CSR: Wie nach­haltig werden Nuss-Nougat-Cremes produziert?

Abge­brannt. Für neue Palmöl-Plan­tagen wird Regen­wald vernichtet: in Indonesien zuletzt Zehn­tausende Quadratkilo­meter.

Für Kakao schuften Kinder, für Palmöl verbrennt Urwald. Was tun die Anbieter, damit solch bittere Ernten nicht in ihre Brot­aufstriche kommen?

Jedes Jahr das gleiche Trauer­spiel: Gegen Ende der Trocken­zeit steht Indonesiens Regen­wald in Flammen. Nicht die Dürre ist schuld, sondern von Menschen­hand gelegte Brände. Vergangenen Herbst wüteten die Feuer besonders heftig, erfassten Tausende Quadratkilo­meter Wald. Der Smog brachte selbst in Malaysia und Thai­land das öffent­liche Leben zum Erliegen.

Die Bilanz des letzten Jahres: Urwald­flächen so groß wie Sachsen gingen verloren, eine halbe Million Menschen erlitten Atemwegs­erkrankungen, Unmengen Kohlen­dioxid entwichen in die Atmosphäre. Das Ziel dieser Umwelt­katastrophe: Anbauflächen für Ölpalmen gewinnen. Ihre Früchte liefern Palmöl, eine Zutat fast aller Nuss-Nougat-Cremes im Test.

Das rötliche Gold ist Fluch und Segen zugleich. Für Indonesiens Land­wirt­schaft ist es eine der wichtigsten Einnahme­quellen. Die Welt giert nach Palmöl. Es ist günstig, lange halt­bar, vielseitig verwend­bar. Nicht nur aus dem Frucht­fleisch, auch aus den Kernen lässt sich Öl gewinnen: das Palm­kernöl. Allein die deutsche Industrie importiert pro Jahr rund 1,5 Millionen Tonnen Palm- und Palm­kernöl. Es fließt etwa in Kosmetika, Kerzen, Biosprit – vor allem in Margarine, Fertigkost, Back­waren, Süßes.

Antworten von Aldi bis Zentis

Mehr Palmöl als Kakao. Die typischen Haupt­zutaten von Nuss-Nougat-Cremes.

Palmöl ist nicht die einzige Zutat von Nuss-Nougat-Cremes, die es in sich hat. Für den Anbau von Kakao arbeiten allein in der Elfen­beinküste und Ghana über zwei Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren, ergab eine Studie der Tulane Universität in New Orleans. Die allermeisten müssten gefähr­liche Arbeit verrichten, etwa Kakao­schoten mit scharfen Macheten aufschlagen.

Über Erntebedingungen von Haselnüssen im Haupt­anbau­land Türkei ist wenig bekannt. Menschen­rechtler berichten über schlechte Arbeits­bedingungen und geringe Löhne für Wander­arbeiter.

Bekommen wir in süßen Brot­aufstrichen Früchte aus bitteren Ernten? Wir haben die Anbieter der Nuss-Nougat-Cremes gefragt, woher sie ihre Rohstoffe beziehen, ob sie Umwelt­anforderungen an den Anbau der Ölpalmen stellen und was sie gegen Menschen­rechts­verletzungen im Kakao­anbau tun. Das Echo war groß: Von Aldi bis Zentis haben alle geant­wortet.

Nicht jeder hat zu allen Zutaten gleich viel preisgegeben. Bei Haselnüssen sah es mau aus, hier legten nur Bioanbieter Zertifikate für nach­haltigen Anbau vor. Für Palmöl, die derzeit am meisten diskutierte Zutat, fällt unser Fazit aber positiv aus: Alle Hersteller und Händler sind in ihren Bemühungen relativ weit (Tabelle: 21 Anbieter im CSR-Test).

Seit Ende 2014 müssen Anbieter Pflanzen­fette in Lebens­mitteln genau benennen. Das setzt Hersteller unter Druck. Wer sich nicht vorwerfen lassen will, zur Zerstörung des Regen­walds beizutragen, kontrolliert die Herkunft seines Palm­öls.

Stan­dards vom Runden Tisch

Von 21 Nuss-Nougat-Cremes im Test enthalten 19 Palmöl. Alle Anbieter legten uns schriftlich Belege dafür vor, dass ihr Palmöl zumindest die Forderungen des Runden Tischs für nach­haltiges Palmöl (Round­table on Sustainable Palm Oil, RSPO) erfüllt. Diese Organisation hat Kriterien entwickelt, die den Anbau nach­haltiger gestalten sowie Natur und Anwohner schützen sollen. Mitglieder verpflichten sich, die Regeln (Initiativen für nachhaltiges Palmöl) einzuhalten und das nach­zuweisen. Am Runden Tisch sitzen Palmöl-Produzenten, Verarbeiter, Einzel­händler und Nicht­regierungs­organisationen.

„Wer jetzt noch nicht im RSPO ist, hat etwas verschlafen“, sagt die Agrar­ökonomin Fausta Borsani. Die Schweizerin berät seit über zehn Jahren Unternehmen und Label­organisationen zu nach­haltig erzeugtem Palmöl. Die Mitgliedschaft im RSPO ist für sie der erste wichtige Schritt. Der nächste sei, einen der anspruchs­vollen Lieferwege mit hoher Rück­verfolg­barkeit zu wählen.

