NuVinci-Fahrradnabe Schnelltest

Die Idee geht bis auf das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci zurück. Sie verspricht Radfahrern stets die exakt passende Übersetzung. Stufenlos lässt sich die neue Nabe der Marke Nuvinci regulieren. Für die Kraftübertragung sorgen Kugeln statt Zahnräder. Die Achse dieser Kugeln kann der Radler vom Lenker aus regulieren und dadurch die Übersetzung nach Bedarf anpassen. Soweit die Theorie. Im Neuheitentest muss die Getriebenabe zeigen, ob sie in der Praxis hält, was die Theorie verspricht.

Unscheinbares Gehäuse

NuVinci-Fahrradnabe Schnelltest

Von außen macht die NuVinci-Nabe wenig her. Das graue Metallgehäuse ist viel größer und klobiger als herkömmliche Schaltnaben und sieht gar nicht nach High-Tech aus. Ganz anders das Innenleben: Alle beweglichen Teile drehen sich in hochwertigen und präzisen Lagern. Die Kugeln und die Laufflächen, die die Kraft übertragen, sind aus speziell gehärtetem Werkzeugstahl gefertigt. Der test-Ingenieur ist beeindruckt. Allerdings: Die Präzsision ist auch nötig. Über zwei winzig kleine Kontaktflächen an jeder der acht Kugeln wird die Kraft des Fahrers vom Ritzel in das Nabengehäuse übertragen. Möglich macht das überhaupt nur ein spezielles Öl. An der Kontaktfläche versteift es sich und sorgt so für die Kraftübertragung.

Geräuschlos Schalten

NuVinci-Fahrradnabe Schnelltest

Der Fahrer spürt von dem technischen Aufwand nichts. Wo Getriebenaben zuweilen surren, rattern und mahlen, ist von der NuVinci-Nabe praktisch nichts zu hören. Bei test-Fahrten mit dem mit 999 Euro preiswertesten bislang verfügbaren NuVinci-Fahrrad Batavus Ouverture hinterließ die Nabe einen guten Eindruck. Das Fahrrad allerdings zeigte beim Bremsen gefährliche Schwächen. test.de berichtet dazu extra. Das Getriebe funktionierte einwandfrei: Ohne Druck auf dem Pedal lässt sich die Übersetzung per Drehgriff ganz leicht verstellen. Mit zunehmendem Druck aufs Pedal nimmt der Widerstand des Schaltgriffs zu. Dennoch lässt sich die Nabe auch bei voller Fahrt regulieren: Immer wenn die Pedale am oberen und unteren Totpunkt stehen, geht die Verstellung der Nabe leicht. Dabei lässt sie sich über den Drehgriff sehr feinfühlig und genau dosieren. Die stilisierte Übersetzungsanzeige spielt dabei keine Rolle. Sie ermöglicht es allerdings, im Stand die passende Übersetzung fürs Anfahren zu finden. Der Schaltweg von der kürzesten zur längsten Übersetzung ist ziemlich weit. Eineinviertel Umdrehungen des Schaltgriffs sind nötig. Das stört jedoch kaum. Wer ohnehin anhalten muss, hat meist Zeit, zwei- oder vielleicht auch dreimal umzugreifen. Während der Fahrt bietet sich an, die Übersetzung in kleinen Schritten ständig dem Bedarf anzupassen. So fährt es sich am bequemsten. Die test-Fahrer gewöhnten sich daran schnell und gern.

