Ökostrom Special

Nach der Katastrophe in Japan wollen viele Energiekunden weg vom Atomstrom. Finanztest hilft, den passenden Stromtarif zu finden.

Zu diesem Thema bietet test.de einen aktuelleren Test: Stromtarife.

Die Bilder des brennenden Atomkraftwerks Fukushima wirken: 53 Prozent der Verbraucher wollten drei Tage nach Beginn der Katastrophe in Japan, dass alle deutschen Atomkraftwerke so schnell wie möglich stillgelegt werden. Dies ermittelten die Forscher von Infratest dimap für die ARD.

Den Vertrauensverlust in die Atomenergie bekommen auch die Anbieter von Ökostrom zu spüren. Beim größten deutschen Ökostromanbieter Lichtblick haben sich die Neukundenzahlen pro Tag verdreifacht, beim kleineren Mitbewerber Naturstrom sogar verzehnfacht. „Im Moment gewinnen wir zwischen 1 000 und 1 500 Neukunden pro Tag“, sagt Naturstrom-Sprecher Tim Loppe.

Doch ist der private Atomausstieg eigentlich möglich? Kann ein einzelner Verbraucher selbst bestimmen, aus welchen Energien „sein Strom“ gewonnen wird? „Physikalisch ist dies sicher nicht möglich, ökonomisch jedoch schon“, sagt Thorsten Kasper vom vzbv.

Jeder Verbraucher wird immer mit Strom aus dem am nächsten gelegenen Kraftwerk versorgt, selbst wenn dies ein Atomkraftwerk ist und er einen Ökostromtarif abgeschossen hat. Physikalisch unterscheidet sich Ökostrom nicht von Atomstrom.

Ökostrom Special

Alle Energieerzeuger speisen – bildlich gesprochen – ihren Strom in einen großen See, aus dem sich alle Kunden bedienen. Aus welchen Energiequellen der Strom in diesem See stammt, zeigt die Infografik.

Bereits rund 17 Prozent des Stroms in Deutschland werden aus erneuerbaren Energien wie Wind- oder Wasserkraft, Sonne oder Biomasse gewonnen (siehe Infografik). Werden die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut, wird weniger Strom aus anderen Quellen benötigt.

Ökonomisch kann ein Verbraucher natürlich durchaus aus der Atomkraft aussteigen (siehe„Unser Rat“). Er kann beispielsweise zu einem Anbieter wechseln, der ausschließlich umweltschonenden Ökostrom verkauft und keine Atomkraftwerke betreibt (Tarife siehe Tabelle „Grüner geht es nicht“).

Guter Ökostrom bringt Zusatznutzen

Doch nicht jeder Ökostromtarif nützt auch wirklich der Umwelt. Ökostrom ist keine geschützte Produktbezeichnung.

„Guter Ökostrom verdrängt konventionellen Strom vom Markt“, sagt Ramona Ballod von der Verbraucherzentrale Thüringen. „Dies geschieht durch Investitionen in neue Ökostromanlagen, die ansonsten vielleicht nicht gebaut worden wären.“

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sorgt dafür, dass die neuen Anlagen in Deutschland auch wirklich einen Zusatznutzen für die Umwelt bringen. Es schreibt vor, dass Ökostrom vorrangig vor anderen Stromarten ins Netz eingespeist werden muss. Wer also den Zuwachs an Ökostrom fördert, drängt so Atom- oder Kohlestrom aus dem Markt.

Wie der Ausbau der erneuerbaren Energien durch einen Ökostromtarif gefördert werden kann, lässt sich schön am Beispiel von „energreen“ sehen. Dieser Tarif wird deutschlandweit von 67 Stadtwerken verkauft, die mit der Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW) zusammenarbeiten.

Der energreen-Tarif sieht vor, dass 4 Cent pro Kilowattstunde in einen Fördertopf fließen, aus dem das Stadtwerk neue Ökostromanlagen mitfinanziert.

Eines der jüngsten Projekte ist eine Fotovoltaikanlage auf der Mülldeponie in Hechingen. Die Stadtwerke Tübingen haben das Projekt mit rund 270 000 Euro aus dem Ökostrom-Tarif „energreen“ bezuschusst.

Auch andere Ökostromanbieter, die den Ausbau erneuerbarer Energie fördern, informieren auf ihren Internetseiten ausführlich über ihre Investitionen. Naturstrom hat beispielsweise seit seiner Gründung vor 13 Jahren mehr als 170 neue Ökostromanlagen ganz oder teilweise finanziert.

„Grünstromwäsche“ mit Zertifikaten

Es gibt aber auch Ökostromtarife, die der Umwelt keinen zusätzlichen Nutzen bringen, weil sie nicht zu Investitionen führen.

