Patientenquittung Special

Jeder darf erfahren, welche Leistungen seine Ärzte zu welchen Preisen abrechnen. In unserem Check waren jedoch viele Praxen über­fordert. Wir erklären, welche Möglich­keiten Ärzte und Krankenkassen haben, ihren Patienten alle Leistungen offen­zulegen, warum Abrechnungs­betrug nicht nur ein finanzielles Problem ist, und wie aufgebauschte Diagnosen den Patienten schaden können.

Kasse, bitte!

Tom Fischer* ist neugierig. Einige Male war der 26-Jährige im vergangenen Jahr beim Haus­arzt. Nun will er wissen, welche Maßnahmen der Mann abge­rechnet hat und wie teuer die Leistungen waren. Schriftlich bittet er um eine Patientenquittung. Die kurze – ebenfalls schriftliche – Antwort: Der Patient möge sich an die Krankenkasse wenden, der Praxis sei eine Ausstellung tech­nisch nicht möglich.

Jeder gesetzlich Versicherte hat Anspruch auf die Quittung

Der Arzt muss sie allerdings möglich machen. Seit 2004 hat jeder gesetzlich Versicherte Anspruch auf die Quittung. Sie soll Leistungen und die dafür abge­rechneten Beträge für Patienten nach­voll­zieh­bar machen, von nieder­gelassenen Ärzten wie auch von Kliniken. Auch Krankenkassen sind verpflichtet, Abrechnungen offen­zulegen: In der Versicherten­auskunft müssen sie auflisten, wer wie viel Geld für welche Leistungen kassiert hat.

Falsche Abrechnungen können nicht nur finanzielle Folgen haben

Mithilfe der Quittung können Versicherte Unstimmig­keiten und Fehler entdecken. Das ist zum Vorteil des Gesund­heits­systems, wenn ein Arzt für Behand­lungen kassiert hat, die er gar nicht geleistet hat – und es nützt Patienten. Denn je nach Krankheit und Fall können falsche Abrechnungen und Diagnosen gravierende Folgen für sie haben, etwa dass eine Berufs­unfähigkeits­versicherung die Leistung verweigert (Abrechnungsbetrug).

Mehr als die Hälfte der Patientenquittungen nicht in Ordnung

Tom Fischer ist einer von 15 Probanden, die für uns verdeckt Patientenquittungen ange­fordert haben. Wir wollten wissen, ob sie den Vorgaben des Sozialgesetz­buches entsprechen. Danach müssen Ärzte und Krankenkassen Versicherte auf Verlangen „schriftlich in verständlicher Form“ über die „zu Lasten der Krankenkassen erbrachten Leistungen und deren vorläufige Kosten“ unter­richten.

9-mal gab es gar keine Quittung

„Unser Fazit ist ernüchternd“, sagt Dr. Gunnar Schwan, Projektleiter der Unter­suchung. Er hat die Ergeb­nisse zusammen mit vier ärzt­lichen Gutachtern bewertet. „Nur 22 der insgesamt 45 erbetenen Quittungen erfüllten die Anforderungen.“ 14-mal erhielten die Tester zwar Daten, aber nicht strukturiert. 9-mal gab es gar keine Quittung – so wie bei Tom Fischer.

Daten können vom Arzt kommen oder von der Krankenkasse

Die Probanden unserer Stich­probe suchten im vierten Quartal 2015 ihre Haus- und Fach­ärzte teils mehr­fach auf. Nach einer der Behand­lungen baten sie um eine Tages­quittung, nach Ende des Viertel­jahres um eine Quartals­quittung. Im Juli bat jeder seine Krankenkasse um die Versichertenauskunft; die Probanden waren bei elf verschiedenen Kassen versichert.

Reichlich Ärzte­latein

Die größte Heraus­forderung war, Tages­quittungen zu bekommen. Ärzte und Praxis­personal taten sich schwer damit. Viele waren auf diesen Wunsch nicht vorbereitet. Bei den Quittungen haperte es auch häufig an der Verständlich­keit. Die meisten Ärzte gaben die Abrechnungs­ziffer und Beschreibung aus dem Katalog des Einheitlichen Bewertungs­maßstabs (EBM) an – dem Vergütungs­system für Kassen­ärzte. Manche beließen es bei reinen Beschreibungen wie „Zuschlag zur subkutanen Immun­therapie.“ Das heißt, bei der Allergiebe­hand­lung wurde ein Wirk­stoff unter die Haut gespritzt und dafür ein Zuschlag berechnet. Eine Über­setzungs­hilfe der EBM-Angaben für Patienten – als Buch, im Netz oder als App – gibt es nach unserer Recherche nicht.

