Wenn die Nieren nicht mehr richtig funktionieren, sind auch Herz und Gehirn in Gefahr. Es kommt darauf an, Schäden rechtzeitig zu erkennen – dann sind sie noch umkehrbar.

Nieren Special

Je 140 Gramm leicht und etwa faustgroß filtern die Nieren jeden Tag 1 000 bis 1 500 Liter Blut. Auf diese Weise entgiften sie den Organismus. Jede Niere enthält mehr als eine Million kleiner, kompliziert aufgebauter Filterelemente – die Nierenkörperchen. Dort wird das Blut durch ein System feinster Gefäße geschleust (siehe Infografik). Aus Wasser und Schadstoffen bildet sich der Harn, der in konzentrierter Form schließlich ausgeschieden wird. Blutzellen und Eiweiße hält das Filtersystem zurück und gibt sie nach dem Reinigungsprozess zusammen mit anderen Stoffen und dem größten Teil des Wassers wieder in den Blutkreislauf (weitere Aufgaben der Niere).

Alle zwei Jahre überprüfen

Ob die Niere normal arbeitet, kann der Hausarzt beim zweijährlich erfolgenden Gesundheits-Check-up 35+ überprüfen. Diese Untersuchung, die auch nach unerkannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes fahndet, steht allen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen ab einem Alter von 35 Jahren zu.

Im Frühstadium keine Beschwerden

Eine solche Früherkennungsuntersuchung ist besonders sinnvoll, da eine Funktionsstörung der Niere im Frühstadium keine Beschwerden verursacht. Doch wenn der Filter nicht mehr richtig funktioniert, finden sich Stoffe im Urin und Blut, die dort nicht hingehören, zumindest nicht in diesen Mengen. Sie lassen sich mit Labortests aufspüren. Ein wichtiger Marker für Nierenprobleme ist zum Beispiel zu viel Eiweiß, speziell Albumin, im Urin. Der standardmäßig eingesetzte Streifentest zur Urinuntersuchung erfasst nur relativ hohe Konzentrationen der kleinen Eiweißmoleküle von über 200 Milligramm pro Liter Urin – eine sogenannte Makroalbuminurie. Bereits eine zehnfach niedrigere Albuminmenge kann jedoch auf einen beginnenden Nierenschaden hinweisen. Ein entsprechend empfindlicher Test ermittelt Konzentrationen von 20 bis 200 Milligramm Albumin pro Liter Urin – man spricht dann von Mikroalbuminurie.

Veränderungen noch umkehrbar

„Eine Mikroalbuminurie ist zumeist Ausdruck funktioneller und damit noch umkehrbarer Veränderungen der Niere“, erklärt der Nephrologe – das ist ein Nierenspezialist – Dr. Nils Heyne von der Universitätsklinik Tübingen. „Ein Mikroalbumintest kann Risikopatienten vor Eintritt einer strukturellen, nicht mehr reversiblen Nierenschädigung identifizieren“, fügt der Facharzt hinzu.

Besteht eine Mikroalbuminurie und bleibt sie unerkannt, drohen langfristig fortschreitende Schäden an den Nieren, aber auch am restlichen Organismus. Seit einigen Jahren weiß man, dass Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion ein erhöhtes Risiko haben, frühzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Der Nachweis von geringen Eiweißmengen im Urin ist daher nicht nur ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Filterelemente der Niere durchlässiger geworden sind. Es ist auch ein früher Hinweis darauf, dass das gesamte Gefäßsystem geschädigt wird.

Risiko Diabetes und Bluthochdruck

Zu den Risikogruppen gehören unter anderem Personen mit familiär gehäuften oder anderen Nierenerkrankungen, gefährdet sind aber vor allem Diabetiker und Patienten mit Bluthochdruck. Hohe Blutzuckerwerte und erhöhter Blutdruck schädigen die Gefäße im gesamten Körper – mit der Folge verkalkter, verengter oder entzündeter Adern. Besonders früh werden häufig die feinen Nierengefäße in Mitleidenschaft gezogen. Die Durchblutung der Niere ist daher gestört, und im schlimmsten Fall stirbt ein Teil des Nierengewebes ab.

