Das müssen Sie wissen ...

Was ist Nitrofen?

Nitrofen ist ein Unkrautvernichtungsmittel. Das braune, kristalline Pulver wurde einst als Spritzpulver gehandelt. Seit 1980 ist die Anwendung von Nitrofen in der Bundesrepublik Deutschland verboten. Seit 1990 gilt das Verbot auch für die neuen Bundesländer. Die Europäische Union hat Nitrofen 1988 für alle Mitgliedsstaaten verboten.
Chemische Formel von Nitrofen: C12H7Cl2NO3.
2,4-Dichlor-1-(4-nitrophenoxy)benzol (nach CAS) oder 2,4-Dichlorphenyl 4-nitrophenylether (nach IUPAC). CAS und IUPAC sind internationale Organisationen für chemische Normung.

Wie gefährlich ist Nitrofen?

Gefährlich. Nitrofen greift in das Hormonsystem ein. Es ist ähnlich aufgebaut wie ein Schilddrüsenhormon und gilt als erbgutverändernd (mutagen). In Tierversuchen hat Nitrofen Krebs erzeugt. Bei der Fütterung von Tieren reichert es sich im Fettgewebe an. Nitrofen wird nicht abgebaut. Bei Legehennen kann es in die Eier übergehen.

Wieviel Nitrofen ist gefährlich?

Lebensmittel dürfen pro Kilogramm höchstens 0,01 Milligramm Nitrofen enthalten. Diese tolerierbare Höchstmenge ist in der Rückstands-Höchstmengenverordnung (RHmV) vom 21.10.1999 festgelegt. Die Nachweisgrenze für Nitrofen liegt bei 0,004 mg/kg. Die Stiftung Warentest hat Lebensmittel immer wieder auf Pestizide untersucht. Auch auf Nitrofen. Bisher wurde das Gift jedoch bei keinem Lebensmitteltest gefunden.

Welche Lebensmittel sind jetzt mit Nitrofen belastet?

Nitrofen wurde zuerst in Hähnchen- und Putenfleisch, in daraus hergestellten Wurstwaren sowie in Eiern nachgewiesen. Es handelt sich bisher ausschließlich um Produkte aus Öko-Produktion. Der Nitrofen-Anteil im Hühner- und Putenfleisch lag offenbar deutlich über dem festgelegten Grenzwert von 0,01 mg/kg. Bei Eiern wurde der Grenzwert bisher nur knapp überschritten. Möglicherweise ist jetzt auch Schweinefleisch betroffen. Die Landwirtschaftskammer Rheinland entdeckte Nitrofen in Öko-Ergänzungsfutter für Schweine.
Nun wurde Nitrofen auch in Puten-Würstchen des Herstellers Meica gefunden. Die belastete Produktion stammt vom 7. September 2001. Das Gift müsse in der vorausgegangenen Mastperiode durch Futter in die Bio-Puten gelangt sein, hieß aus dem Verbraucherschutzministerium.

Wo kommt das Nitrofen her?

Aus einem Getreidelager in Malchin im Osten Mecklenburg-Vorpommerns. In der Halle lagerten zu DDR-Zeiten Pflanzenschutzmittel. Auch der jetzt verseuchte Öko-Weizen wurde dort aufbewahrt. Reste des Giftes gingen offenbar auf das Getreide über. Die Behörden untersuchten eine Fegeprobe. Der Staub aus der Lagerhalle enthält 2 Gramm Nitrofen pro Kilogramm. Ein extrem hoher Wert. Die Lagerhalle hätte nicht für Lebens- und Futtermittel genutzt werden dürfen. Der Bund hatte das ehemalige DDR-Gebäude aber ohne Auflagen verkauft. Die Anwendung von Unkrautvernichtungsmitteln ist im ökologischen Landbau generell verboten. Inzwischen gibt es allerdings Hinweise auf weitere Quellen von Nitrofen. Experten bezweifeln, dass Altlasten aus der Lagerhalle eine Verseuchung im aktuellen Ausmaß hervorrufen können.

Wieso sind so viele Lebensmittel von einer Lagerhalle betroffen?

Weil der verseuchte Öko-Weizen in vielen Bundesländern verfüttert wurde. Lieferant ist der Futtermittelhersteller GS agri aus Niedersachsen. Dort wurden verseuchte Rückstellmuster entdeckt. Die Futtermittelproduzenten müssen Muster jeder Getreidepartie für mögliche Analysen aufbewahren. Die im Weizen gemessenen Werte lagen bei 5,96 mg Nitrofen pro Kilogramm. Das ist fast 600mal mehr als zugelassen. Insgesamt sollen 550 Tonnen Weizen verunreinigt sein. Betroffen ist offenbar nur Öko-Weizen. GS agri stellt auch konventionelle Futtermittel her. Darin wurde bisher kein Nitrofen gefunden. Allerdings gibt es Hinweise auf weitere mit Nitrofen belastete Getriedelieferungen. Ermittlungen laufen.

Wer hat das Nitrofen-Futter verwendet?

Der vergiftete Futterweizen wurde vermutlich von 120 Öko-Betrieben in mehreren Bundesländern verwendet. In Mecklenburg-Vorpommern sollen wegen der Nitrofen-Funde etwa 63.000 Hennen getötet werden. Belastetes Putenfleisch sei an mindestens 90 Abnehmer in zehn Bundesländern geliefert worden, teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium mit. Weitere Lieferungen seien ins Ausland gegangen. Das belastete Fleisch wurde in Bremen sogar in drei Kindergärten ausgegeben.
Nach einem aktuellen Prüfbericht der Landwirtschaftskammer Rheinland sei auch Öko-Ergänzungsfutter für Schweine hochgradig mit Nitrofen belastet. Lieferant des Futters ist wiederum GS agri aus Niedersachsen.

Wie reagieren die betroffenen Firmen?

Die Firma Wiesengold – größter deutscher Anbieter von Bio-Eiern – hat nach eigenen Angaben inzwischen alle Eier aus dem Handel genommen. Wiesengold-Eier werden unter den Namen Grüne Wiesen Biohöfe, Mühlenhof, Tegut Bio-Eier, Terra Pura, Tiemann's Bio-Ei und Wiesengold verkauft. Vorsorglich haben auch die Handelsketten Edeka (Wertkost), Tengelmann (Naturkind), Rewe (Füllhorn) und Metro (Grünes Land) ihre Bio-Eier zurückgerufen. Alle Kunden bekommen ihr Geld zurück.
Der Öko-Anbauverband Demeter schließt „bei seinen Betrieben nach derzeitigem Erkenntnisstand eine Nitrofen-Problematik aus“.

Was kann ich tun?

Tauschen Sie Eier der erwähnten Marken um, wenn Sie sie vor dem 23. Mai 2002 gekauft haben. Gleiches gilt für Geflügel von Grüne Wiesen Biohöfe, das vor April 2002 gekauft wurde und noch in der Kühltruhe lagert.

Stand: 6. Juni 2002.

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