Optiker Test

Brillen­anprobe. Früher ging das nur im Laden – heute auch am Rechner.

Online-Optiker verlangen für Brillen oft viel weniger als die angestammte Konkurrenz vor Ort. Kann da die Qualität noch stimmen? Oder ist für gute Brillen doch Kontakt zum Menschen wichtig?

„Clever Brillen kaufen“, steht oben auf der Start­seite des Online­shops. Der nächste Klick führt mitten hinein in die Waren­welt. Kunden können an dutzenden von Modellen entlang­scrollen, Fassungen am Bild­schirm auswählen und auf hoch­geladenen Porträtfotos platzieren. Anblick genehm? Dann heißt es: Brillen­werte eintippen, Gläser aussuchen, „Bezahlen“ drücken – und nach einigen Tagen kommt das Päck­chen mit der neuen Brille.

Funk­tioniert das System? Sitzen Brillen, ohne dass ein Fachmann sie feinjustiert? Oder haben stationäre Augen­optiker doch die Nase vorn? Für unseren Test gaben fünf fehlsichtige Kunden, teils mit kritischen Sehwerten, insgesamt 50 Brillen in Auftrag: je fünf in Filialen bei acht großen Optikerketten sowie bei den Webshops von Brille24 und Mister Spex.

Kaum Unterschiede in der Qualität

Die Preis­unterschiede waren immens – „und für Laien kaum nach­voll­zieh­bar“, fand eine Testerin. Oft machten nicht die Fassungen, sondern die Gläser den Löwen­anteil der Kosten aus. Unser Test mit unabhängigen Experten zeigt: Bei Sehtests und Fertigungs­qualität über­zeugten die Optiker, bei der Beratung kaum. Das Gesamt­urteil lautet meist befriedigend, für die Kette Eyes + More nur ausreichend. Sie beriet mangelhaft, ist aber sonst fachlich mit der Konkurrenz vergleich­bar.

Auch die Brillen der Webshops können mithalten – selbst bei den Testern mit höherer Fehlsichtig­keit oder Gleitsicht­bedarf. Mister Spex bietet Online­kunden zwei Wege, an eine Brille zu kommen: ausschließ­lich per Internet oder mit Besuch von Part­ner­optikern vor Ort. Die führen Sehtests durch und passen Brillen an. Wir nutzten dieses Angebot. Es bedeutet zwar Aufwand, hilft aber, die Qualität der Brille zu sichern.

Brille24 betreut Kunden rein virtuell und bietet wichtige augen­optische Leistungen wie Sehtests nicht an, lieferte im Test aber ordentliche Brillen. Die Fehlsichtig­keits­werte und den Augen­abstand der Probanden haben unsere Gutachter bestimmt. Diese Daten über­mittelten wir Brille24. Die Brillen saßen auch nicht schlechter als bei den meisten anderen Anbietern.

Eigentlich sollten Vor-Ort-Optiker die Nase vorn haben: Kunden stehen ihnen persönlich gegen­über. Den Vorteil schöpften sie im Test aber nicht aus. Sie waren bei der Anpassung meist nur mittel­mäßig. Ein ähnliches Bild bei der Zentrierung. Dabei messen Optiker im Gesicht des Brillen­trägers einen horizontalen und einen vertikalen Wert für den Fein­schliff der Gläser. Das optische Zentrum muss zur Pupillen­mitte exakt ausgerichtet sein. Das gelang bei einigen Brillen im Test ganz und gar nicht. Mögliche Folgen: Träger sehen schlecht, verrenken zum Ausgleich unbe­wusst den Hals oder quälen sich mit Kopfweh oder Doppel­bildern.

Werte selber messen und eintippen

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Schablone. Online­kunden können damit den Augen­abstand ermitteln.

Schablone. Online­kunden können damit den Augen­abstand ermitteln.

