelevant“, meint Jurist Christian Schäfer von der Deutschen Hospizbewegung.

Ähnlich sieht es das Bundesjustizministerium: Verbindlich seien Verfügungen nur, wenn sie konkret Krankheit und Behandlungsmethode nennen, zum Beispiel: „Keine künstliche Ernährung, wenn ich in ein stabiles Wachkoma falle und ein Erwachen sehr unwahrscheinlich ist.“

„Nur ein klar und konkret für bestimmte Behandlungssituationen formulierter Text kann verbindlich sein“, unterstreicht Jurist Dieter Lang vom Verbraucherzentrale Bundesverband. „In der Verfügung sollte deutlich werden, dass man sich intensiv mit der Materie befasst hat.“

Dennoch kann sich im Einzelfall ein schwieriges Spannungsfeld ergeben. Denn verbindlich kann nur sein, was rechtlich auch erlaubt ist. Aktive Sterbehilfe zum Beispiel ist verboten. Ärzte sind verpflichtet, notwendige Maßnahmen einzuleiten. Niemand kann verlangen, dass sie gegen die ethischen Grundsätze ärztlichen Verhaltens verstoßen.

Zudem berichten Mediziner immer wieder, dass sich Ansichten ändern, je nach Krankheitsstadium. „Schwerkranke hängen oft mit jeder Faser am Leben“, erklärt der Berliner Arzt und Psychotherapeut Dr. Martin Klieme. Gerade mit einer lebensbedrohlichen Krankheit können Lebenswille und Hoffnung wachsen.

In der Praxis liegt meist keine Patientenverfügung vor. Dann muss der „mutmaßliche Wille“ des Kranken ergründet werden – eine überaus schwierige Aufga­be. Will er möglichst lange am Leben gehalten werden? Oder lieber doch nicht, wenn kaum Aussichten auf Heilung bestehen? Gerade da kann eine Patientenverfügung hilfreich sein.

Vorsorgevollmacht

Doch auch die beste Verfügung trifft nie exakt jede mögliche Situation. Oft entstehen im Krankheitsverlauf Zweifel, ob der damalige Wille des Kranken noch aktuell ist. Dann hilft es, wenn es jemanden gibt, der den Text interpretieren kann.

Deshalb sollte eine Verfügung mit einer Vorsorgevollmacht kombiniert werden. Das gilt auch, wenn Angehörige da sind: Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Ehepartner oder Kinder für den Patienten entscheiden können. Das können sie nur, wenn sie eine Vollmacht haben oder vom Gericht als Betreuer bestellt wurden.

In der Vorsorgevollmacht gibt der Patient einer Vertrauensperson das Recht, für ihn zu entscheiden. Wichtig ist, vorher mit dem Bevollmächtigten zu sprechen. Schließlich muss er im Ernstfall die Werte und Wünsche des Kranken kennen. Die Vollmacht gibt ihm aber nicht das Recht, das Abschalten lebenserhaltender Geräte anzuordnen. Dafür ist eine Genehmigung des Vormundschaftsge­richts erforderlich.

Eine Vorsorgevollmacht ist – wie die Patientenverfügung – an keine Formvorschriften gebunden. Sie kann notari­ell beurkundet werden, zwingend ist das aber nicht. Wer möchte, kann sie auch auf andere Bereiche ausweiten, zum Beispiel Wohnungs- oder Gelddinge, Post und Telefon. Wer sichergehen will, benennt eine zweite Person, falls der Bevollmächtigte verhindert ist. Vollmacht und Patientenverfügung sind jederzeit widerruflich.

Liegt keine Vollmacht vor, ordnet das Gericht eine Betreuung an, falls jemand unfähig ist, für sich selbst zu entscheiden. Der Patient kann aber schon in gesunden Tagen in einer Betreuungsverfügung vorschlagen, wer Betreuer sein soll und wer nicht. Das muss das Gericht beachten.

* Name von der Redaktion geändert.

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