Übersetzungen für fast alle Fälle

NuVinci-Fahrradnabe Schnelltest

Die NuVinci-Nabe schafft eine Übersetzungsbandbreite von 350 Prozent - mehr als die 8-Gang-Nabe von Shimano und die 9-Gang-Nabe von Sram. Für die allermeisten Fahrten steht damit die passende Übersetzung bereit. Bei Hochgebirgstouren muss jedoch auch die NuVinci-Nabe passen. Bei Einstellung der kürzesten Übersetzung fährt ein Fahrrad mit 28 Zoll-Rädern rund 9 Stundenkilometer schnell, wenn der Fahrer 140 mal pro Minute in die Pedale tritt und so auf 70 Kurbelumdrehungen kommt. Eine längere Steigung von 10 Prozent ist jedoch für nicht allzu ungeübte Radfahrer nur mit etwas mehr als 6 Stundenkilometern halbwegs entspannt zu schaffen. Mit einem Rad mit NuVinci-Nabe müsste der Fahrer dafür rund 45 Umdrehungen pro Minute treten und entsprechend höheren Pedaldruck erzeugen. Das strapaziert Knie und Muskeln und ist nicht lange durchzuhalten. Allerdings: Herkömmliche Getriebenaben sind bei steilen Bergen noch schneller am Ende. Nur die mindestens 750 Euro teure Rohloff-14 Gang-Nabe und breit ausgelegte Kettenschaltungen bieten ein größeres Übersetzungsspektrum und mehr Kletterfähigkeit.

Einschätzung zur Effizienz

Gerade bei Bergfahrten ist die NuVinci-Nabe des aktuellen Typs N170S allerdings auch eine Belastung. Sie wiegt fast 4,3 Kilo. Zum Vergleich: Die leichtesten Variante der Shimano 8-Gang-Nabe kommt nur auf gut ein Drittel dieses Gewichts. Sogar das 14-Gang-Rohloffgetriebe bringt deutlich weniger als zwei Kilo auf die Waage. Noch nicht genau prüfen ließ sich, ob die NuVinci Nabe beim Wirkungsgrad mit den bewährten Getriebenaben mithalten kann. Es fehlen geeignete Messmethoden. Bei den Fahrversuchen hatten die test-Piloten den Eindruck, dass das neue Stufenlos-Getriebe bei mittleren Übersetzungen genau so effizient ist wie die Getriebenaben von Shimano und Sram. Bei extrem kurzer und extrem langer Übersetzung geht allerdings wohl etwas mehr Kraft verloren als bei den besten herkömmlichen Schaltnaben. Die NuVinci-Entwickler glauben allerdings: Nachteile beim mechanischen Wirkungsgrad werden dadurch mehr als ausgeglichen, dass der Fahrer durch die stufenlose Anpassung der Übersetzung stets mit der günstigsten und effizientesten Trittfrequenz unterwegs ist. Überprüfen lässt sich das kaum. Die test-Fahrer empfanden die fein dosierbare Übersetzung jedenfalls als sehr angenehm.

Warten auf Anleitung

Auch zur Haltbarkeit der NuVinci-Nabe lässt sich nach der ersten Prüfung im test-Labor noch nichts sagen. Wie lange Kugeln und Laufflächen dem hohen Druck in der Nabe und den Kräften des Fahrers standhalten, lässt sich nicht abschätzen. Neben dem mechanischen Verschleiß kann außerdem die Alterung des Hydrauliköls die Kraftübertragung der NuVinci-Nabe beeinträchtigen. Wirklich ärgerlich: Eine deutschsprachige Bedienungsanleitung gibts noch nicht. Derzeit bietet der Hersteller die Hinweise zum Betrieb und zur Wartung nur auf Englisch an.

[Update 11.08.2008] Fallbrook Technology hat die Nuvinci Nabe weiterentwickelt. Wichtigster Fortschritt: Die aktuelle Variante N171B der Nabe ist leichter. Sie wiegt nach Herstellerangaben jetzt zwischen 3,85 und 3,95 Kilogramm.

[Update 19.03.2010] Der Hersteller hat gerade eine noch weiter entwickelte Version der Nabe vorgestellt. Sie heißt Nuvinci N360. Das Gewicht liegt jetzt laut Hersteller bei nur noch 2,6 Kilogramm. Außerdem ist nur noch eine dreiviertel Umdrehung am Schaltgriff nötig, um von der längsten zur kürzesten Übersetzung zu wechseln. Im Special Fahrradtechnik liefert test.de Ihnen einen aktuellen Überblick über alle wichtigen Fahrradschaltungen.

test-Kommentar: Gewichtige Argumente
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