Bei Mister Spex und Brille24 müssen Kunden ihre Zentrier­werte selbst eintippen. Sie können die Ziffern ihrem Brillenpass entnehmen, beim (Partner-)Optiker messen lassen – oder auf eigene Faust ermitteln. Dazu bieten beide Webseiten unter anderem linealförmige Schablonen zum Ausdrucken und Ausschneiden. Die Kerbe in der Mitte kommt auf die Nasenwurzel, eine Skala rechts und links verrät den Abstand zur Pupille. „Sie können allein vor einem Spiegel messen oder jemanden die Werte für Sie ablesen lassen“, steht zum Beispiel in der Bastel­anleitung von Brille24.

Wirk­lich mit professionellen Methoden mithalten, etwa mit Video­zentriergeräten, kann die Schablone nicht. Zudem messen Kunden damit nur den horizontalen Wert. Das vertikale Gegen­stück können sie nicht bestimmen und bei beiden Online-Optikern auch nicht angeben. Bei Mister Spex helfen die Part­ner­optiker weiter. Die Brillen beider Webshops waren im Test meist nicht schlechter zentriert als die der nieder­gelassenen Konkurrenz. Erklären lässt sich das wohl damit, dass die Anbieter Gläser auf Stan­dard­höhen einschleifen – was bei den durch­schnitt­lichen Gesichts­zügen unserer Probanden offen­bar gut klappte.

Auswählen ohne Optiker

Die Brille online auszusuchen, war für die Tester eine neue Erfahrung. Geführt durch Filter, mussten sie zum Beispiel angeben: Frau oder Mann? Gesicht rund, eckig, oval, herz­förmig? Welcher Brillen­typ, welches Material, wie breit? Wer mit einem Filter nichts anzu­fangen weiß, kann ihn weglassen und in der gröberen Auswahl stöbern.

Im nächsten Schritt setzt der Kunde seine Traumbrille virtuell auf. Das geht per Porträtfoto, bei Mister Spex zudem per Webcam. Der Nutzer sieht einen Moment in die Linse und schon erscheint sein Gesicht mitsamt gewählter Fassung. Das Ganze lässt sich drehen und so von der Seite begut­achten – aber nur, wenn jemand nicht zu stark kurz­sichtig ist. Ansonsten ist es besser, ein Foto hoch­zuladen. Eine Testerin bemängelt: „Die Brillen wirken künst­lich, wie aufgemalt. Zudem möchte ich sie lieber wirk­lich auf der Nase haben und hören, was ein Optiker dazu sagt.“ Immerhin schickt Mister Spex bis zu vier Brillen gratis zur Anprobe nach­hause, Brille24 keine.

Großes Beratungs­defizit

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Basiswissen. Die Webseiten der Shops geben auch Hintergrundinfos zum Brillenkauf.

Beide Online­shops bieten eine Beratungs­hotline und Hintergrundinfos auf den Webseiten. Was beim Online-Bestell­vorgang völlig fehlt, aber auch bei den Optikern vor Ort zu kurz kam: Fragen, etwa wozu die neue Brille dienen soll und wann die Kunden zuletzt beim Augen­arzt waren.

Spärlich fielen meist auch die Infos zu Gläsern und Fassungen aus. Und es gab so gut wie keine Tipps zur Pflege der Brille. Die reinigt man übrigens am besten unter fließend Wasser mit etwas Spül­mittel. Nach­poliert wird mit einem frischen Kosmetiktuch aus Zell­stoff.

Noch etwas weniger als die anderen und damit mangelhaft informierte Eyes + More. „Wir sind mehr als eine Optikerkette“, schreibt die Firma über sich. „Wir sind ein Mode­unternehmen.“ Eine Testerin beschreibt: „In der Filiale standen Dreh­regale mit Brillen, und ich wählte alleine aus. Beraten wurde ich nur auf Nach­frage und ziemlich knapp.“ Das betrifft auch die Gläser. Die Kette führt übrigens nur eine Sorte zu Fest­preisen, inklusive Fassung. Im Test kosteten Einstärkenbrillen 115 Euro, Gleitsicht­modelle knapp das Doppelte.