Der strengste Lieferweg für RSPO-Palmöl heißt Identitäts­sicherung. Das Öl kann bis zur einzelnen zertifizierten Plantage zurück­verfolgt werden. Beim Weg „Segregation“ kommt es von mehreren zertifizierten Plan­tagen und wird vermengt. Beide Wege sind laut Borsani zu bevor­zugen: „Nur so wird sicher­gestellt, dass im Produkt kein Palmöl aus dubiosen Quellen ist.“ Weniger streng ist „Massen­bilanz“: Zertifiziertes Palmöl darf in der Verarbeitung mit konventionellem gemischt werden. Es kommt zwar so viel nach­haltiges Palmöl in den Handel, wie der Anbieter gekauft hat. Im konkreten Produkt muss es aber nicht sein.

18 Anbieter von Nuss-Nougat-Cremes wiesen nach, dass sie einen der zwei strengeren RSPO-Lieferwege nutzen. Ausnahme ist Nudossi mit Palmöl aus Massen­bilanz.

Kritiker fordern mehr Engagement

Der RSPO ist nicht unum­stritten. Umwelt­organisationen zweifeln an der Wirk­samkeit des Runden Tischs. Tatsäch­lich kommt es zu Verstößen gegen Richt­linien. Kritiker fordern vom RSPO zudem, den Anbau von Ölpalmen auf Torfböden zu stoppen – durch Roden oder Trockenlegen wird enorm viel Kohlen­dioxid freigesetzt. Der Runde Tisch hat dazu zwar neue Regeln einge­führt und nennt sie „RSPO Next“. Sie einzuhalten ist für Mitglieder freiwil­lig.

Perfekt ist der RSPO also nicht. Aus Sicht vieler Experten bleibt er aber der einzige gang­bare Weg, um in den Haupt­anbauländern etwas zu erreichen. Derzeit ist gerade mal ein Fünftel der Welt­produktion RSPO-zertifiziert. Was fehlt, ist die Nach­frage großer Käuferländer wie China und Indien.

Bio-Palmöl und fairer Handel

Palmöl. Es wird aus den Früchten der Ölpalme gewonnen.
Haselnüsse. Sie werden von Hand vom Strauch gepflückt oder vom Boden aufgelesen.
Kakao. Die Früchte wachsen am Baum. Die Bohnen im Inneren ähneln Mandeln.

Einige Unternehmen engagieren sich für strengere Kriterien, als sie der RSPO etabliert hat. So beteiligen sich etwa Edeka, Ferrero und Rewe an Initiativen wie dem Forum Nach­haltiges Palmöl oder The Forest Trust (Initiativen für nachhaltiges Palmöl).

Alnatura, Ecofinia, Gepa, Leha und Rapunzel verarbeiten Bio-Palmöl. Das Biosiegel verspricht: Für das Öl wurde kein Wald gerodet und die Palmen wurden nicht mit chemischen Pestiziden behandelt.

Das Palmöl von Gepa und Rapunzel kommt zudem aus fairem Handel, steht damit für direkte Lieferbeziehungen und gerechte Löhne. Um das zu finanzieren, kosten ihre Nuss-Nougat-Cremes das Drei- bis Vierfache eines Discounter­produkts.

Haselnuss-Projekte am Anfang

Wie sieht es bei der Nach­haltig­keit von Haselnüssen aus? Hier hat sich noch nicht viel getan. Fast alle Anbieter beziehen ihre Nüsse ausschließ­lich aus der Türkei. Es seien oft Familien, heißt es, die im Sommer an die Schwarz­meerküste fahren, um ihre Bäume abzu­ernten. Eine Studie des Südwind-Instituts sieht das nicht so idyl­lisch: Es gebe viele Wander­arbeiter, die schlecht bezahlt würden, kurdische Beschäftigte würden darüber hinaus oft diskriminiert.

Nach­haltig­keits­nach­weise sind Mangelware. Kein konventioneller Anbieter im Test legte uns ein Zertifikat für seine Haselnüsse vor. Ferrero hat immerhin ein eigenes Rück­verfolg­barkeits­programm gestartet, Rewe unterstützt den Aufbau eines Stan­dards der Label-Organisation Utz.

Fort­schritte bei Kakao

Größer ist das Engagement bei Kakao. Für 17 der 21 Schoko-Cremes belegten die Anbieter, dass ihr Kakao aus nach­haltigem Anbau stammt. Siegel wie Fairtrade und Utz sollen das garan­tieren. Bei Kakao ist es üblich, ihn als massen­bilanzierten Rohstoff einzukaufen.

Gegen das größte Problem in der welt­weiten Kakao­produktion, die ausbeuterische Kinder­arbeit, haben sich Firmen zusammengetan, ähnlich wie bei Palmöl. Hinter dem Forum Nach­haltiger Kakao stehen neben dem deutschen Lebens­mittel­handel und der Süßwaren­industrie auch zwei Bundes­ministerien. Ein Projekt des Vereins ist Pro-Planteurs. Es hat das Ziel, die Bauern zu schulen und so höhere Ernten und Einkommen zu erreichen. Es unterstützt die Ausbildung von 20 000 Kakao­bauern in der Elfen­beinküste.

Die große, komplizierte Welt im Schokoglas – nur ein Teil der Anbieter im Test weist auf ihren Produkten darauf hin, sei es über Nach­haltig­keits­logos oder Links ins Internet. Markt­führer Ferrero etwa verzichtet bei Nutella komplett darauf, obwohl er sich breit engagiert. Es reiche die „Fülle von Informationen, die das Produkt aufgrund gesetzlicher Vorgaben aufweisen muss“, so ein Sprecher. Eines ist sicher: Viele Verbraucher wüssten gern mehr.

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