Patientenberatung Meldung

Eine unabhängige, vertrauens­würdige Beratung – das wünschen sich viele Patienten, sei es nach schwerwiegenden Diagnosen, Behand­lungs­fehlern oder bei Streit ums Geld. Dafür gibt es die Unabhängige Patientenberatung. Ab 1. Januar 2016 bekommt das vom Gesetz vorgesehene Beratungs­angebot einen neuen Träger, die Sanv­artis GmbH. In Verbraucher­kreisen, aber auch bei der Ärzteschaft sorgt das für Unruhe. test.de erklärt die Lage und sagt, welche Anlauf­stellen Ratsuchenden künftig bleiben.*

80 000 Anfragen pro Jahr

Habe ich Anspruch auf Krankengeld? Ist die Zahn­arzt­rechnung korrekt? Können meine Medikamente Wechsel­wirkungen haben? Bei solchen und ähnlichen Fragen haben Patienten eine bundes­weite, kostenlose Anlauf­stelle: die Unabhängige Patientenberatung Deutschland, kurz UPD. Rund 80 000 Anfragen beant­worten ihre Berater derzeit pro Jahr, sei es telefo­nisch, per E-Mail oder persönlich. Sie verstehen sich dabei als Lotsen durch das komplizierte Gesund­heits­system.

Beratung ab 2016 neu strukturiert

Bisher lag die Beratung in den Händen dreier gemein­samer Träger:

Alle drei wollten auch künftig die UPD fortführen. Den Zuschlag bekommt jedoch ein anderer: die Sanvartis GmbH aus Duisburg, ein Dienst­leister für medizi­nische Kommunikation. Das haben der Patienten­beauftragte der Bundes­regierung, Karl-Josef Laumann, und der Spitzen­verband der Krankenkassen entschieden (siehe Unterartikel zum Vergabeverfahren). Sanv­artis wird ab 1. Januar 2016 die UPD für sieben Jahre über­nehmen. Das Beratungs­angebot soll ausgebaut werden: Wochen­tags sollen die Experten bis 22 Uhr am Telefon informieren, dazu auch am Samstag. An 30 Stand­orten sind persönliche Beratungs­stellen in Volks­hoch­schulen und Bürgerbüros geplant. Sanv­artis will eigenen Angaben zufolge die Zahl der Beratungen nahezu verdreifachen.

Sorge um die Unabhängig­keit

Während die Entscheider glauben, das „beste und inno­vativste Angebot“ ausgewählt zu haben, sorgen sich andere um die Unabhängig­keit des künftigen Trägers. „Eine Patientenberatung, die von einem Call-Center betrieben werden soll, das nach­weislich schon für die Krankenkassen tätig war, kann unmöglich die Anliegen von Patienten und Versicherten – insbesondere auch gegen­über den Kosten­trägern – glaubwürdig und umfassend vertreten“, heißt es etwa in einer Presse­mitteilung der Bundes­ärztekammer. Karl-Josef Laumann hält dagegen: Sanv­artis würde eine eigen­ständige GmbH gründen, die die Beratung unter dem Namen UPD fortführen wird. Die Berater sollen angestellt werden, zudem soll ein Auditor über die Einhaltung der Unabhängig­keit wachen (siehe dazu die Pressemitteilung des Patientenbeauftragten).

Allgemein informieren, Befunde verstehen

Wie verläss­lich Sanv­artis arbeiten wird, wird sich zeigen. Schon heute gibt es für Ratsuchende unzäh­lige Informations­wege, vor allem im Internet. Doch nicht alle Webseiten eignen sich gleichermaßen. Ein Check von Gesundheitsportalen durch die Stiftung Warentest im Jahr 2009 ergab: Interes­sierte finden bestenfalls allgemeine Informationen, aber keine persönliche Beratung oder Therapie­empfehlung. Seitdem hat sich natürlich so einiges getan. Bei einem komplizierten Arzt­befund können Patienten etwa bei Was hab ich? kostenlos um Erklärungs­hilfe bitten. Medizin­studenten über­setzen komplizierte Befunde in verständliches Deutsch. Fundiertes Wissen bietet zudem die Patientenseite des Instituts für Qualität und Wirt­schaftlich­keit im Gesund­heits­wesen (IQWiG): gesundheitsinformation.de. Sie informiert unabhängig und gestützt auf die evidenzbasierte Medizin über eine breite Themenpalette, die von Angst vor Operationen bis Zwölffingerdarm­geschwür reicht. Wenn Sie unsicher in Bezug auf bestimmte Medikamente sind, nutzen Sie die umfassende Daten­bank Medikamente im Test der Stiftung Warentest. Hier finden Sie Bewertungen von Arznei­mitteln auf Basis wissenschaftlicher Fach­literatur, vergleichende Aussagen zu deren therapeutischen Nutzen und Hinweise zur Anwendung sowie zu Neben- und Wechsel­wirkungen.

Hilfe bei schwerwiegenden Diagnosen

Betroffene sollten beim Arzt von Anfang an genau nach­fragen, sich alles erklären lassen und anschließend aufschreiben – um für weitere Beratungs­gespräche gerüstet zu sein und eine informierte Entscheidung treffen zu können. Das gilt vor allem bei ernsten Diagnosen. Krebs­patienten gibt der Krebsinformationsdienst persönliche Hilfe­stellung. Ärzte beant­worten über­wiegend per E-Mail oder Telefon Anfragen zu Therapie­möglich­keiten, vergleichen Nutzen und Risiken, geben Entscheidungs­hilfen. Für Patienten mit seelischen Nöten kann zum Beispiel die Webseite der Bundespsychotherapeutenkammer bei der oft lang­wierigen Suche nach einem Therapeuten hilf­reich sein. Sinn­voll bei einer schweren Entscheidungs­findung: Eine ärzt­liche Zweitmeinung einholen – die Kosten dafür über­nimmt die Krankenkasse.

Unterstüt­zung in komplizierten Lagen

Erleben Patienten Konfliktsituationen mit Ärzten oder Kosten­trägern, gibt es jedoch kaum Alternativen zur UPD. Zwar informieren die Bundes­ärztekammer und die Kassen­ärzt­liche Bundes­ver­einigung auf www.patienten-information.de über Patientenrechte, Therapie­möglich­keiten und Abrechnungen – unabhängig ist das aber nicht. In einigen Bundes­ländern bleibt Patienten die Rechts­beratung der Verbraucherzentralen. Sie kostet meist etwas und wird derzeit unter anderem von den Verbraucherzentralen in Berlin, Hamburg, Hessen und Sachsen-Anhalt angeboten. Bei Streitfällen, die vor Gericht landen könnten, können sich Patienten unter anderem an die Beratungs- beziehungs­weise Schlichtungsstellen der Landesärztekammern und Landeszahnärztekammern wenden.

*Dieser Artikel erschien erst­mals am 31. Juli 2015. Er wurde am 5. Oktober 2015 aktualisiert.

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