Patientenquittung Special

Guter Ansatz. Quittung eines um Verständlich­keit bemühten Arztes. „Zytologische Unter­suchung“ über­setzte er richtig in „Zellunter­suchung“.

Eine Fehl­abrechnung

Nur in einem Fall entdeckten wir in unserer Stich­probe eine Fehl­abrechnung: Auf der Quittung, die die Probandin Petra Held von ihrer Frauen­ärztin bekam, stand eine Stuhl­proben­unter­suchung, die nie gemacht worden war. Der falsche Posten war vermutlich Folge eines Irrtums oder Schlamperei: Es ging um sehr geringe Kosten.

Keine Quittung ohne Mängel

Die Versicherten­auskünfte der Krankenkassen waren oft kaum über­sicht­licher als die Quittungen der Ärzte. Die DAK zum Beispiel schickte eine dürre Liste, in der Leistungen mit nicht weiter erklärten Abkür­zungen benannt sind. Nicht jede Kasse macht es Versicherten leicht, die Auskunft zu bekommen. Bei der AOK Baden-Württem­berg musste eine Probandin dafür mehr­mals telefonieren, einmal zur Geschäfts­stelle gehen und sich am Ende umständlich online registrieren. Dann bekam sie eine Aufzählung über nicht weiter erklärte „ärzt­liche Leistungen“ sowie „Arznei- und Hilfs­mittel“.

Keiner informierte umfassend und über­zeugend

Patientenquittung Special

Schlechte Praxis. Das Ärzte­latein dieser Quittung lässt den Patienten mit Fach­begriffen allein.

Sven Kurz, 52, hatte mehr Glück: Die Versicherten­auskunft bei der Techniker Krankenkasse anzu­fordern, war einfach. Sie ist voll­ständig, über­sicht­lich, zudem enthält sie verordnete Arzneien und gestellte Diagnosen. Allerdings sind die Beschreibungen nicht immer verständlich und Kosten­punkte zusammengefasst aufgeführt. Keine Quittung vom Arzt und keine Versicherten­auskunft über­zeugte rundum. Ein Grund mag sein, dass das Gesetz dazu sehr schwammig formuliert ist und verbindliche Vorlagen fehlen. Einige Kassen­ärzt­liche Vereinigungen bieten auf ihren Internet­seiten zumindest Muster an.

Ansprech­partner für Beschwerden

Was können Patienten tun, wenn die Quittung unplausibel ist, lange auf sich warten lässt oder gar nicht kommt? Zunächst empfiehlt es sich, beim Arzt oder der Krankenkasse nach­zuhaken, auch schriftlich. Hilft das nicht, können sich Versicherte an die nächst­höhere Instanz wenden. Bei Ärzten ist das die Kassenärztliche Vereinigung, bei den meisten Krankenkassen das Bundesversicherungsamt.

Wenige nutzen bisher die Möglich­keiten

Nicht viele Patienten machen bislang von ihrem Recht auf Quittungen Gebrauch. Wir haben bei den Kassen unserer Probanden nachgefragt: Rund 120 000 Versicherten­auskünfte jähr­lich gibt die Barmer GEK – bei gut 8 Millionen Versicherten nicht viel. Doch mehr als beispiels­weise die BKK VBU: Sie hat bei einer knappen halben Million Versicherter nicht mal 50 Anfragen im Jahr.

Unser Rat

Falsche Abrechnungen können nicht nur der Versicherten­gemeinschaft schaden, sondern auch Ihnen als Patient. Besorgen Sie sich deshalb regel­mäßig Quartals­quittungen von Ihren Ärzten oder für einen längeren Zeitraum eine Versicherten­auskunft von der Krankenkasse. Scheuen Sie sich auch nicht, bei Ärzten Ihre Patienten­akte anzu­fordern.

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