Dazu gehört etwa ein anderer Tarif, den ebenfalls die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW) gemeinsam mit 41 Stadtwerken anbietet. Der Tarif heißt „watergreen“ und besteht zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Die Stadtwerke erzeugen den Ökostrom nicht selbst, sondern nutzen stattdessen ein RECS-Zertifikat.

RECS (Renewable Energy Certificate System) ist ein europäisches Zertifizierungssystem für Ökostrom. Es ist kein Zertifikat für Qualität, sondern nur ein Herkunftsnachweis. Betreiber von Ökostromanlagen erhalten für jede erzeugte Megawattstunde Strom ein RECS-Zertifikat als Beleg für die umweltschonende Herstellung. Diese Zertifikate können sie europaweit getrennt vom physikalischen Strom verkaufen.

Die Käufer der Zertifikate dürfen damit ihren Strom aus Atom- oder Kohlekraftwerken als Ökostrom verkaufen. So wird aus konventionellem Strom Ökostrom. Im Gegenzug darf der Hersteller des Stroms seinen Strom nicht mehr Ökostrom nennen.

Unseriös sind solche Tarife nicht. Der Umwelt nützen sie allerdings nichts, weil kein Anreiz zum Bau neuer Anlagen geschaffen wird. Ökostromanbieter können sich ihr Engagement für den Ausbau von neuen, zusätzlichen Anlagen bestätigen lassen. Das hat beispielsweise der Ökostromtarif „energreen“ gemacht. Er trägt das „Grüner Strom Label“. Es ist neben dem o.k-Power-Label das wichtigste Gütesiegel für Ökostrom.

Hinter beiden Siegeln stehen Naturschutz- und Verbraucherverbände. Daneben gibt es Tüv-Zertifikate, bei denen man genau hinsehen muss. Mitunter bescheinigen sie Selbstverständlichkeiten, etwa dass der Strom eines bestimmten Ökostromtarifs aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Dies lässt sich zum Beispiel hitstrom vom Tüv Nord bestätigen.

Manche Anbieter wie EWS Schönau lassen vom Tüv aber auch strenge Selbstverpflichtungen überprüfen, zum Beispiel eine unabhängige Geschäftsstruktur, die frei von der Atomindustrie ist.

Grüner Strom Label

Hinter dem Grüner Strom Label stehen Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen. Derzeit tragen 90 Tarife das Label, das es in zwei Ausführungen gibt, in Silber und in Gold. „Nur einige ältere Produkte haben Silber“, sagt Daniel Craffonara vom Verein Grüner Strom Label.

Das Label in Gold funktioniert wie ein Fonds. Für jede verbrauchte Kilowattstunde fließt mindestens 1 Cent in einen Fördertopf. Aus ihm werden Projekte zur Ökostromgewinnung gefördert. Eine der jüngsten Anlagen ist die oben beschriebene Solaranlage der Stadtwerke Tübingen.

„Bei diesem Label findet am ehesten ein Zubau statt, der ansonsten nicht stattgefunden hätte“, sagt Uwe Leprich, Energieexperte und Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlands.

Das Grüner Strom Label ist zudem das einzige Gütesiegel, das keine RECS-Zertifikate akzeptiert.

Das ok-Power-Label

Der Verein Energie-Vision vergibt jährlich das ok-Power-Label, das es in drei Ausführungen gibt. Derzeit haben 56 Tarife in Deutschland dieses Zertifikat. Fast alle sind nach dem sogenannten Händlermodell zertifiziert. Hier kauft oder erzeugt der Anbieter den Ökostrom selbst.

Das Händlermodell will durch gewisse Vorgaben zum Alter der Ökostromanlagen Anreize für den Neubau weiterer Anlagen schaffen. Es schreibt vor, dass mindestens ein Drittel des Stroms aus Anlagen stammen muss, die nicht älter als sechs Jahre sind, ein weiteres Drittel darf in Anlagen erzeugt werden, die nicht älter als zwölf Jahre sind. Ältere Anlagen können durch Investitionen wieder als „junge Anlagen“ eingestuft werden.

„Der Wettbewerb um den Strom aus jungen Anlagen sorgt dafür, dass sie ihren Strom teurer verkaufen können“, erläutert Dominik Seebach vom Freiburger Öko-Institut, einem Mitbegründer des Labels.

So soll ein Anreiz für Investitionen in neue Anlagen geschaffen werden. Ob dies funktioniert und in welchem Umfang Neuanlagen tatsächlich gebaut werden, ist für Außenstehende allerdings schwer nachzuvollziehen. Der Bau von neuen, zusätzlichen Anlagen wird auf der Internetseite des Vereins nicht dokumentiert.

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