Damit ist Eyes + More der zweitgüns­tigste Anbieter im Test, flankiert von den beiden Onlinern. Mister Spex verlangte etwas mehr, Brille24 nochmals deutlich weniger – teils nur 45 Euro inklusive Versand. Alle drei unterboten ihre Konkurrenz im Test deutlich, oft um mehrere hundert Euro.

Was Brillen günstig macht

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Geliefert. Einige Tage nach der Bestellung bekommen Online­kunden ein Päck­chen mit ihrer Ware.

Die Schnäpp­chen­anbieter betonen, dass sie hoch­wertige Gläser verkaufen: dünner Kunststoff, gehärtet, super­entspiegelt. Unsere Gutachter fanden keine Material- und Fertigungs­mängel. Brillengläser für den deutschen Markt müssen ohnehin bestimmte Normen erfüllen. Wenn Gläser dennoch so wenig kosten, spielen wohl mehrere Faktoren zusammen. Viele Gläser werden in Asien produziert. Zudem haben Brille24 und Co. vergleichs­weise wenig sons­tige Ausgaben, wenn sie etwa augen­optische Dienst­leistungen wie Beratung, Sehtest und Anpassung nicht erbringen. Das versetzt sie in die Lage, billige Angebote zu machen.

Vis-à-vis-Betreuung oft sinn­voll

Kunden können beim Onlinekauf kräftig sparen. Menschen mit komplizierten Sehproblemen profitieren aber von der Vis-à-vis-Betreuung. Das gilt zum Beispiel auch für Personen mit einem breiten Nasenrü­cken, Ohren auf verschiedener Höhe, eng oder weit auseinander­stehenden Augen.

Auch wenn jemand wenig Erfahrung mit Brillen hat, nützt die persönliche Beratung. Allerdings sollten Kunden sie notfalls einfordern und die Infos kritisch hinterfragen. Es ist zum Beispiel ohne Erklärung schwer nach­voll­zieh­bar, warum manche Gläser so teuer sind. Kunststoff mit Härtung und Super­entspiegelung ist inzwischen oft schon preisgünstig zu bekommen. Extras wie Tönung, Antischmutz­schicht oder Lotus­effekt mögen verlockend klingen, sind aber nicht auto­matisch Zusatz­ausgaben wert.

Dünn und Gleitsicht geht oft ins Geld

Stark Fehlsichtige müssen zudem abwägen: dünne oder dicke Gläser? Letztere kosten weniger, sind aber schwerer und wirken klobig. Abmildern lässt sich das oft durch kleine Brillengläser oder Fassungen mit breitem Rand. Bei Nahbrillen nützt zudem die sogenannte Mitten­dicken­optimierung. Dabei werden die Flächen der Gläser zusätzlich abge­schliffen. Es lohnt sich, den Optiker danach zu fragen.

Besonders teuer sind Gleitsicht­gläser mit erweitertem Sehbereich oder individueller Optimierung. Das soll für einen natürlicheren Seheindruck sorgen, ist aber nicht für jeden nötig. Hilf­reich ist es, schon bei geringer Alters­sichtig­keit auf Gleitsicht zu wechseln. Das erleichtert die Gewöhnung.

Wer mit seiner Brille nicht klar­kommt oder sie nicht mag, kann sie zurück­geben. Das teilten uns alle getesteten Optiker auf Nach­frage mit. Sie bieten damit mehr, als offiziell verlangt. Laut Gesetz haften sie nur für Produktmängel. Die Ketten geben Unzufriedenen häufig mehrere Monate Zeit, die Webshops nur 30 Tage. Bei Brille24 läuft die Frist schon ab Versand der Ware. Kunden sollten also schnell sichten, was sie da aus dem Netz gefischt haben.

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