Fast ein Viertel der Fälle chronischen Nierenversagens geht auf zu hohen Blutdruck zurück, noch mehr auf Diabetes. Die Nierenfunktion kann auch unter Medikamenten leiden (siehe Interview)

Mit erhöhtem Risiko jährlich zum Arzt

Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine Nierenerkrankung sollten sich zumindest einmal im Jahr einem Nierencheck unterziehen. Für solche Risikogruppen oder bei Verdacht auf eine Schädigung übernehmen die Krankenkassen in der Regel auch die Kosten für verfeinerte diagnostische Verfahren, wie den Mikroalbumintest. Je länger ein Diabetes – sowohl Typ 1 als auch Typ 2 – andauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung, besonders wenn der Blutzuckerspiegel unzureichend eingestellt ist. Viele Betroffene entwickeln zusätzlich hohen Blutdruck, was das Risiko für Nierenschäden steigert.

Bluthochdruck als Ursache und Folge

„Auch ein unbehandelter Bluthochdruck schädigt auf Dauer die feinen Gefäße in der Niere“, sagt Dr. Heyne, „sie vernarben, und Nierengewebe geht zugrunde.“ Dabei kann eine Nierenerkrankung sowohl Ursache als auch Folge eines Bluthochdrucks sein.

Ablagerungen und Verengungen in den großen Nierenarterien und Veränderungen in den mikroskopisch kleinen Arteriolen, die jedes Nierenkörperchen mit Blut versorgen, behindern die Durchblutung. Die erkrankte Niere versucht, ihre eingeschränkte Durchblutung zu verbessern, steigert dabei allerdings den Blutdruck im Körperkreislauf auf krankhafte Werte.

Teufelskreis unterbrechen

Im Vordergrund steht, den Blutdruck zu senken. Nur so lässt sich der Teufelskreis aus erhöhtem Blutdruck und Schäden an den Nierengefäßen, die wiederum eine Steigerung des Blutdrucks bewirken, unterbrechen. Für Bluthochdruckpatienten ohne weitere Erkrankungen gelten Zielwerte von 140/90 Millimeter Quecksilbersäule, für Diabetiker, oder wenn bereits eine Nierenschädigung vorliegt, noch etwas darunter. Auch die Einstellung von Blutzucker und Cholesterin rettet Nierengewebe.

Je mehr funktionsfähiges Nierengewebe verloren geht, umso schlechter kann die Niere ihre Aufgaben erfüllen. Stoffwechselprodukte und Giftstoffe können nicht mehr ausreichend ausgeschieden werden, und die abnehmende Urinproduktion führt zu Wassereinlagerungen (Ödemen) an Füßen, Händen oder im Gesicht. Medikamente, die die Wasserausscheidung anregen (Diuretika) und die Eiweißausscheidung bremsen, können die „Arbeitsbedingungen“ für die Nieren verbessern. Das gilt auch für Änderungen des Lebensstils (siehe „Vorbeugen“) und der Ernährung, wie etwa den Kochsalzverzehr mindern.

Nierenversagen verhindern

Wenn nur noch 5 bis 10 Prozent des Nierengewebes funktionieren, spricht man von Nierenversagen. Ohne Behandlung ist das lebensbedrohlich. Dann hilft nur noch eine Nierenersatztherapie wie eine Dialyse (siehe „Dialyse und Transplantation“) oder eine Nierentransplantation. In Deutschland gibt es derzeit etwa 70 000 Dialysepatienten. Rund 2 700 Nieren wurden im Jahr 2009 transplantiert. „Etwa 8 000 weitere Patienten warten derzeit auf ein Spenderorgan“, erklärt der Nieren- und Transplantationsspezialist Dr. Nils Heyne, „und oftmals länger als fünf Jahre.“

Schnelltest für zuhause

Nieren Special

Wenn Nierenschäden so früh erkannt werden, dass sie noch umkehrbar sind, lassen sich Komplikationen und dramatische Eingriffe oft vermeiden. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie empfiehlt jedem ab 50 Jahren zur persönlichen Gesundheitsvorsorge neben dem regelmäßigen Nierencheck auch einen Mikroalbumintest. Dieser Urintest gehört nicht zu den Früherkennungsuntersuchungen, die die Kassen bezahlen, jedenfalls nicht für Gesunde. Die Krankenversicherten müssen die Kosten in Höhe von etwa 7 Euro selbst tragen.

Tipp: Sie können auch Harnteststreifen für einen Schnelltest auf Mikroalbumin in der Apotheke kaufen – 12 Streifen ab etwa 20 Euro. Konsultieren Sie bei erhöhten Werten auf jeden Fall einen Arzt. Er kann weitere Untersuchungen veranlassen oder einen Facharzt für Nierenerkrankungen hinzuziehen.

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